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Erst arbeitslos, dann arm trotz Job

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Langzeitarbeitslose sehen sich häufig gezwungen, auch schlecht bezahlte Arbeit oder Teilzeitjobs anzunehmen – so kann es leicht passieren, dass sie auch als Erwerbstätige unter die Armutsgrenze fallen. Foto: fotosaint, fotolia

Immer mehr Menschen in Deutschland drohen zu verarmen, obwohl sie einer regelmäßigen Arbeit nachgehen. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten Studie hervor. Darin untersuchte die Hans-Böckler-Stiftung Zusammenhänge zwischen Arbeitsmarktpolitik und Erwerbsarmut in 18 europäischen Ländern. Im Fokus standen die Jahre 2004 bis 2014. Deutschland landete im Vergleich zwar „nur“ im Mittelfeld. Doch in keinem anderen europäischen Land wuchs die Gruppe der Berufstätigen, die unter die Armutsschwelle fallen, im Untersuchungszeitraum so stark an. Das ist alarmierend und bestätigt die Befürchtungen des SoVD, der seit Langem vor Altersarmut und Armut bei Erwerbstätigkeit warnt und diese in der Mitte der Gesellschaft angekommen sieht.

Als armutsgefährdet gilt hierzulande, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Das sind in Zahlen ausgedückt weniger als 869 Euro im Monat für Alleinstehende (2012). Als „berufstätig“ wird gemeinhin definiert, wer mehr als sechs Monate pro Jahr arbeitet. Lebten 2004 noch 4,8 Prozent der Erwerbstätigen unterhalb der Armutsgrenze, so waren es 2014 rund 9,6 Prozent – doppelt so viele Menschen wie noch vor zehn Jahren.

Armut wächst trotz zweiten Wirtschaftswunders

Gleichzeitig geht der Boom am Jobmarkt in das zweite Jahrzehnt. Laut Statistischem Bundesamt waren 2016 rund 43,4 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig – so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Und allerorts kann man nachlesen, dass immer mehr Branchen der Fachkräftemangel zu schaffen macht. Wie passt das zusammen mit der steigenden Erwerbsarmut?

Immer wieder und mit Nachdruck hat der SoVD darauf hingewiesen, dass eine Hauptursache dafür in der Deregulierung des Arbeitsmarktes begründet liegt. Jobs im Niedriglohnsektor, Teilzeitarbeitsplätze, unsichere Selbstständigkeit, die Situation als alleinerziehender Elternteil, Langzeitarbeitslosigkeit und Erwerbsminderung – all dies sind Faktoren, die dramatisch spürbare Konsequenzen für die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben. Oft reicht der Lohn nicht aus, um damit den Lebensunterhalt zu bestreiten, auch dann nicht, wenn der Gürtel schon eng geschnallt wird.

Niedriglöhne machen arm – im Erwerbsleben und im Alter

Leider reichen die negativen Auswirkungen prekärer Beschäftigungsformen weit über die Erwerbsphase hinaus. Es liegt auf der Hand: Niedrige Löhne und Brüche in der Erwerbsbiografie führen auch zu geringen Rentenansprüchen. Die Abwärtsspirale ist programmiert: Denn während die Einkommen und die Altersbezüge geringer ausfallen, steigen die Lebenshaltungskosten.

Hohe Sozialausgaben fußen auch auf Niedriglöhnen

Belegt wird diese fatale Entwicklung auch durch andere Zahlen. Erst vor wenigen Wochen verabschiedete das Bundeskabinett den Sozialbericht 2017. Darin wurde bekannt, dass 2016 insgesamt 918 Milliarden Euro für Sozialleistungen ausgegeben wurden. Die Kosten in diesem Bereich stiegen zwischen 2015 und 2016 um rund 33 Milliarden Euro. Schon 2021 könnten die Sozialausgaben die Billionengrenze überschreiten, hieß es von Expertenseite.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände forderte deshalb eine Obergrenze der Sozialausgaben von 40 Prozent.

Darauf fand SoVD-Präsident Adolf Bauer klare Worte: „Die Entwicklung der Sozialausgaben ist auch eine Folge der Niedriglohnpolitik. Immer mehr Menschen in Deutschland sind arm, obwohl sie arbeiten. Wenn gefordert wird, die Sozialausgaben zu begrenzen, ist das ein starkes Stück.“ Richtiger wäre es, anständige Löhne zu zahlen, macht Bauer deutlich. „Denn das verbessert die Einnahmen.“

Auch mit dieser SoVD-Forderung decken sich die Studien-Ergebnisse. So werten die Arbeitsmarktforscher den Druck auf Langzeitarbeitslose als Hauptgrund für den Anstieg armutsgefährdeter Erwerbstätiger. Arbeitslose sähen sich oft gezwungen, jede angebotene Stelle anzunehmen – auch schlecht bezahlte Tätigkeiten oder Jobs in Teilzeit. Strenge Zumutbarkeitsregeln, harte Auflagen für den Leistungsbezug und entsprechende Sanktionsmöglichkeiten der Arbeitsagenturen täten ein Übriges, stellten die Wissenschaftler fest.

Neuer Mindestlohn in der Pflege – Existenz sichernd?

Wie aus Langzeitarbeitslosen auch arme Erwerbstätige werden können, lässt sich in absoluten Zahlen noch deutlicher darstellen: Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Erwerbstätigen, die von 39,3 auf 42,6 Millionen anstieg, vergrößerte sich die Gruppe der arbeitenden Armutsgefährdeten in den Jahren 2004 bis 2014 von knapp 1,9 auf fast 4,1 Millionen und damit überproportional.

Frauen stellen nach wie vor die Mehrzahl der in Niedriglohnsektoren Beschäftigten. Deshalb treffen sie Armutsrisiken besonders. Ein Beispiel ist die Pflege: Soeben hat das Bundeskabinett nach den lange ersehnten Änderungen der Pflegegesetze beschlossen, den Mindestlohn für Pflegekräfte bis 2020 in zwei Schritten auf 11,35 Euro pro Stunde im Westen und auf 10,85 Euro im Osten anzuheben. Allerdings: Um bei einer Arbeitszeit von 38,5 Stunden über 45 Jahre versicherungspflichtiger Beschäftigung eine Nettorente oberhalb des Grundsicherungsniveaus zu erhalten, ist aktuell rechnerisch ein Stundenlohn von mindestens 11,85 Euro erforderlich. Das antwortete die Bundesregierung im April 2017 auf eine entsprechende Anfrage (Arbeitsnummer 167).

Zur Ausgabe 2017 der SoVD-Zeitung




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