Orientierung geben, Zugänge sichern, Versorgung stärkenSoVD-Forderungspapier: Primärversorgung neu gestalten
Die ambulante Gesundheitsversorgung ist für viele Menschen schwer zugänglich und unübersichtlich. Der SoVD fordert deshalb eine Primärversorgung, die Patient*innen zuverlässig begleitet, medizinische Angebote besser koordiniert und bestehende Barrieren abbaut. Zusätzliche Gebühren, verpflichtende Einschreibungen oder andere Zugangshürden lehnt der Verband ab.
Warum wird über die Primärversorgung diskutiert?
In ihrem Koalitionsvertrag haben Union und SPD verabredet, ein Primärversorgungssystem in Deutschland einzuführen. Das Bundesgesundheitsministerium hat hierzu im Januar 2026 einen Fachdialog gestartet. Eckpunkte der Reform werden für den Spätsommer 2026 erwartet. Der SoVD möchte den Reformprozess konstruktiv begleiten und stellt dazu sein Forderungspapier „Primärversorgung neu gestalten – Orientierung geben, Zugänge sichern, Versorgung stärken“ vor.
Der Bedarf ist klar: Viele Patient*innen finden nicht rechtzeitig eine Haus- oder Facharztpraxis. Zugleich erschweren unterschiedliche Zuständigkeiten, komplizierte Terminwege und schlecht abgestimmte Versorgungsbereiche die Orientierung. Für Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder geringem Einkommen kommen häufig weitere bauliche, kommunikative, digitale und finanzielle Barrieren hinzu.
Eine Reform muss daher nicht nur das Verhalten von Patient*innen steuern. Sie muss vor allem die strukturellen Defizite des Gesundheitssystems beheben.
Für den SoVD ist klar:
„Es braucht eine patientenzentrierte, barrierefreie und individuell bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen.“
Aus dem SoVD-Forderungspapier “Primärversorgung neu gestalten”
Was bedeutet Primärversorgung?
Primärversorgung bezeichnet die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Anliegen. Sie umfasst medizinische Versorgung, Beratung, Prävention und Unterstützung bei der Wahl des passenden weiteren Versorgungswegs. Eine gute Primärversorgung begleitet Patient*innen kontinuierlich und koordiniert bei Bedarf die fachärztliche, therapeutische oder stationäre Behandlung.
- Primärversorgung ist mehr als die Hausarztpraxis.
- Sie umfasst auch qualifizierte Beratungs- und Unterstützungsangebote.
- Sie soll Zugänge erweitern und ordnen, nicht beschränken.
- Ärztliche Entscheidungen bleiben Aufgabe qualifizierter Fachkräfte.
Die Leitprinzipien des SoVD für eine gute Primärversorgung
Eine gute Primärversorgung muss sich konsequent an den Bedürfnissen der Patient*innen orientieren. Daraus ergeben sich zwingend folgende Leitprinzipien:
- Im Mittelpunkt stehen die Patient*innen.
- Patient*innen behalten die Entscheidungshoheit über ihre gesundheitlichen Belange.
- Barrierefreiheit ist kein Zusatz, sondern ein verbindlicher Standard.
- Die primärärztliche Versorgung unterstützt Patient*innen bei der Orientierung und übernimmt die Koordination im Versorgungsprozess.
- Das Primärversorgungssystem ermöglicht einen einfachen und wohnortnahen Zugang zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung.
- Der Zugang zur fachärztlichen Versorgung erfolgt grundsätzlich koordiniert über die primärärztliche Versorgung.
- Primärversorgung muss für alle wohnortnah, gut erreichbar und verlässlich verfügbar sein.
- Eine interprofessionelle und sektorenübergreifende Zusammenarbeit bündelt Kompetenzen und bildet das Fundament einer modernen Primärversorgung.
- Digitale Möglichkeiten sind als ergänzende Unterstützung zur Verbesserung von Erreichbarkeit, Koordination und Versorgungsqualität zu nutzen – analoge Zugangswege sind stets zu gewährleisten.
- Eine strukturierte Ersteinschätzung dient als unterstützendes Angebot der Orientierung von Patient*innen sowie der bedarfsgerechten Zuordnung zur passenden Versorgungsebene.
- Gesundheitsversorgung ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Die drei zentralen Zugangswege zum Primärversorgungssystem
Niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote
Nicht-ärztliche Beratungs- und Unterstützungsangebote bieten einen niedrigschwelligen Zugang bei gesundheitlichen Fragen. Sie stärken die Gesundheitskompetenz, ermöglichen Beratung und Versorgung im Rahmen ihrer fachlichen Kompetenzen und verweisen bei medizinischem Bedarf in die primärärztliche Versorgung.
Primärärztliche Versorgung
Die primärärztliche Versorgung ist zentraler medizinischer Zugangspunkt für Diagnostik und Behandlung. Sie unterstützt Patient*innen, begleitet sie kontinuierlich, koordiniert den Versorgungsverlauf und bindet bei Bedarf weitere Versorgungsangebote ein.
Strukturierte Ersteinschätzung
Strukturierte Verfahren unterstützen Patient*innen und Gesundheitsberufe dabei, gesundheitliche Anliegen einzuordnen und den passenden Versorgungsweg zu finden. Sie ermöglichen eine bedarfsgerechte Zuordnung zur geeigneten Versorgungsebene, ohne Zugänge einzuschränken.
Entscheidend bleibt dabei:
Das Recht der Patient*innen, sich bei Bedarf direkt an eine Praxis zu wenden, bleibt bestehen.
Aus dem SoVD-Forderungspapier “Primärversorgung neu gestalten”
Was muss sich bei der Primärversorgung verbessern?
Der SoVD fordert den Ausbau der Versorgungskapazitäten, bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Förderung der Allgemeinmedizin. Praxisgründungen und -übernahmen in unterversorgten Regionen sollen unterstützt werden. Auch innerhalb von Großstädten braucht es eine kleinräumigere Bedarfsplanung, damit sozial benachteiligte Quartiere besser versorgt werden.
Ärztliche, pflegerische, therapeutische und soziale Berufe sollen enger zusammenarbeiten. Primärversorgungsteams können Aufgaben entsprechend der jeweiligen Qualifikation verteilen und Patient*innen möglichst umfassend an einem Ort versorgen.
Gesundheitseinrichtungen müssen baulich, kommunikativ, digital und organisatorisch barrierefrei werden. Dazu gehören verständliche Informationen, Leichte Sprache, Kommunikationshilfen, erreichbare Terminwege und Unterstützung bei notwendigen Transporten oder Begleitungen. Freiwillige Lösungen reichen aus Sicht des SoVD nicht aus.
Prävention muss ein fester Bestandteil der Primärversorgung werden. Gesundheitsangebote sollen stärker mit kommunalen Hilfen, Sozial- und Jugendämtern sowie Schuldner-, Wohnungs- und anderen Beratungsstellen zusammenarbeiten. Gesundheit hängt nicht allein vom persönlichen Verhalten ab, sondern wesentlich von Einkommen, Wohnen, Arbeit und Umweltbedingungen.
Digitale Angebote und Telemedizin können Erreichbarkeit und Koordination verbessern. Sie dürfen den persönlichen Kontakt jedoch nicht ersetzen, wenn Untersuchung oder Behandlung vor Ort notwendig sind. Datenschutz, Freiwilligkeit und barrierefreie analoge Zugänge müssen gewährleistet bleiben.
Bei medizinischem Bedarf sollen fachärztliche Termine entsprechend der Dringlichkeit innerhalb einer verbindlichen Frist vermittelt werden. Gelingt dies nicht rechtzeitig, fordert der SoVD einen ambulanten Zugang zur entsprechenden Krankenhausversorgung. Für chronisch Erkrankte sollen ausreichend lange gültige Dauerüberweisungen unnötige Arztkontakte und Bürokratie vermeiden.
Was der SoVD ablehnt
Eine koordinierte Primärversorgung gewinnt nur dann Vertrauen, wenn sie den Versorgungsalltag tatsächlich verbessert. Zusätzliche Gebühren und Sanktionen würden insbesondere Menschen mit geringem Einkommen belasten und neue Zugangshürden schaffen.
Vor folgenden Schritten warnt der Verband daher ausdrücklich:
- verpflichtende Einschreibesysteme,
- Praxis- oder Steuerungsgebühren,
- Sanktionen bei der Wahl eines anderen Zugangs,
- rein digitale Zugangsmodelle,
- eine Einschränkung der freien Arztwahl,
- die Verlagerung medizinischer Entscheidungen auf automatisierte Systeme.
Zum Weiterlesen: Forderungspapier Primärversorgung von den Patient*innen aus denken
Mit einem sieben Punkte umfassenden Forderungspapier bringen die auf Bundesebene maßgeblichen Patientenorganisationen die Sichtweise der Patient*innen in die Debatte um die künftige Ausgestaltung der Primärversorgung in Deutschland ein. Eine Reform muss die Bedarfe der Patient:innen in den Vordergrund stellt und eine medizinisch adäquate, qualitativ hochwertige und sozial gerechte Versorgung gewährleisten.
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