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Wer nicht sehen kann, muss fühlen

Hier die Beschreibung des Bildes

Im Film 'Sturköpfe' spielt Alwara Hofes (li.) die Blindentrainerin Sissi. Die 'echte' Reha-Lehrerin Sissi Jörg zeigt ihr bei den Dreharbeiten wie sie den Stock halten muss. Foto: ARD Degeto, Hendrik Heiden

Auch blinde Menschen können sich im Alltag zurechtfinden. Häufig nutzen sie einen langen Stock, um sich ihre Wege zu ertasten. Den Umgang damit muss man jedoch zunächst einmal lernen. Sissi Jörgl ist Reha-Lehrerin und bietet eine solche Ausbildung an. Ihre Arbeit wurde jetzt für die ARD verfilmt. Im Anschluss an die Dreharbeiten sprachen wir mit Sissi Jörgl über die alltäglichen Probleme Sehbehinderter, die eines auf keinen Fall wollen: Mitleid.

„Sissi, das ist genau dein Job!“ Mit diesen aufmunternden Worten einer Kollegin fängt alles an. Sissi Jörgl arbeitet damals noch als Erzieherin an einer Schule für blinde und sehbehinderte Kinder. Gerne würde sie intensiver mit den Kindern arbeiten und sie auf deren Alltag vorbereiten. Doch dafür müsste die 28-Jährige Blindenpädagogik studieren. Und das kann sich die junge Frau eigentlich überhaupt nicht leisten. Doch die Freundin lässt nicht locker und macht ihr Mut. Also wagt Sissi Jörgl den Neuanfang: Sie verkauft ihr sämtliches Hab und Gut, leiht sich Geld und zieht zum Studium von Bayern nach Hamburg – auf der Suche nach „ihrem Job“.

Wenn sie heute an diese Zeit zurückdenkt, ist sie froh über ihre Entscheidung. Sissi Jörgl ist angekommen und arbeitet seit mittlerweile zehn Jahren als „Rehabilitationslehrerin für Blinde und Sehbehinderte in Orientierung und Mobilität“. So bezeichnet sie ihren Beruf im Gespräch mit der SoVD-Zeitung und holt danach erst einmal tief Luft. Sie muss selbst lachen und erklärt, warum sie so penibel ist: „Wir werden häufig auch als ‚Blindenführer‘ bezeichnet, und das finden wir Reha-Lehrer ganz furchtbar, weil mit ‚führen‘ haben wir schon mal gar nix am Hut.“

"Ihre Motivation hat mich wahnsinnig beeindruckt"

Zu Jörgl kommen Menschen, die von ihrem Augenarzt ein Rezept für ein Mobilitätstraining bekommen haben. Bezahlt wird das zwar von der Krankenkasse, die Inhalte müssen jedoch individuell angepasst werden. Zunächst einmal klärt die Reha-Lehrerin die Hintergründe und die persönliche Motivation ab.

Im Gedächtnis geblieben ist Jörgl die Geschichte einer älteren Dame. Deren Mann war ins Pflegeheim gekommen, wo ihn die 89-Jährige am liebsten täglich besuchen wollte. Ein Taxi wäre zu teuer gewesen, somit blieb nur die Fahrt mit der S-Bahn. Hierfür brauchte die stark sehbehinderte Frau jedoch dringend Unterstützung, schon mehrfach war sie gestürzt und hatte sich verletzt. Jörgl half ihr dabei, die Wege selbstständig zu bewältigen und empfindet noch immer eine tiefe Anerkennung: „Die Frau hatte so einen starken Willen und eine große Motivation, das zu schaffen – das hat mich wahnsinnig beeindruckt!“

Es geht nicht um Mitleid, sondern um Unterstützung

Auf die Frage, welchen Rat sie ihren Kunden als Erstes gebe, antwortet die Reha-Lehrerin wie aus der Pistole geschossen: „Sie müssen sich kennzeichnen!“ Immer wieder kämpfe sie gegen diese Hemmschwelle an. Viele Sehbehinderte wehren sich gegen eine Armbinde, weil sie noch dazugehören wollen. Sie versuchen, irgendwie in der Masse mitzuschwimmen. Doch, so Jörgl, das funktioniere irgendwann eben nicht mehr: „Man fällt dann eher als betrunken auf, weil man schwankt oder jemanden anrempelt. Meist kriegt man dann noch einen doofen Spruch zu hören.“ Wer sich nicht versteckt, gebe anderen dagegen überhaupt erst die Chance, sich richtig zu verhalten. Die Blindenlehrerin ist überzeugt, dass es so auch für die Betroffenen selbst leichter wird: Sie bekämen kein Mitleid, sondern Unterstützung.

Dass der Wunsch, nicht als „blind“ erkannt zu werden, lebensgefährlich sein kann, schildert Jörgl am Beispiel einer Klientin. Die Frau nimmt zunächst nur widerwillig an einer Schulung teil, weil sie glaubt, in ihrem Alltag noch zurechtzukommen. An einer Ampel, deren Signal sie nicht erkennen kann, demonstriert die Dame einen ihrer „Tricks“. Die Szene ist Sissi Jörgl noch sehr präsent: „Neben uns stand ein Obdachloser mit einem Einkaufswagen. Der Mann war offensichtlich betrunken und lief bei Rot über die Kreuzung – und die ältere Dame schnurstracks hinterher.“ Drüben angekommen, weiht sie Jörgl stolz in ihre Strategie ein: „Da stand eine Dame mit Kinderwagen neben uns, und ich dachte mir, dass die ja bestimmt nur bei Grün über die Ampel gehen wird.“ Als die Dame dann erfährt, wem sie ihre Gesunheit tatsächlich anvertraut hat, bricht ihr der Schweiß aus. Doch auch nach absolviertem Mobilitätstraining ist es nicht immer leicht, im Alltag zu bestehen. So hat Barrierefreiheit häufig zwei Seiten: Während etwa ein Rollstuhlfahrer auf abgesenkte Bordsteinkanten angewiesen ist, fehlt einem Sehbehinderten unter Umständen diese eindeutige Abgrenzung zur Fahrbahn, um sich daran orientieren zu können. 

"Mama, warum hat der Mann da einen Stock?"

Lange Zeit waren Blinde kaum wahrnehmbar. Sie lebten meist in Behinderteneinrichtungen und tauchten so gut wie nie im Stadtbild auf. Auch Reha-Lehrer gibt es erst seit etwa 40 Jahren. Auch wenn sich seitdem vieles zum Positiven verändert hat, ist längst noch nicht alles selbstverständlich. Wenn Kinder beispielsweise fragen, warum „der Mann da einen Stock hat“, und die Mutter dann sagt: „Psst, sei leise! Das ist ein Blinder“, dann hätte Sissi Jörgl eine andere Antwort gegeben, nämlich diese: „Ja, der hat einen Stock, und der hilft ihm beim Sehen. Das ist total toll, was er da macht!“

Info

Das Erste zeigt "Sturköpfe" am 4. Dezember um 20.15 Uhr. Der Film schildert die Arbeit einer Blindenlehrerin.

Zur Ausgabe November 2015 der SoVD-Zeitung




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