Sie befinden sich hier: Sozialverband Deutschland e.V. > Informieren > SoVD-Zeitung > Neues aus der SoVD-Zeitung > Helfen mit Schnauze und Pfoten


SoVD - Sozialverband Deutschland e.V. - Startseite

Helfen mit Schnauze und Pfoten

Hier die Beschreibung des Bildes

Bei dem gemeinnützigen Verein Hunde für Handicaps werden Behindertenbegleithunde von ihren Haltern ausgebildet.

Ein Hund kann für einen Menschen mit Behinderung mehr als nur ein Freund sein. Als ausgebildeter Behindertenbegleithund hilft er bei vielen alltäglichen Verrichtungen. Bevor der vierbeinige Assistent soweit ist, muss fleißig trainiert werden. Das erfolgt normalerweise bei einem Hundetrainer. Ein Berliner Verein bietet die Möglichkeit, seinen Hund selbst auszubilden.

Susi ist vier Jahre alt und übt, einen Lichtschalter anzuschalten, indem sie mit der Nase dagegen stupst. Susi ist nämlich eine Golden Retriever Hündin. Sie wird von ihrem Frauchen Roswitha Hocke zum Behindertenbegleithund ausgebildet. Susi soll Roswitha Hocke bei der Pflege ihrer schwer mehrfachbehinderten Tochter Sabrina unterstützen, die im Rollstuhl sitzt und epileptische Anfälle bekommt. Im Idealfall kann Susi später Medikamente holen, nach einem Anfall trösten und sogar vor einem bevorstehenden Anfall warnen. Seit dreieinhalb Jahren trainiert Frau Hocke mit Susi. Rund 20 akustische und manuelle Kommandos kennt die Hündin schon, kann zum Beispiel ein Geldstück aufheben oder das Handy holen.

Susi und Roswitha Hocke kommen jede Woche zum Hilfeleistungstraining. Das wird von Ursula Heiner geleitet. Sie ist zertifizierte Hundetrainerin und Vorstandsmitglied im Verein "Hunde für Handicaps". Der Berliner Verein ist der einzige bundesweit, der die Möglichkeit zur Selbstausbildung anbietet. Normalerweise werden Behindertenbegleithunde von Hundetrainern ausgebildet. Das kostet im Schnitt 20 000 Euro. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur bei Blindenführhunden, und die Wartelisten sind lang.

Bevor ein Hund die Ausbildung zum Behindertenbegleithund beendet hat, dauert es ein Weilchen. Als Welpe, aus dem Wurf eines ausgesuchten Züchters,  kommt er in eine Patenfamilie, wo er sozialisiert wird und Grundgehorsam lernt. Nach einem Jahr muss er die Wesensprüfung bestehen ? das schaffen nur 30 bis 40 Prozent. Danach wird er circa ein Jahr lang ausgebildet, bis er an den zu ihm passenden Menschen mit Behinderung abgegeben wird. Beide müssen dann zusammen trainieren, denn die Befehle werden individuell auf die Fähigkeiten des Halters abgestimmt. Am Ende steht die Assistenzhund-Team-Prüfung, deren Bestehen dem Hundehalter erlaubt, seinen Hund auch dorthin mitzunehmen, wo das normalerweise verboten ist.

Birgit Roller möchte die Prüfung mit ihrem Hund Charlie machen, aber ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit. Beide haben erst vor einem Jahr angefangen zu trainieren. Charlie wird im Dezember fünf Jahre alt und hat dann das zugelassene Höchstalter überschritten. Seine Halterin hofft, dass der Rüde bis dahin die drei mindestens erforderlichen Hilfeleistungen beherrscht. Birgit Roller sitzt im Rollstuhl, sie hat Multiple Sklerose. Heute soll Charlie üben, ihr die Jacke auszuziehen. Frauchen ist nervös und das überträgt sich auf Charlie, der aufgeregt an ihrem Jackenärmel zerrt. Nach mehreren Versuchen regt Trainerin Ursula Heiner an, erst einmal eine Pause einzulegen, damit bei beiden Ruhe einkehrt.

Inzwischen ist Rotraut Kasper an der Reihe. Sie leidet an fortschreitender Wirbelsäulenversteifung. Ihren Rüden Grisou bezeichnet sie scherzhaft als "Sparringpartner", der sie dazu zwingt, ihre Mobilität so lange wie möglich zu erhalten. Trotzdem ist es jetzt schon eine Erleichterung für sie, wenn Grisou ihr das Bücken abnimmt und Schuhe und Socken ausziehen kann. Das beherrscht Grisou schon gut. Deshalb bekommt er eine neue Aufgabe: er soll auf Befehl bellen. Die Leckerlies, die ihm Frauchen zur Anregung vor die Schnauze hält, starrt er hingebungsvoll an, gibt aber keinen Laut von sich. Schließlich ist er ein gut erzogener Hund. Auch die anderen Hunde, alle Re-triever, bleiben bei der Übung stumm: sie sind einfach zu brav. Gerade das macht Golden und Labrador Retriever zu idealen Assistenzhunden ? sie sind besonders sanft, gehorsam und gelehrig.

Mit viel Übung können Assistenzhunde, zu denen auch Behindertenbegleithunde zählen, erstaunlich viel lernen: Waschmaschine ausräumen, Handy holen oder Türen öffnen. Ein Blindenführhund kann zum Beispiel bis zu 400 Befehle unterscheiden und ausführen. Trotzdem darf man ihn nicht überschätzen und überfordern. Ein Assistenzhund ist "nur" ein Tier und muss Hund bleiben dürfen. Tierliebe allein genügt nicht zur Haltung. Zeit, Platz und Geld müssen vorhanden sein, um dem Hund ein würdiges Leben während seiner "Dienstjahre", aber auch im Fall einer Erkrankung und im Alter zu bieten, wenn er nicht mehr arbeiten kann.

Dieser Verantwortung sind sich die Teilnehmer des Hilfeleistungstrainings bewusst. Karin Vater ist Patin von Labradorhündin Kimba gewesen. Kimba hat den Wesenstest nicht bestanden. Trotzdem trainieren beide fleißig weiter, denn Karin Vater möchte jetzt Hundetrainerin werden.

Roswitha Hocke nimmt jede Woche lange Anfahrtswege in Kauf, um Susi zu trainieren. Zuhause geht es dann weiter, Tochter Sabrina und Susi müssen das Erlernte gemeinsam einüben. Aber die Zeit und Mühe nimmt Roswitha Hocke gerne auf sich, denn sie hat mit ihrer Tochter den therapeutischen Nutzen eines Hundes täglich vor Augen: Als Sabrina geboren wurde, bekam sie die Prognose, den Rest ihres Lebens nur liegen zu können. Allein die Anwesenheit ihres ersten, "ganz normalen" Hundes hat bewirkt, dass Sabrina jetzt im Rollstuhl sitzen und sogar einige Schritte laufen kann. Mit einem ausgebildeten Hund wie Susi wird der Alltag noch ein wenig leichter werden und vielleicht macht Sabrina aus Liebe zu ihrem Hund sogar noch weitere Fortschritte.

Zur Ausgabe November 2012 der SoVD-Zeitung




>> Zum Seitenanfang