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Vier kleine Helden

Hier die Beschreibung des Bildes

Bis zur vierten Klasse haben Lucas (oben), Jakob (links) und David (unten) eine inklusive Schule besucht. Während Lucas inzwischen eine Realschule besucht, gehen Jakob und David auf eine Montessori-Schule. Auch wenn sie sich dort mittlerweile wohl fühlen, wären sie lieber in "Berg Fidel" geblieben (Fotos: Donata Wenders/W-film).

Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ? funktioniert das? Ja, sagt Hella Wenders. Sie hat vier Kinder der Grundschule Berg Fidel in Münster über drei Jahre hinweg in ihrem Alltag begleitet. Was Anita, David, Lucas und Jakob dabei erleben, zeigt ihre Dokumentation "Berg Fidel ? eine Schule für alle", die seit Kurzem im Kino zu sehen ist.

Anita wäre am liebsten Topmodell, während Lucas von schnellen Autos träumt. Allerdings hat Anita, die mit ihren Eltern aus dem Kosovo geflohen ist, oft Albträume und spricht nicht so gut deutsch. Lucas dagegen sagt, er könne nicht so schnell lernen wie die anderen. Dann gibt es noch David, der sehr intelligent ist, aber schlecht sieht und hört; sein Bruder Jakob ist Träger des Down-Syndroms.

Das sind die vier Hauptdarsteller des Films über "Berg Fidel": Anita, Lucas, David und Jakob. Die mitreißende Dokumentation zeigt wie sie den gemeinsamen Unterricht an einer inklusiven Schule bewältigen. Überforderte Lehrer, Kinder, die aufgrund ihrer Behinderung andere am Lernen hindern? Fehlanzeige. Wer sich den mehrfach prämierten Film anschaut, sieht eine Ganztagsschule, an der niemand zurück gelassen wird. Vor allem aber lernt man vier kleine Menschen kennen, die jeweils ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen haben und die dennoch ihren Weg machen. Dabei geht es manchmal lustig zu, manchmal traurig. Und das ist eigentlich auch ganz normal. Sollte es zumindest sein.

"Der Film zeigt eine gelebte Utopie"

Hella Wenders zeigt in einer Dokumentation den Alltag an einer inklusiven Grundschule in Münster. Obwohl Inklusion als Menschenrecht anerkannt ist, hapert es bei der Umsetzung. Oftmals bleibt Kindern somit nur der Besuch einer Förderschule. Wir sprachen mit der Regisseurin über die Chancen der Inklusion in Deutschland.

___Brauchen manche Kinder eine Sonderbehandlung?
Jeder ist verschieden, und Kinder, die einen entsprechenden Bedarf haben, müssen natürlich gefördert werden. Aber warum muss das in einer Extraschule geschehen, in der die Kinder stigmatisiert werden und später keinen Job bekommen? Wenn die Kinder sich gegenseitig motivieren, dann tut ihnen das viel besser, als wenn jeder nur mit seinesgleichen in einer Klasse ist.

___Und das klappt auch im Unterricht?
In den ersten beiden Stunden ist an der Grundschule Berg Fidel "freie Arbeit". Ich war total beeindruckt, wie die Kinder in dieser Zeit ganz ruhig und konzentriert an ihrer jeweiligen Aufgabe arbeiten. Wer für sich selber merkt, dass er eine Pause braucht, geht kurz raus, setzt sich dann wieder hin und lernt weiter. Darüber hinaus helfen sich die Kinder gegenseitig, wenn es Probleme gibt. Dadurch entsteht eine ganz freie Atmosphäre.

___Verlangt man Kindern nicht zu viel ab, wenn sie einem Schüler, der eine schwere Behinderung hat, beim Lernen helfen sollen?
Das tun die Kinder ganz freiwillig. Ich glaube im Gegenteil, dass es sie sogar noch stärker macht. Wenn sie zum Beispiel selbst noch Schwächen in anderen Fächern haben, dann merken sie: Hier bin ich gut und kann mit dem helfen, was ich schon kann. Und ich kann mich an kein Kind erinnern, das etwa Jakob aus unserem Film nicht gerne geholfen hätte. Die haben sich alle wahnsinnig angestrengt und freiwillig Verantwortung übernommen.

___Dann kann inklusive Schule etwas verändern?
Natürlich! Lucas zum Beispiel hatte anfangs Lese- und Rechtschreibprobleme. Er hat sich in Berg Fidel einfach aufgehoben gefühlt und wusste, dass er dort willkommen ist. Er hat sich am Ende enorm verbessert und ist viel selbstbewusster geworden.
Anita wiederum war so etwas wie die Chefin in der Klasse und hat sich oft um die Kleineren gekümmert. Das war wiederum sehr gut für ihr eigenes Selbstwertgefühl. Der spätere Wechsel auf die Sonderschule war deshalb ganz schlimm für sie.

___Wie haben Sie als Außenstehende die Enttäuschung der Kinder erlebt?
Das war sehr traurig, obwohl den Kindern gar nicht so klar ist, was ihr Schulwechsel konkret für ihre Zukunft bedeutet. Anita wollte unbedingt in Berg Fidel bleiben, und David wäre gerne gemeinsam mit seinen Schulkameraden aufs Gymnasium gewechselt. Natürlich hat das ganze Filmteam gehofft, dass es irgendwie klappt.

___Das hat es dann leider nicht, wie man am Ende des Films erfährt.
Der Film zeigt eine gelebte Utopie, bei der die Kinder alle zusammen lernen und es ihnen gut geht. Das könnte so weiter gehen, tut es aber nicht, weil die Realität leider anders aussieht. Man merkt auch immer an den Reaktionen im Kino, wie die meisten Leute geschockt sind, dass zum Beispiel David ohne jede Begründung von den Gymnasien abgelehnt wurde.

___Wie geht es weiter mit dem gemeinsamen Unterricht?
Also die Grundschule Berg Fidel will über das vierte Schuljahr hinaus wachsen zu einer inklusiven Schule bis zum Abi-tur. Hierzu gibt es im Dezember in Münster einen großen Praxis-Kongress "Eine Schule für alle". Damit Berg Fidel Modellschule werden kann, muss eigentlich nur der Rat der Stadt dem Konzept zustimmen.

___Und darüber hinaus: Funktioniert Inklusion in Deutschland?
Also ich glaube daran. Und ich finde es wichtig, dass noch viel mehr Menschen das tun, denn sonst ändert sich ja nichts.

Zur Ausgabe Oktober 2012 der SoVD-Zeitung




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