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Wir passen die Arbeit an die Menschen an

Hier die Beschreibung des Bildes

Martin Lotzgesell und seine Kollegen setzen Kindersicherungen für Steckdosen in mehreren Arbeitsschritten zusammen.

Arbeit ist ein Bestandteil des Lebens, der zur Selbstständigkeit, zur Würde und zum Selbstbewusstsein des Menschen beiträgt. Die SoVD-Lebenshilfe in Witten trägt seit 40 Jahren dazu bei, dass das auch für Menschen mit geistigen oder psychischen Einschränkungen gilt.

Seit der Gründung der SoVD-Lebenshilfe gGmbH 1972 hat sich auf dem 20 000 Quadratmeter großen Gelände in Witten viel getan. Neben der WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen) entstanden ein Wohnheim, der Bereich IDL (Industrie-Dienst-Leistungen) sowie das Lebenshilfe-Center. Dieses Jahr wird in Witten Doppeljubiläum gefeiert: 40 Jahre gibt es die Berufsbildende Werkstatt, die Menschen mit geistiger Behinderung Beschäftigung bietet, 10 Jahre die IDL, in der psychisch erkrankte Menschen arbeiten.

Dr. Dieter König ist seit 2005 Geschäftsführer der SoVD-Lebenshilfe. Er erläutert das Konzept der Einrichtung. "Unser Auftrag ist es, die Menschen durch Arbeit zu fördern und ihr Selbstwertgefühl dadurch zu stärken. Wir passen die Arbeit an die Fähigkeit der Menschen an."

Gemeinsam mit Diplom-Sozialarbeiter Peter Michel führt er durch die Räume der Einrichtung. Als Leiter des Begleitenden Dienstes ist Peter Michel Ansprechpartner für Beschäftigte, Angehörige und Personal. Er ist seit 20 Jahren in der SoVD-Lebenshilfe: "Ich hatte das Glück, 1992 hier eine Stelle zu bekommen. Ich mache die Arbeit unheimlich gerne. Es ist schön, mit den Menschen zusammenzuarbeiten."

Der SMB

Die erste Station des Rundganges ist der SMB (Schwerstmehrfachbehindertenbereich), den Doris Schön leitet. Im Raum sitzen sieben Menschen mit Mehrfachbehinderung. Uwe König schraubt Muttern auf Schrauben, Markus Seidelmann schraubt sie ab. Auf den Rand einer Schüssel hat schon jemand Wäscheklammern gesteckt. Die Übungen dienen dazu, die Feinmotorik der Hände zu verbessern. Ziel ist es, selbstständiger zu werden, eine Flasche selbst aufschrauben oder alleine essen zu können, vielleicht sogar in der Werkstatt zu arbeiten. Dazu müssen die immer gleichen Abläufe jahrelang eingeübt werden. Das klingt monoton, aber Doris Schön widerspricht: "Das kommt bei ihnen gut an. Man merkt, dass sie sehr gerne hier sind, weil das hier eine festgefügte Struktur ist." Und es bringt Selbstbestätigung: "Sie sehen, so eine Menge habe ich heute geschafft oder hören von anderen ?Du warst aber heute fleißig?."

Die Unterstützende Kommunikation

Ein weiterer wichtiger Tagespunkt ist die Unterstützende Kommunikation. Da vielen die Sprache fehlt, wird mit Bildern und Symbolen gearbeitet, um Kontakt mit ihnen herzustellen. Uwe Schlücker zum Beispiel leidet an einer seltenen Gen-
erkrankung, bei der er immer mehr seine Sprache verliert. Um zu kommunizieren, benutzt er einen "Talker", einen Sprachcomputer, der wie ein Tablett mit bunten Bildern aussieht. "Guten Morgen" tönt es aus dem "Talker," wenn man eine bestimmte Tastenkombination drückt.

Der Snoezelenraum

Der Snoezelenraum ist ein besonderer Therapieraum, in dem die Sinne angeregt werden. Doris Schön drückt diverse Knöpfe und bunte Lichter laufen über die Wand, Säulen blubbern. Die Bässe des großen weißen Musikwasserbettes vibrieren. Das hilft besonders Spastikern und Rollstuhlfahrern, die verkrampften Muskeln zu entspannen.

Die Hundetherapie

Die beiden Rollifahrer Uwe und Ralf Schlücker sind in der Hundetherapie bei Therapeutin Julia Sachs und Labradorhündin Nala. Die Hündin steigt mit den Hinterbeinen auf das Trittbrett von Uwe Schlückers Rollstuhl und legt Kopf und Vorderpfoten auf seinen Schoß. Aus Ralf Schlückers Hand holt sie sich ein Leckerli. Beide Männer freuen sich sichtlich. Sie sitzen aufrechter, drehen den Kopf, reagieren mehr. Geschäftsführer Dr. Dieter König ist von der Wirkung begeistert: "Auch wenn die Leute vorher schlecht drauf waren, hier sind sie wie ausgewechselt, viel ausgeglichener."

Der BBB

Die nächste Station der Besichtigung ist der BBB (Berufsbildungsbereich) der Hauptwerkstatt. Zurzeit gibt es 32 Neuzugänge, die das dreimonatige Eingangsverfahren und danach das zwölfmonatige Arbeitstraining durchlaufen. Viele haben hier schon vorher bei einem Praktikum hineingeschnuppert.

Im ersten Jahr des Berufsbildungsbereiches werden verschiedene Arbeitsabläufe erlernt und intensiviert. Projekte gehören ebenfalls zum Tagesplan, es wird zum Beispiel ein Holztier gestaltet. Die bunt gemischten Gruppen von zehn bis zwölf Leuten bleiben ein Jahr zusammen. Das fördert die Bindungen untereinander, aber auch die Solidarität. Mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten sollen sie sich ergänzen und gegenseitig helfen. Danach durchläuft jeder verschiedene Arbeitsbereiche in der Hauptwerkstatt.

Die Hauptwerkstatt

Mit dem Prinzip Solidarität sind auch die Auftragsarbeiten in der Werkstatt termingerecht zu schaffen. In der Schreinerei fertigt ein Team Bilderrahmen in verschiedenen Größen an. Peter Michel: "Das ist eine schöne Arbeit, die unsere Beschäftigten gerne erledigen. Sie können viele unterschiedliche Arbeitsschritte machen."

In weiteren Arbeitsgruppen der Produktionswerkstatt werden unter anderem Kindersicherungen für Steckdosen montiert und die Heckklappenschläuche eines Automobilherstellers zusammengesetzt. Teilweise gehen die montierten Erzeugnisse direkt weiter in die Produktion der Kunden. Die Fehlerquote in der Qualitätskontrolle liegt bei fast Null.

Aber es gibt nicht nur Handarbeit. In der Montagehalle steht eine computergesteuerte Werkzeugmaschine. Kevin Mier demonstriert, wie sie funktioniert. Seit 14 Tagen arbeitet er an der CNC Maschine und kann sie schon gut bedienen. Sein Gruppenleiter Lothar Rzadkewicz ist sichtlich stolz auf ihn. "Ich habe relativ schnell festgestellt, dass er Potential hat." Er kann sich vorstellen, dass Kevin Mier sogar Chancen hat, auf den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Das schaffen nur ganz wenige ? ein bis zwei Prozent im Jahr.

Die IDL

Wie hart der erste Arbeitsmarkt inzwischen geworden ist, wissen viele IDLer aus eigener Erfahrung. Im Gegensatz zu den Neuankömmlingen aus den Förderschulen standen die meisten IDLer schon im Berufsleben, bevor sie eine psychische Erkrankung aus der Bahn warf. Die Agentur für Arbeit  oder ihr Rentenleistungsträger schickt sie zur 27-monatigen Reha-Maßnahme zur SoVD-Lebenshilfe. Die Leiterin des Begleitenden Dienstes, Heike Guthardt, führt durch den IDL Bereich, in dem zurzeit 115 Menschen beschäftigt sind.

Die Arbeiten sind ähnlich wie in der Hauptwerkstatt, nur etwas anspruchsvoller, die Eingangsphase ist kürzer und es gibt zusätzliche Arbeitsbereiche wie die Gärtnerei und die Kfz-Pflege. Der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt wird angestrebt, aber nur die wenigsten sind noch den Anforderungen des normalen Arbeitsmarktes gewachsen. Die meisten Neuzugänge entscheiden sich dafür, in Witten zu bleiben. Heike Guthardt kennt die Gründe: "Sie erleben die Tagesstruktur als sinnvoll. Durch die Erkrankung ist ja auch oft der Tag- / Nachtrhythmus verloren gegangen und auch soziale Kontakte sind weggebrochen durch Arbeits-, Geld- und Prestigeverlust."

Das Eingangsverfahren

Die "Neuen" sitzen gerade an verschiedenen Übungen, mit denen Tempo, Kraft und Geschicklichkeit getestet werden. Sie stehen am Beginn des dreimonatigen Eingangsverfahrens, glätten zum Beispiel ein Metallstück oder basteln wie Ute Pitcher Holzhasen, die über Ostern im Gewächshaus verkauft werden sollen.

Die Gärtnerei

Die Hasen finden sich in den Blumengestecken in der Gärtnerei wieder. Dort rüstet man sich schon für die Aktionswoche vor Ostern. Der direkte Kundenkontakt beim Verkauf  ist die Besonderheit und Herausforderung für die Beschäftigten in der Gärtnerei. "Hier bekommen sie direkte Rückmeldung zu dem, was sie tun", berichtet Heike Guthardt.

Die Kfz-Pflege

Auf die Aktionswoche bereitet sich auch die Kfz-Pflege vor. Dort wird der Service erstmals vorgestellt. Das Team aus acht Männern und zwei Frauen arbeitet daran, ein Auto per Handwäsche von innen und außen blitzeblank zu putzen. Drei Autos sollen gleichzeitig bearbeitet werden, da muss das Tempo noch ein bisschen angezogen werden. Die Tätigkeit ist eine Alternative zur handwerklichen Arbeit in der Werkstatt, und Dr. Dieter König hofft darauf, dass das Angebot bei den Wittener Autofahrern gut ankommt.

Der Empfang

Der Empfang, der die Termine für den Landschafts- und Gartenbau ausmacht, ist fest in Frauenhand. Monika Möller ist seit 2006 dabei, Monika Brinkmann ist von Beginn an in der IDL. Vorher haben sie schon viele Berufsstationen durchlaufen: Frisörausbildung, Verkäuferin, Arzthelferin, Altenpflegerin. Jetzt sitzen beide am Telefon und entgraten nebenbei Metallstücke. Sie sind froh, dass sie in Witten endlich einen Arbeitsplatz gefunden haben, an dem sie bis zur Rente bleiben können.

Die Außengruppe

Ulrich Lyding hat das Ende des Berufslebens schon erreicht. Seit Ende der 60er Jahre arbeitet er in der WfbM, seit 1993 lebt er im angrenzenden Wohnheim in einer Wohngruppe. Jetzt ist er 67 und kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten. Er gehört zur "Außengruppe" der WfbM, die Menschen vom Arbeitsleben in den Ruhestand begleitet. Ziel ist es, den Rentnern mit intensiver Betreuung zu helfen, weiter ihren Tag zu strukturieren und möglichst lange selbstständig zu bleiben. "Das ist schließlich die Aufgabe der SoVD-Lebenshilfe, die Menschen lebenslang zu begleiten, während der Arbeit und auch danach", resümiert Dr. Dieter König.

Mit dem Besuch der "Außengruppe" endet der Rundgang durch die SoVD-Lebenshilfe Witten. Um 15.45 Uhr ist Arbeitsende, dann kehren die Beschäftigten in ihr Zuhause zurück, manche in die Wohngruppen der beiden Wohnheime, andere in ihre eigenen Wohnungen oder zu ihren Familien. Dort genießen sie wie jeder andere Berufstätige ihren Feierabend, den sie sich verdient haben.

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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