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Mit allen an die Spitze – so geht Inklusion

Hier die Beschreibung des Bildes

Die Kinder in Hamburg-Langbargheide haben alle etwas gemeinsam: Sie freuen sich jeden Tag darauf, in die Schule zu gehen.

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg gehört zu den Gewinnern des Jakob-Muth-Preises für inklusive Schule. Der Alltag in den jahrgangsgemischten Klassen ist geprägt von individualisiertem und kooperativem Lernen. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lehrer und Schulleitung immer wieder vor besonderen Herausforderungen stehen.

Rund 80 Prozent der Kinder an der Grundschule Langbargheide sind nichtdeutscher Herkunft, mehr als ein Drittel der Eltern lebt von Hartz IV. Geringe Lernmotivation und Konzentrationsstörungen sind keine Seltenheit. Getreu dem Motto der Schule „Mit allen an die Spitze“ wird Leistung dennoch großgeschrieben: In den letzten Jahren schafften jeweils rund 40 Prozent der Viertklässler dank einer intensiven Förderung den Übergang auf ein Gymnasium. Auch die künstlerischen Leistungen können sich sehen lassen. Auszeichnungen gab es etwa bei dem Wettbewerb „Theater macht Schule“, zusätzlich finden Musikprojekte in Kooperation mit dem benachbarten Gymnasium statt.

Herausragend ist die Zusammenarbeit zwischen der Grundschule und der Kindertagesstätte Moorwisch, mit der man das Bildungshaus Lurup gegründet hat. Das sorgt für einen fließenden Übergang von der Kita in die Schule sowie für die Hortbetreuung der Grundschüler am Nachmittag. Bereits in der Kita wird die Entwicklung jedes Kindes beobachtet. So kann ein spezieller Bedarf früh erkannt und möglichst noch vor der Einschulung ausgeglichen werden. Außerdem wird für jedes Kind ein individueller Entwicklungsplan erstellt.

Die Grundschule kooperiert darüber hinaus mit vielen Einrichtungen vor Ort. Beim Stadtteilfest beteiligen sich die Schüler mit verschiedenen Aufführungen, und es finden regelmäßig Projekte zur Gesundheitsförderung statt. Zurzeit wird ein inklusives Kochkonzept entwickelt und umgesetzt, bei dem die Schüler gemeinsam mit behinderten Erwachsenen für ältere Menschen im Stadtteil kochen.

„Es ist normal, verschieden zu sein“

Nach einer Änderung im Hamburger Schulgesetz haben alle Eltern das Recht, ihr Kind mit Förderbedarf an einer Regelschule  anzumelden. Das bringt Veränderungen, denen sich Annette Berg gerne stellt. Sie leitet die Grundschule Langbargheide, die mit dem Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule ausgezeichnet wurde.

___Wo möchten Sie mit Ihrer Schule nach der Auszeichnung mit dem Jakob-Muth-Preis noch hin?

Ich finde, wir müssen uns noch stärker auch außerhalb der Schule präsentieren. Wir könnten zum Beispiel auf Bühnen und Festen auftreten, um dort zu zeigen, was unsere Kinder alles können.

___Dabei sind Sie mit „Theater macht Schule“ doch schon jetzt in dieser Richtung aktiv.

Wir veranstalten mit der Stadtteilbühne Lurup Aufführungen bei uns im Haus. Ich würde gerne ein breiteres Publikum einbeziehen. Wir hatten mal einen Auftritt im Altonaer Theater, also auf einer richtig großen Bühne. Ich war zuerst unsicher, ob die Kinder das hinkriegen, aber es hat perfekt geklappt und war richtig klasse.

___Wie sieht es aufseiten der Eltern aus, bekommen Sie von dort Vorbehalte zu spüren?

Das merken wir durchaus. Salopp formuliert finden viele toll, was wir machen, aber ob sie das dann für ihr eigenes Kind wollen, steht auf einem anderen Blatt. Teilweise werden wir dann vielleicht nicht als eine super Grundschule, sondern als eine tolle Förderschule gesehen. An dieser Wahrnehmung müssen wir noch arbeiten.

___Das heißt dann wohl dicke Bretter bohren?

Das kann ich Ihnen sagen. Man muss bei dem Thema Inklusion ja sozusagen Schule auf den Kopf stellen und alles neu denken. Da finde ich es ganz normal, dass die Eltern Angst vor einer Entwicklung haben, die sie nicht einschätzen können. Wir haben vor 18 Jahren mit der Integration an unserer Schule angefangen und betreiben seit fünf Jahren Inklusion. Aus dieser Erfahrung heraus können wir heute sagen, dass jedes Kind – ob mit oder ohne Handicap – davon profitiert.

___Wie gehen denn die Kinder untereinander mit dem Thema Behinderung um?

Ich habe neulich beim Sportunterricht hospitiert, an dem auch behinderte Kinder teilgenommen haben. Diese Stunde war geprägt von hoher Rücksichtnahme untereinander: „Pass auf, dir darf da nichts passieren!“ Oder: „Warte, ich mach dir das mal vor.“ Dieser Teamgeist und diese Hilfsbereitschaft haben mich sehr beeindruckt und auch gerührt.

___Das klingt nach einer sehr hohen sozialen Kompetenz.

Natürlich gibt es auch mal Streit, aber die Kinder akzeptieren halt, dass jeder einfach anders ist. Der eine kann schon etwas besser lesen, der andere noch nicht. Und der eine knetet eben, weil er nicht mit der Schere schneiden kann. Es ist normal, verschieden zu sein.

___Wie wichtig sind an Ihrer Schule Regeln oder Rituale?

Sie haben ihren festen Platz, zum Beispiel bei Geburtstagen. Da achten die Kinder darauf, dass alles genau eingehalten wird. Ein Kind macht das Licht aus, ein anderes zündet die Kerze an – jeder hat so seine Aufgabe. Dann gibt es immer eine „Positiv-Runde“, bei der sich die Kinder gegenseitig Komplimente machen. Kürzlich hatte ich es, dass dabei ein Kind mit einer geistigen Behinderung zu einem anderen Kind sagte: „Du bist so schön anders!“ Worauf das andere Kind ganz spontan antwortete: „Du auch!“

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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