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Gemeinsam einzigartig ? so geht Inklusion

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Der Unterricht an der Gemeinschaftsgrundschule Eitorf berücksichtigt die Stärken und Schwächen jedes Kindes.

Den meisten Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird in Deutschland noch immer der Besuch der Regelschule verwehrt. Dabei ist in vielen anderen europäischen Ländern inklusiver Unterricht längst Normalität. Dass es auch anders geht, haben mehrere Schulen bewiesen, die für ihr Engagement mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet wurden.

Träger des Jakob-Muth-Preises sind der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Deutsche UNESCO-Kommission, die Sinn-Stiftung und die Bertelsmann Stiftung. Als Mitglied der Jury war auch der SoVD an der Vergabe des Preises beteiligt. Ausgezeichnet wurden die Regine-Hildebrandt-Gesamtschule (Brandenburg), die Gemeinschaftsgrundschule Eitorf (Nordrhein-Westfalen), die Grundschule Langbargheide (Hamburg) und ein regionales Integrationskonzept (Niedersachsen).

In den kommenden Monaten möchten wir Ihnen gerne die Preisträgerschulen vorstellen. Den Anfang macht die Gemeinschaftsgrundschule Eitorf im Rhein-Sieg-Kreis. An der offenen Ganztagsschule lernen 330 Kinder mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam. Eine Trennung in Regel- und Integrationsklassen gibt es nicht mehr.

Angesichts einer hohen Arbeitslosenquote weisen vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien Sprachschwierigkeiten auf, während in vielen türkischstämmigen Familien gar kein deutsch gesprochen wird. Dennoch liegen die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten nicht unter dem landesweiten Durchschnitt. Im Gegenteil: Die Schüler erbringen beeindruckende Leistungen ? vor allem im kreativen und sozialen Bereich.

Ein Grund hierfür dürfte die ungewöhnliche Unterrichtsgestaltung sein: Gelernt wird mit einer von den Lehrern zusammengestellten Materialsammlung, die sich an den Kindern orientiert. Diese können je nach Neigung unterschiedliche Wege und Hilfsmittel zur Bewältigung des Lernstoffs frei wählen. Dabei wird jedes Kind mit seinen Interessen und Fähigkeiten sowie mit seinen individuellen Problemlagen ernst genommen und gefördert. Maßgebend für die Lehrkräfte ist dabei, dass kein Schüler unter- oder überfordert wird.

Wichtigstes Anliegen ist die Vermittlung von Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl. So diskutieren im wöchentlichen Kinderparlament Vertreter aus den Klassen aktuelle Themen und fällen demokratische Entscheidungen für die gesamte Schule. Auch bei der Planung und Gestaltung des Außenbereichs haben die Kinder mitgewirkt. Die Arbeit der Gemeinschaftsgrundschule Eitorf zeigt, dass Kinder gemeinsam lernen und dennoch einzigartig bleiben können. So geht Inklusion.

Interview: "Es geht um alle Kinder"

"Jedes Kind hat das Recht anders zu sein als andere, seinen Weg zu gehen in der Gemeinschaft mit allen über die Brücke des Lernens in den Alltag des Lebens." So lautet das Motto der Gemeinschaftsgrundschule Eitorf, die im Januar mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet wurde. Am Rande der Verleihung sprachen wir mit dem Schulleiter Boris Kocéa und der Lehrerin für Sonderpädagogik, Eva Pechmann, über die Vorteile inklusiver Bildung.

___Was zeichnet Inklusion über den gemeinsamen Unterricht hinaus aus?

Kocéa: Ganz entscheidend ist die Haltung, mit der man an das Thema herangeht. Jeder Mensch, der sich in dem System Schule befindet, muss wahrgenommen werden, um ihn dann seinen Möglichkeiten, Interessen und Kompetenzen entsprechend zu berücksichtigen.

Pechmann: Ganz wichtig ist für uns der Gedanke, dass es eben nicht nur um die Kinder mit Behinderung geht, es geht um alle Kinder. Jedes Kind, welches Hilfe benötigt oder etwas besonders gut kann, wird bei uns berücksichtigt. Als Lehrerin für Sonderpädagogik bin ich für alle Kinder da und schaue, welches Kind im jeweiligen Moment gerade Unterstützung braucht.

___Sie haben auch ein Kinderparlament, bei dem die Schülerschaft über Probleme spricht und verbindliche Entscheidungen trifft. Gab es da auch schon einmal Widerspruch von Lehrerseite?

Kocéa: Das Beispiel habe ich erst kürzlich erzählt: Die Kinder hatten beschlossen, dass künftig alle in der Schule Hausschuhe tragen sollten. Damit waren auch die Lehrer gemeint, denen das eigentlich nicht so recht passte.

___Also verhielt es sich ein wenig wie in der "großen" Politik, wo manche Regeln nicht für alle gelten?

Pechmann: Es kam zu einer Diskussion über die Gründe für diese Entscheidung. Dass Kinder zum Beispiel in der Pause draußen spielen und dann mit ihren Straßenschuhen Schmutz in die Klassen tragen, während Lehrer das eben nicht tun. Auf jeden Fall wäre es falsch gewesen einfach zu sagen, das gilt halt nicht für Lehrer.

___Im Umfeld Ihrer Arbeit haben Sie es auch mit dem Thema Migration zu tun. Hat das die Umsetzung von Inklusion an der Schule beeinflusst?

Kocéa: Wir haben muttersprachlichen Unterricht in türkisch und in griechisch. Das heißt wir verlangen nicht, dass die Kinder nur noch deutsch sprechen. Sonst können sie nachher zwei Sprachen jeweils ein bisschen.

Pechmann: Mit dieser Zweisprachigkeit haben wir großen Erfolg. Die Kinder, die von Anfang an in beiden Sprachen schreiben und lesen lernen, sind deutlich erfolgreicher in ihrem Schulalltag. Zu erleben, dass dieser Ansatz funktioniert, bringt unglaublich viel Freude und Motivation in den Unterrichtsalltag.

___Beziehen Sie auch die türkischen Eltern ein?

Kocéa: Wir haben ein Café für türkische Eltern und lassen beispielsweise Elternbriefe auch ins Türkische übersetzen. Dabei achten wir vor allem auf eine einfache und verständliche Sprache ? auch das ist schließlich Inklusion.

___Sie wirken enorm motiviert. Was sind denn Ihre Pläne für die Zukunft?

Kocéa: Ich bin sehr froh über den Anklang, den die Idee Inklusion im Moment findet. Manchmal hat man ja schon das Gefühl, gegen Windmühlen anzureden. Da ist es schön, berichten zu können, dass es funktioniert. Was ich sehr spannend finde, sind jahrgangsgemischte Gruppen, wo jüngere und ältere Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Man muss dann als Lehrer noch individueller arbeiten. Das möchte ich gerne noch erreichen.

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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