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Dieses kleine Zeitfenster, in dem alles möglich war

Es gibt so viele Einsendungen, die es wert wären, hier abgedruckt zu werden. Doch natürlich reicht der Platz hierfür bei Weitem nicht aus. Deshalb haben wir uns für Auszüge aus verschiedenen Texten entschieden, die uns im Laufe des Wettbewerbs erreicht haben. Darunter sind sowohl lustige Begebenheiten als auch mahnende und ernsthafte Beiträge. Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Menschen den Herbst 1989 und die Zeit danach sehr unterschiedlich erlebt haben. Vielleicht finden auch Sie sich beim Lesen in dem einen oder anderen Zitat wieder. Etwa in diesem: "Für einen kurzen Moment gab es dieses kleine Zeitfenster, in dem alles möglich war." "Eigentlich wollten wir unseren 18. Hochzeitstag ganz groß feiern. (...) Genau an diesem Tag kam es beim Montagsgebet in der Nikolaikirche in Leipzig zu dem Massenaufbegehren von 70 000 Menschen. Obwohl schon ein riesiges Militärkontingent aufgefahren war, kam es nicht zum Schießbefehl. Das war wohl Gorbatschow zu verdanken. (...) Für mich beginnt deshalb die Deutsche Einheit schon an unserem Hochzeitstag." (Gabriele Ziegenbein) "Als 20-Jähriger habe ich meinen Wehrdienst beim damaligen Bundesgrenzschutz geleistet und wurde während dieser Zeit Zeuge des Fluchtversuchs einer Person aus der DDR. (...) Trotz aller Freude über die Wiedervereinigung sollten wir der Menschen gedenken, die damals ihr Leben gelassen haben." (Werner Krause) "Wie habe ich den 9. November 1989, den Tag der Maueröffnung, erlebt? Ich habe zu der Zeit noch in einem Reformhaus gearbeitet. Wir hatten dort den ganzen Tag das Radio an und verfolgten die Nachrichten. Ich erinnere mich noch genau an die Ansprache von Willy Brandt in Berlin. Diese wurde im Radio live übertragen. Vor lauter Lärm konnte man nicht viel verstehen und doch war das Ganze unglaublich für mich. Als Kind sind wir mit den Eltern öfter einmal zur Grenze gefahren. Es war nicht weit weg von uns. Jetzt mit einem Mal kam ein Teil Deutschlands dazu, den ich gar nicht kannte, Orte, von denen ich nie gehört hatte." (Sabine Wilke) "Am 9. November 1989 hatten wir abends, anlässlich unserer silbernen Hochzeit, zahlreiche Gäste eingeladen. Die von meinem Ehemann vorgetragene Begrüßungsrede wurde durch den Zuruf "Die Mauer ist geöffnet!" unterbrochen. Er setzte seine Rede ohne zu zögern fort und sagte: "Ich habe vor einigen Tagen mit Gorbatschow Kontakt aufgenommen und bat ihn, anlässlich unserer silbernen Hochzeit dafür zu sorgen, dass die Mauer heute geöffnet wird. (...) Nun wollen wir unsere Silberhochzeit und die Maueröffnung feiern." (Udo und Brigitte Müller) "Vor 20 Jahren, am 9. November 1989, saß ich bei meiner Schwiegermutter am Sterbebett. Ich erzählte ihr, dass die Mauer gefallen sei und wir jetzt wieder in ihre Heimat nach Sachsen-Anhalt fahren könnten. Sie reagierte nicht mehr, aber ich erzählte ihr weiter die neuesten Ereignisse. Als ich zu Hause ankam, rief eine Pflegerin an, meine Schwiegermutter sei eingeschlafen. (...) Diese Tage werden uns immer in Erinnerung bleiben, da sie uns tief berührt haben." (Rita Armerding) "Es waren die Tage, als das Begrüßungsgeld (pro Kopf 100 DM) ausgezahlt wurde. Ich verließ die Wohnung am frühen Morgen mit meinen beiden Kindern, um einkaufen zu gehen. (...) Eine junge Familie kam uns entgegen. Der Blick des Vaters fiel auf meinen18 Monate alten Sohn Max, der in seinem Buggy vor sich hin döste. "Det könnte vom Alter her hinhauen, wa?", meinte er zu seiner Frau. Sie versperrten uns inzwischen den Weg, und der Vater sprach mich nun direkt an. Sie hätten ein Kind im gleichen Alter, das sie aber schlafend im Auto zurückgelassen hätten. Sie bekämen die 100 DM auch für das kleine Kind aber nur ausbezahlt, wenn es persönlich dabei sei. Ob es mir etwas ausmachen würde, ihnen das Kind samt Buggy kurz auszuleihen? Es hätte alles seine Richtigkeit, das "fehlende" Kind sei hier im Ausweis eingetragen. Und dabei wedelte der Vater mit seinen Papieren. Ich überlegte eigentlich nur ganz kurz und erklärte mich ziemlich schnell einverstanden. Natürlich ließ ich den Vater nicht einen Augenblick aus den Augen, bis die Familie freudestrahlend aus der Bank kam, mir mit einem "Dankeschön, hat allet jeklappt!" den Buggy samt Max wieder überließ und in der Menge verschwand." (Christel Lotte Bachmann) "Beim Aussteigen im U-Bahnhof riss mich eine Menschengruppe mit, über U-Bahnsteig, Rolltreppe und auf den Ku-Damm, an die Stelle der Nachricht vom Mauerbau; um mich herum jubelnde Menschen aus Ost und West, die sich umarmten. (...) Ich brauchte viel Geduld für den Heimweg. Als ich am Rande West-Berlins aus der U-Bahn stieg, war es ganz still, die Straßen menschenleer. So, als wäre nichts geschehen." (Ute Hulwa)




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