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Ein Wunder ? wenn nicht jetzt, wann dann?

Helmut Osterberg gewinnt für seinen Wettbewerbsbeitrag den dritten Preis. Der heute 86-Jährige ist seit 1993 Mitglied im SoVD-Landesverband Nordrhein-Westfalen und war bis 1989 als evangelischer Religionslehrer in Brandenburg tätig. Als er am 9. November spät abends auf dem Weg nach Hause ist, verfolgt er im Autoradio eine seltsame Szene: Menschen würden sich durch einen geöffneten Übergang nach Westberlin drängen! Helmut Osterberg tut die Sendung als pure Fantasie ab, kann sich nicht vorstellen, den Mauerfall tatsächlich noch zu erleben. Dennoch gehen seine Gedanken einige Tage zurück. Donnerstag, 9. November 1989 Letzten Sonntag hatten wir weinend und winkend unseren Sohn am Tränenpalast neben dem Bahnhof Friedrichstraße verabschiedet. Wegen des Versuchs, die DDR illegal zu verlassen, war er zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Nach zehn Monaten von "drüben" (BRD) freigekauft, hatten wir ihn nach langer Zeit für einige Stunden wieder gesehen. Also ? was soll das: Maueröffnung für alle? Nach wenigen Minuten war ich daheim. Meine Frau war schon zu Bett gegangen." Freitag, 10. November 1989 "Ich lag noch im Bett. Meine fleißige Frau war beim Reinemachen und hatte das Radio an. Einen Fernseher hatten wir nicht. Da kam sie die Treppe herauf, trat an mein Bett und sagte aufgeregt: ,Du, Helmut, da läuft was Verrücktes im Radio ? das kann doch nicht wahr sein!? ,Ja, was denn?? ,In Berlin soll die Mauer auf sein. Die Leute strömen durch die Übergänge, einfach so, ohne Passierschein, und die Grenzer gucken zu!? ,Was??, rief ich, war im Nu aus dem Bett und gemeinsam hörten wir unten am Radio kopfschüttelnd den Lauf der unbegreiflichen Ereignisse. Die Mauer war tatsächlich offen! Dann erzählte ich meiner Frau, was ich am Abend vorher im Auto gehört hatte. Was nun? Auf nach Berlin! Wir ließen alles stehen und liegen, fuhren im Trabbi bis Königs Wusterhausen und im Gedränge mit vielen anderen, die natürlich dasselbe Ziel hatten, in der vollen S-Bahn bis Bahnhof Friedrichstraße. Und dann, mehr geschoben als gelaufen, durch den schmalen Übergang ohne Passierschein ? auch den Personalausweis wollte keiner der Männer in Uniform sehen ? waren wir auf der Westseite, stiegen in die nächste S-Bahn, die uns bis zum Bahnhof Zoo brachte. Da fiel uns ein Plakat auf: Einladung zu einem Dankgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das war?s! Das allein war unser aller Situation angemessen: ein Dankgottesdienst, wenn nicht jetzt, wann dann? Und wir schafften es, saßen kurz darauf in der großen, vollen Kirche, hörten die Predigt des Bischofs und sangen tief bewegt im großen Chor mit: Nun danket alle Gott, der große Wunder tut. Sehr gerne wären wir noch durch das Brandenburger Tor geschritten, doch das war leider zu weit entfernt. Wir sahen uns noch eine Weile staunend um und machten uns dann auf den Weg zu unseren Freunden Christa und Götz, die vor Jahren als Studenten aus der DDR geflohen waren. Das gab ein freudiges Wiedersehen! Auch andere Freunde kamen noch dazu und spät am Abend reichten dann die Liegen nicht für alle, so dass einige auf Matratzen auf dem Fußboden schlafen mussten. So erlebten wir genau einen Monat nach dem ,Wunder von Leipzig? das ,Mauer-Wunder von Berlin? am 9. und 10. November 1989.




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