Direkt zu den Inhalten springen

Kurzfassung Chronik

Gegen Ende des ersten Weltkriegs gründete sich am 23. Mai 1917 in Berlin der "Bund der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten". Wichtigstes Ziel der Organisation war die Verbesserung der unzureichenden Kriegsopferversorgung. Kriegsbeschädigter oder Kriegerwitwe zu sein, wurde im ersten Weltkrieg erstmals zu einem Massenschicksal: Allein auf deutscher Seite waren zwei Millionen Gefallene und 3,6 Millionen Verletzte und Kriegsbeschädigte zu beklagen.

Die Kriegsopferversorgung richtete sich nach Vorkriegsgesetzen, die eine Versorgung vom Dienstgrad und nicht von der Schwere der Verletzung abhängig machten. Zudem war die Zuständigkeit für die Kriegsopferversorgung auf Länder, Gemeinden und private Wohltätigkeitsvereine verteilt. Hilfsleistungen erfolgten daher weitgehend unkoordiniert und auf einer unzureichenden Rechtsgrundlage.

Weitere Motive für die Gründung des Reichsbundes waren die materielle Not und die Sorge um die Wiedereingliederung der Kriegsbeschädigten in das Arbeitsleben. Zur treibenden Kraft wurde Erich Kuttner, Jurist und Redakteur der SPD-Zeitung "Vorwärts". Wie viele junge Männer jüdischer Herkunft hatte sich Kuttner im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger gemeldet. Er war 1916 vor Verdun schwer verletzt und als dienstunfähig aus dem Heer entlassen worden.

Kuttners Vorstellungen waren in vierfacher Hinsicht wegweisend: Für damalige Verhältnisse war eine Selbstorganisation der Kriegsopfer ein völlig neuer Ansatz. Zudem sah Kuttner den Kampf für die Verbesserung der Kriegsopferfürsorge als ersten Schritt zu weiteren, umfassenden Sozialreformen. In der Vorwärts-Ausgabe vom 27. Mai 1917 schrieb er über die Gründung des Verbandes: "Die Kriegsbeschädigtenfürsorge ist wie geschaffen, den Sturmbock für eine energische Fortführung der gesamten Sozialreform zu bilden." Zudem sah Kuttner den Verband als "moderne Vereinigung der Kriegsteilnehmer" und damit als ein Gegenstück zu den Kriegervereinen, die einer monarchistischen und vaterländischen Tradition verhaftet waren. Kuttners Vision eines modernen Kriegsopferverbandes beinhaltete auch die Forderung nach gleichen staatsbürgerlichen Rechten für alle Bürger, vor allem das Wahlrecht.

Zu Kuttners engsten Mitstreitern zählten Ernst Heilmann, der von 1919 bis 1933 SPD-Reichstagsabgeordneter war; Friedrich Stampfer, der Chefredakteur des "Vorwärts" sowie Albert Baumeister, der Sekretär des Gewerkschaftsführers Carl Legien.

Die Gründung des Verbandes wurde von zahlreichen Schikanen der Behörden begleitet: z. B. durfte aufgrund einer Zensurverfügung der Militärbehörden nicht über den Kriegsopferverband berichtet werden. Diese Zensur wurde erst im Oktober 1917 aufgehoben. Bei Versammlungen des Reichsbundes schrieben Beamte der politischen Polizei eifrig mit.

Erste Erfolge des Reichsbundes

Der Reichsbundestag, das höchste Gremium des Reichsbundes, verabschiedete bereits bei seiner ersten Zusammenkunft in Weimar im März 1918 ein sozialpolitisches Programm mit einem in sich geschlossenen Konzept für die Reform der Kriegsopferversorgung und die Kriegsopferfürsorge.

Zudem forderte der Reichsbund Verbesserungen für die Kriegswitwen und Hinterbliebenen der Gefallenen. Kriegswitwen wurden als Mitglied in den Verband aufgenommen, was 1919 zur Umbenennung in "Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen" führte.

Im Januar und Februar 1919 konnte der Reichsbund erste, wichtige Erfolge erzielen:

Die Nationalversammlung verabschiedete drei Verordnungen, die einen großen Schritt hin zu einem modernen Sozialstaat bedeuteten. Die Verordnung zur Beschäftigung Schwerbehinderter gilt als die Wurzel der heutigen Schwerbehindertengesetzgebung. Die Verordnung über die Neuregelung des Militärversorgungsverfahrens bedeutete, dass erstmals gegen die Nichtanerkennung einer Kriegsbeschädigung der Rechtsweg beschritten werden konnte. Diese Verordnung gilt daher als Keimzelle der Sozialgerichtsbarkeit.

Mit der dritten Verordnung wurde die Kriegsopferfürsorge auf eine neue gesetzliche Grundlage gestellt. Die Verordnung über die soziale Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge ist der Grundstein der modernen Sozialhilfe mit Rechtsansprüchen. Die drei Verordnungen bedeuteten die Wende vom Obrigkeitsstaat, der Bedürftige mit Almosen abspeist, hin zu einer solidarischen Sozialversicherung mit klaren Rechtsansprüchen.

Die Verordnungen waren ein erster Schritt; nun setzte sich der Reichsbund mit der Parole "Nicht Dank, sondern Recht" für ein Reichsversorgungsgesetz ein. Im April 1919 und im Februar 1920 rief der Reichsbund zu Protestkundgebungen auf. Das Reichsversorgungsgesetz, das die Nationalversammlung schließlich im April 1920 verabschiedete, beseitigte wesentliche Mängel der bisherigen Militärrentenversorgung. Zwar wurden nicht alle Erwartungen des Reichsbundes erfüllt, aber ein wichtiges Ziel war erreicht. Die Kriegsopferversorgung war erstmals landesweit einheitlich geregelt. Der Reichsbund hatte sich als durchsetzungsstarke Interessenvertretung der Kriegsopfer hervorgetan.

Die Inflation in den Jahren 1922 und 1923 traf nicht nur die Kriegsopfer hart, sondern führte auch zu einem Rückschlag im Aufbau der Organisation. Erst nach der Wiederherstellung der Währungsstabilität konnte 1924 eine Verbandszentrale am Rolandufer 6 in Berlin erworben werden. Auf dem historischen Grundstück befindet sich heute der 2003 bezogene Neubau der SoVD-Bundesgeschäftsstelle.

Das Jahr 1927 brachte die Einführung der Arbeitslosenversicherung sowie materielle Verbesserungen bei der Kriegsopferversorgung. Beim Reichsbundestag 1927 wurden zwölf Leitsätze zu Frauenrechten verabschiedet sowie eine Entschließung zur Sicherung des Weltfriedens.

Die Reichstagswahl im September 1930 brachte einen gewaltigen Zuwachs für die NSDAP. Hindenburg beauftragte den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning mit der Regierungsbildung. Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten versuchte die Regierung Brüning durch Einsparungen bei Sozialleistungen, Löhnen und Gehältern die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. 1932 erreichte der Sozialabbau durch Notverordnungen seinen Höhepunkt.

Seit Herbst 1930 rückte neben dem Protest gegen den Sozialabbau der Kampf gegen den Nationalsozialismus immer stärker in den Vordergrund der Verbandsarbeit. Schon früh macht die Reichsbundzeitung auf die Gefahr aufmerksam, die von den Nationalsozialisten für behinderte Menschen ausging. Zudem trat die NSDAP dafür ein, die Versorgungsgerichtsbarkeit wieder aufzuheben. Gegen die Entscheidungen der Heeresversorgungsämter sollten Rechtsmittel ausgeschlossen werden. Alles was der Reichsbund nach hartnäckigem Kampf errungen hatte, wollten die Nationalsozialisten wieder beseitigen.

Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 und im März 1933 stellte der Reichsbund seine satzungsmäßige Verpflichtung zur parteipolitischen Neutralität hinten an und rief dazu auf, nicht Hitler und die NSDAP zu wählen. In einem Aufruf vom 5. März 1933 heißt es: "Gebt eure Stimme nur für Demokratie und Republik."

Die Selbstauflösung 1933

Bereits unmittelbar nach der Reichstagswahl 1933 wurden Bestrebungen deutlich, den Reichsbund in den N.S. Reichsverband deutscher Kriegsopfer zu überführen. Ziel war die Gleichschaltung aller Kriegsopferverbände. Anfang April 1933 nahm der NS Reichsverband zunächst drei fränkische Kreisverbände des Reichsbundes in kommissarische Verwaltung. Der Reichsinnenminister forderte die Länder in einem Schreiben vom 22. April 1933 auf, beim Reichsbund Kommissare einzusetzen. Am 24. April wurde das Reichsbundbüro in Hannover von der SS besetzt. Am 29. April standen bereits zwölf der 22 Gaue des Reichsbundes unter kommissarischer Verwaltung. Etliche Funktionäre des Reichsbundes wurden ? zum Teil vorübergehend ? inhaftiert.

Die Gleichschaltung des Reichsbundes durch die Nationalsozialisten war spätestens für den 2. Mai 1933 geplant. Zum gleichen Zeitpunkt sollte auch die Gleichschaltung der Freien Gewerkschaften erfolgen. Bei einer Bundeskonferenz des Reichsbundes am 29. April in Berlin beschlossen die Delegierten die Selbstauflösung. Damit kamen sie der Überführung des Reichsbundes in den nationalsozialistischen Kriegsopferverband NSKOV zuvor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich der Reichsbund am 29. November 1946 in Hamburg neu. 1999 erfolgte die Umbenennung in Sozialverband Deutschland (SoVD).