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Eröffnungsrede zum Parlamentarischen Abend

? es gilt das gesprochene Wort ?

Anrede,

im Namen des Bundesvorstandes des Sozialverbandes Deutschland begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserem Parlamentarischen Abend. Ich danke Ihnen, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind und damit deutlich machen, dass "Gemeinsam gegen Kinderarmut" ein gemeinsamer Kampf ist ? nicht beschränkt auf einzelne Ressorts, sondern vielschichtig und mehrdimensional. Mein besonderer Dank gilt hier den Ministerien, die unseren heutigen Abend unterstützen: dem Herrn Bundesminister für Arbeit und Soziales, Herrn Scholz, für sein Kommen und der Frau Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau von der Leyen, die freundlicherweise die Schirmherrschaft über den heutigen Abend übernommen hat und die heute durch Herrn Staatssekretär Kues vertreten ist.

"Gemeinsam gegen Kinderarmut" ? unser Aufruf kommt zu einer Zeit, in der die Themen Armut und soziale Gerechtigkeit mehr denn je die Menschen in unserem Land beschäftigen. Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs haben viele Menschen das Gefühl, dass dieser Aufschwung an ihnen vorbei geht. Vor allem Familien mit Kindern fühlen sich benachteiligt. Und die statistischen Zahlen geben diesem Gefühl recht. Im März 2007 lebten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren in sog. "Hartz-IV-Haushalten". Rechnet man die übrigen Betroffenen ? Kinder in Sozialhilfehaushalten, Flüchtlingsfamilien, Illegale und eine gewisse Dunkelziffer hinzu, lebt mindestens jedes fünfte Kind dieses Alters auf oder unter dem Sozialhilfeniveau. Richard Hauser spricht von einer Infantilisierung der Armut. Diese materielle Armut, die statistisch nachweisbar ist, zieht weitreichende Folgen für die Lebenssituation von Kindern ? und für die Verwirklichung von Lebenschancen für diese Kinder ? nach sich, die immense gesellschaftliche Auswirkungen haben.

Die Fakten sind bekannt und ich möchte sie hier nur noch einmal kurz anreißen: Kinder, die arm sind, sind auch häufig in den Bereichen Bildung, Kultur, soziale Kontakte und Gesundheit benachteiligt.

Materielle Armut führt zu geringeren Bildungschancen ? ein soziales Vorwärtskommen aufgrund gezielter vorschulischer und schulischer Förderung ist in kaum einem Land Europas so wenig möglich wie in Deutschland. Die Schulen sehen sich aufgrund von Sparzwängen nicht in der Lage, die notwendige Unterstützung anzubieten; Nachhilfeunterricht ist von 1 Euro 76, der aus dem Hartz-IV-Regelsatz für Schulmaterial zur Verfügung steht, nicht zu finanzieren. Schlechte Bildung, keine oder nur eine geringe Ausbildung führen zu regelrechten Armutskarrieren, die Arbeitslosenquote von Geringqualifizierten ist mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Mit anderen Worten: wer arm geboren wurde, bleibt häufig auch arm.

Materielle Armut bedeutet auch Armut an sozialen und kulturellen Kontakten. Wer das Geld für einen Kinobesuch nicht hat, wer Geld für ein Geburtstagsgeschenk bei Freunden oder für den Mitgliedsbeitrag im Schwimmverein nicht hat, wer seine Kleidung nicht nach neuesten modischen Maßstäben bestimmen oder wer bei der technischen Ausstattung nicht mithalten kann, der wird häufig ausgegrenzt und auf sein eigenes Umfeld zurückgeworfen.

Nicht zuletzt, meine Damen und Herren, bedeutet materielle Armut auch ein höheres Risiko, krank zu werden. Für Essen und Trinken sieht die Hartz-IV-Tabelle für Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren 2 Euro 57 vor. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit frischem Obst und Gemüse ist hier kaum möglich. Eine schlechte Ernährungssituation hat Folgen für die Gesundheit. Arme Kinder leiden häufiger an Übergewicht als Kinder aus bessergestellten Familien, vor allem ? wie ebenfalls häufig feststellbar ? wenn noch Bewegungsmangel hinzukommt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit leiden diese Kinder später an Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. "Armut ist der größte Risikofaktor für die Kindergesundheit" ? so lautet das Fazit der bundesweit größten Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Armut von Kindern ist Armut von Familien ? ist häufig die Armut von Alleinerziehenden, von Zuwanderer- oder kinderreichen Familien. In einer Gesellschaft, die fast täglich darüber klagt, dass immer weniger Kinder geboren werden, ist ein so brennendes sozialpolitisches Thema wie Kinderarmut eigentlich kaum nachvollziehbar. Es ist nicht nachvollziehbar, warum auf der einen Seite der demografische Wandel mit allen seinen Folgen beklagt wird, auf der anderen Seite aber hingenommen wird, dass Kinder aus armen Familien keine echten Chancen auf gleichberechtigte Teilhabe am Leben der Gemeinschaft haben.

Die Verhinderung und die Bekämpfung von Kinderarmut erfordern einen ganzheitlichen Ansatz. Es geht nicht allein um mehr Geld, auch wenn es ohne Geld keine wirksame Bekämpfung von Armut geben kann. Es geht um mehr: Es geht

  • um menschenwürdige und ordentlich bezahlte Erwerbstätigkeit, auch und vor allem für Frauen, die ein Leben jenseits staatlicher Transferleistungen ermöglicht,
  • um eine bessere Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie, die alleinerziehenden Müttern und Vätern ermöglicht, für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt selbst zu verdienen,
  • um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Familien im Wohnumfeld, in den Städten und Gemeinden, in denen Kinder und Jugendliche durch Sozialarbeiter, durch Kinder- und Jugendeinrichtungen mit betreut und versorgt werden und soziale polarisierung verhindert wird,
  • um den Aufbau familienunterstützender Infrastrukturen, durch die Familien entlastet werden und Kinder sich wohl fühlen,
  • um bessere Prävention, Frühförderung, kommunale Beratungs- und Betreuungsangebote, um so früh wie möglich Risikofaktoren wie mangelnde Ernährung, Defiziten bei gesundheitlicher Versorgung, bei sozialen und sportlichen Kontakten entgegenzuwirken,
  • um eine gezieltere Verteilung von familienpolitischen Leistungen, um Kinder und Jugendliche aus armen Familien direkt zu fördern,
  • um eine inklusive Bildungspolitik, Ganztagsbetreuung und individuelle Förderung, um Kinder aus sozial benachteiligten Familien gleiche Chancen am Bildungsmarkt zu geben.

Gemeinsam gegen Kinderarmut heißt gemeinsam Strategien entwickeln: in der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, in der Familien- und Bildungspolitik, in der Gesundheits-, Sozial- und Stadtentwicklungspolitik. Gemeinsam gegen Kinderarmut heißt aber auch gemeinsam zusammenzuarbeiten in der Gesellschaft, mit Verbänden, Organisationen, Institutionen und allen gesellschaftlich aktiven Kräften. Gemeinsam gegen Kinderarmut heißt auch gemeinsam gegen Familienarmut, gegen Perspektivlosigkeit und gegen soziale Ungerechtigkeit zu arbeiten.

Soziale Ungerechtigkeit, meine Damen und Herren, die sich auch da findet, wo Politik und Wirtschaft versuchen, Alt gegen Jung gegenseitig auszuspielen oder ? so, wie sich die Debatte in den Medien gerade darstellt ? die Generationen gegeneinander aufzuhetzen. Eine geringe Rentenerhöhung ? und wir reden von 11 Euro 43 beim Ost- und von 13 Euro 05 beim West-Durchschnittsrentner ? wird den Rentnerinnen und Rentnern von Politikern und Wirtschaftsvertretern nicht zugestanden, obwohl gerade diese Rentnerinnen und Rentner in den vergangenen Jahren ständig reale Rentenverluste hinnehmen mussten. Die Spaltung zwischen Arm und Reich verläuft nicht zwischen den Generationen. Es gibt genauso arme Alte und reiche Alte wie es arme Kinder und reiche Kinder gibt. Der Begriff der Generationengerechtigkeit wird allein dazu instrumentalisiert, soziale Ungleichheit und Verteilungsungerechtigkeit in jeder Altersgruppe zu verschweigen und auch die Tatsache, dass die zunehmende Armut vieler mit wachsendem Wohlstand und vermehrten Reichtum weniger einhergeht.

Meine Damen und Herren,

Kinder sind unsere Zukunft. Für die Chancen von Kindern und Jugendlichen an gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Gesundheit darf es keine Rolle spielen, welchen sozialen Status die Familie des Kindes hat. Investitionen in Kinder- und Familienförderung sind Investitionen in die Zukunft, in die Zukunft unserer Gesellschaft, in die Zukunft unseres Landes.

"Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen" - Kinder gehören zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft. Lassen Sie uns gemeinsam für das Wohl dieser Kinder kämpfen ? lassen Sie uns gemeinsam für Chancengleichheit, für Integration und Gleichberechtigung von Kindern eintreten und dafür sorgen, dass Kinder aus allen Familien gleiche Lebenschancen erhalten!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!