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Soziale Ungleichheit wächst

In Deutschland sind immer mehr Menschen arm – große Einkommensunterschiede

Deutschland ist ein Sozialstaat. Das Unterstützungsnetz durch staatliche, kommunale oder kirchliche Träger ist dichter als in vielen vergleichbaren Wohlstandsländern. Die Wirtschaft floriert, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, im Juli 2019 betrug sie 5,0 Prozent. Die Energie- und Lebensmittelpreise sind immer noch relativ günstig. Doch Armut und soziale Kälte sind auch bei uns zu Hause.  Dabei bedeutet soziale Kälte für fast jede(n) etwas anderes.

Nicht wenige erleben soziale Kälte durch Achtlosigkeit oder mangelnde Empathie im täglichen Miteinander. Für eine wachsende Zahl an Menschen ist der Begriff darüber hinaus an konkrete Existenzängste und fehlende Verteilungsgerechtigkeit geknüpft. Beispiele gibt es viele: Alleinerziehende, die nicht wissen, wie sie Sportbekleidung oder den Klassenausflug ihres Kindes bezahlen sollen. Familien und Alleinstehende, die die Hälfte ihres knappen Einkommens für die Miete ausgeben müssen, um nicht wohnungslos zu werden. Menschen, die in Abfalleimern nach Flaschen oder Lebensmitteln suchen. Personen ohne Obdach, die notdürftig in verdreckte Decken oder einen Schlafsack gehüllt auf der Straße übernachten.

Die Liste ließe sich unschwer fortsetzen, vor allem auch mit Beispielen verdeckter Armut. Denn Deutschland gehört weltweit nicht nur zu den reichsten Ländern, sondern ebenso zu den Industrienationen mit den größten Einkommensunterschieden. Das Wohlstandsgefälle nimmt laut aktueller Studien weiter zu, und die Schere zwischen reich und arm öffnet sich immer stärker.

Mittelschicht hat Angst vor dem Abstieg

So gibt es zwar weiterhin die Personengruppen mit besonders hohem Armutsrisiko. Dazu gehören vor allem Leistungsempfänger*innen von  Hartz IV, Arbeitnehmer*innen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen, erwerbsgeminderte und ältere Menschen, Personen mit Migrationshintergrund sowie Alleinerziehende.

Gleichwohl hat sich die Sorge, in die Bedürftigkeit abzurutschen, in der bürgerlichen Mitte ausgebreitet. Die Übergänge auf der Treppe des gesellschaftlichen Abstiegs sind meist fließend. Die Ursachen sind oft vielfältig und greifen ineinander, bilden einen Teufelskreis. Als „arm“ gilt, wer über ein durchschnittliches Einkommen von weniger als 60 Prozent des nationalen mittleren Einkommens verfügen kann. 2018 waren je nach Erhebung zwischen 15,8 und 16,8 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen. Das bedeutet: mindestens 13,7 Millionen Menschen – ein Höchststand seit der Wiedervereinigung.

Aus Scham: Dunkelziffer von Armut Betroffener ist groß

Ein Grund für das gestiegene Armutsrisiko ist die zunehmende Wohnungsnot. Laut Studien wenden rund die Hälfte der armen Haushalte in Deutschland mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Miete auf. Insbesondere in den Metropolen ist der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen durch Zuzug oder Umstrukturierung gestiegen. Auch der SoVD hat hierzu ein viel beachtetes Gutachten, verbunden mit entsprechenden Forderungen an Politik und Wirtschaft, vorgelegt.

Tücken birgt darüber hinaus die Arbeitsmarktsituation, die sich als so robust darstellt. Denn eine große Zahl Erwerbstätiger ist trotz Arbeit arm. „Working poor“ wird dies in der Fachsprache genannt. Die Einführung des Mindestlohns, der mit 9,19 Euro weiter unter der Niedriglohnschwelle liegt, hat daran wenig geändert. Die Gruppe der Geringverdiener*innen, die ihr Arbeitseinkommen mit staatlichen Transferleistungen aufstocken muss, ist somit nur unwesentlich geschrumpft. Auch Arbeitnehmer*innen mit Behinderung bleiben beim Beschäftigungsboom weiterhin außen vor. So driften Armuts- und Wirtschaftsentwicklung auseinander. Und während Wohlstand und Reichtum sich vergrößern, wächst parallel dazu die soziale Ungleichheit.

Die Dunkelziffer der von Armut Betroffenen ist hoch, insbesondere bei den Älteren. Armutsforscher Christoph Butterwegge hat in verschiedenen Kontexten sowie unter Bezugnahme auf entsprechende Studien darauf hingewiesen. Demnach gehen von 100 Menschen, deren Rente so gering ist, dass ihnen die Grundsicherung im Alter zustünde, nur ein Drittel zum Amt: 33 von 100 Betroffenen. Bei Hartz IV sei es etwa die Hälfte derjenigen, die berechtigt wären, aufstockend Transferleistungen in Anspruch zu nehmen, so der Wissenschaftler.

SoVD begegnet sozialer Kälte auf zahlreichen Ebenen

Ursächlich für den Verzicht auf staatliche Unterstützung sind nicht selten Schamgefühle. Denn die Konsequenzen wirtschaftlicher Probleme werden für Betroffene auch auf der persönlichen Ebene spürbar. Schnell werden sie Opfer abwertender Beurteilungen ihrer Lage. Solidarität wird häufig danach bemessen, ob sie sich „lohnt“.

In wissenschaftlichen Langzeitstudien wurde festgestellt, dass Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Gruppen einer bestimmten Rasterbildung folgen: Menschen werten sich als Mitglieder bestimmter Personengruppen auf, indem sie Angehörige anderer Gruppen als weniger wert ansehen.

Dabei erscheint es fast zynisch, hinsichtlich von Armut und Krankheit betroffener Menschen den Begriff der „sozial Schwächeren“ zu verwenden. In den meisten Fällen sind es gerade diese Menschen, die zur Meisterung ihres Schicksals ein besonders hohes Maß an Kraft benötigen und in ihrem Leben viel geleistet und Stärke bewiesen haben.

Gelebte Solidarität im SoVD

Sozialer Kälte begegnet der SoVD in seinen rund 2.000 Orts- und Kreisverbänden mit gelebter Gemeinschaft und Solidarität. Der Verband sieht es aber als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe an, die Kluft zwischen Arm und Reich, Teilhabe und Ausgrenzung zu überwinden.

„Es geht vielen Menschen in Deutschland gut, aber längst nicht allen“, sagt SoVD-Präsident Adolf Bauer. „Auch in unseren Sozial- und Rechtsberatungen stellen wir das fest.“ In einem Sozialstaat dürfe der oder die Einzelne nicht dem persönlichen Schicksal überlassen werden – schon gar nicht, wenn häufig wenig greifende soziale Sicherungssysteme für die Misere mitverantwortlich seien.

Der SoVD hat weitreichende Lösungsvorschläge vorgelegt, wie wachsender Armut nachhaltig begegnet werden kann. Unter anderem fordert der Verband die Wiedereinführung der Vermögenssteuer für Superreiche.

Wo erleben Sie soziale Kälte?

Wo erleben Sie soziale Kälte? Schreiben Sie uns per E-Mail: redaktion(at)sovd.de, oder: Redaktion, SoVD- Bundesverband, Stralauer Straße 63, 10179 Berlin. Gerne bringen wir Ihr Beispiel in die Arbeit für mehr soziale Gerechtigkeit ein.