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Eine lückenlose Servicekette schaffen

Ob durch Unfall, Krankheit oder Alter – die Zahl der Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen nimmt stetig zu. Damit steigt auch die Forderung an die Tourismusbranche, barrierefreie Urlaubsangebote zu schaffen.

In der EU leben circa 140 Millionen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Sie sind zum Beispiel gehbehindert, können nicht mehr gut sehen oder hören. Und es werden durch den demografischen Wandel immer mehr werden, die altersbedingt unter körperlichen oder geistigen Einschränkungen leiden.

Sie alle sind auf barrierefreie Angebote angewiesen, wenn sie verreisen möchten. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl dieser Reisen innerhalb der EU auf geschätzte 862 Millionen pro Jahr ansteigen.

Die Investition in barrierefreie Angebote ist also nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern auch ein wirtschaftlicher Wachstumsfaktor. Sie kommen nicht nur den Menschen mit Handicap zugute, sondern auch allen anderen. Wer mit einem Kinderwagen oder mit schwerem Gepäck unterwegs ist, weiß abgesenkte Bordsteinkanten, Rampen und Aufzüge ebenso zu schätzen wie ein Rollstuhlfahrer.

Verstärkter Ausbau der barrierefreien Angebote

Die Tourismusbranche hat das Thema barrierefreies Reisen erst spät entdeckt – seit sieben Jahren gibt es auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) den Fachtag „Barrierefreies Reisen“ –, aber seitdem hat sich schon viel getan. Im europäischen Vergleich steht Deutschland mit seinem Angebot an barrierefreien Urlaubsmöglichkeiten inzwischen ganz vorne, während es in anderen Ländern nur wenige, teure Angebote gibt.

Ganze Regionen haben sich der Barrierefreiheit verschrieben. Zwei von ihnen, das Ruppiner Seenland und die Region Tegernsee-Schliersee, stellten ihre Angebote auf dem diesjährigen ITB-Fachtag vor. Das Land Bayern will gar bis 2023 im gesamten öffentlichen Raum und öffentlichen Personennahverkehr barrierefrei werden.

Verbesserungswürdig: die öffentlichen Verkehrsmittel

Es gibt zwar inzwischen zahlreiche barrierefreie Unterkünfte, Gastronomiebetriebe und Ausflugsziele, aber an deren lückenloser Verknüpfung hapert es noch. Gerade die An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereitet immer noch die meisten Probleme.

2013 trat die Novelle zum Personenbeförderungsgesetz in Kraft, die besagt, dass bis 2022 der gesamte ÖPNV in Deutschland barrierefrei sein soll. Reisebusunternehmer, Fluggesellschaften und die Bahn rüsten sich für die Mobilität ohne Barrieren: Die Deutsche Bahn bietet einen Mobilitätsservice, um Menschen mit Handicap bei der Organisation ihrer Bahnreise zu helfen, und in Zügen muss es Plätze für Menschen mit Behinderung geben.

Spontanität ist kaum möglich

Ab Januar 2019 müssen alle Fernbusse mit zwei Rollstuhlplätzen ausgestattet sein.

Auf Flügen muss es Plätze für Menschen mit Handicap geben, und diese dürfen gesondert einchecken. Im Flugzeug steht ein Bordrollstuhl zur Verfügung.

Aber bedingt durch Infrastruktur, begrenzte Angebote und Sicherheitsvorschriften erleben Betroffene immer wieder, dass sie nicht oder nur mit Schwierigkeiten befördert werden. Spontan verreisen oder die Reiseroute ändern – das ist nicht möglich. Als Gruppe zu verreisen ist ebenfalls eine organisatorische Herausforderung. 

Verlässliches Gütesiegel bekannt machen

Zur lückenlosen Servicekette gehört auch die Information über barrierefreie Angebote. Was nützt das beste Angebot, wenn es keiner kennt? Das Projekt „Reisen für Alle“, gefördert vom Wirtschaftsministerium, sammelt detaillierte Informationen zu touristischen, barrierefreien Angeboten in einer Datenbank (https://www.reisen-fuer-alle.de). Auch der ADAC hat die zertifizierten Betriebe von „Reisen für Alle“ seit diesem Jahr in seine Karten (Maps) aufgenommen.

Nach einheitlichen Qualitätsmerkmalen bewerten geschulte Prüfer die Angebote für sieben Personengruppen mit unterschiedlichen Handicaps. Ziel ist es, das Gütesiegel „Reisen für Alle“ bundesweit flächendeckend als Qualitätsmerkmal ein- und durchzusetzen und jedem Suchenden damit verlässliche Informationen zu bieten.

Das ist auch hinsichtlich der im Juli in Kraft tretenden europäischen Pauschalreiserichtlinie sinnvoll. Die besagt, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein gesetzliches Recht auf vorvertragliche Informationen zu einem Pauschalreiseangebot haben. Der Reiseanbieter oder -vermittler steht dann auch bei individuellen Anfragen in der Informationspflicht.

Barrierefreiheit heißt nicht nur rollstuhlgerecht

Auf dem Fachtag wurde auch angesprochen, dass bei Barrierefreiheit fast immer nur an die Rollstuhlfahrer gedacht werde. Es gibt aber weitaus mehr Gruppen mit Handicap. „Reisen für Alle“ unterscheidet sieben Personengruppen mit besonderen Bedürfnissen, darunter Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung. Der Umbau eines Hotels für die Nutzung durch Menschen mit Sinneseinschränkung kann sogar weniger kosten als eine rollstuhlgerechte Umrüstung.

Die Investition lohne sich, wie Robert Hänzel, Leiter des ElsterParks in Brandenburg, bestätigte: Die Besucher werden oft zu Stammgästen und blieben länger – ein Traum für jeden Anbieter. Zudem habe dieser Tourismusbereich im Gegensatz zu anderen kräftige Zuwachsraten.

Behinderung kann jeden treffen, spätestens im Alter

Zu einer inklusiven Gesellschaft, wie sie seit 2006 die UN-Behindertenrechtskonvention einfordert, gehört auch Mobilität für alle. Auch für Menschen mit Behinderung muss es eine Selbstverständlichkeit sein, zu verreisen. Denn – wie die scheidende Tourismusbeauftragte der Regierung, Iris Gleicke, zu bedenken gab – nur vier Prozent aller Deutschen mit Behinderung sind damit geboren worden, alle anderen haben sie durch einen Unfall oder eine Krankheit erworben: Es kann also jeden treffen. Und niemand möchte dann auf die liebgewonnene Urlaubsreise verzichten, weil die Toilette im Flugzeug zu klein ist, das Hotel nur über eine Empfangstreppe zu betreten ist oder der Freizeitpark keine akustische Orientierung und Information anbietet.

Foto Startseite: Christain Schwier; michaeljung / fotolia