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Arbeit trotz Rente – vielen bleibt keine Wahl

Statistiken zeichnen ein rosiges Bild vom Arbeitsmarkt Deutschland: Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand, immer mehr Menschen haben Arbeit, selbst in fortgeschrittenem Alter. Auch nach dem Erreichen des Rentenalters bleibt ein immer größerer Teil berufstätig. Aber für viele ist Weiterarbeiten im Alter keine Frage des „Wollens“, sondern des „Müssens“.

70,1 Prozent der Deutschen zwischen 55 und 64 Jahren sind erwerbstätig. Damit belegt Deutschland in Europa den zweiten Platz (Eurostat 2017). Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) veröffentlicht erfreuliche Zahlen: 62,3 Prozent der 55- bis unter 65-Jährigen ist in Arbeit, bei den 60- bis unter 65-Jährigen sind es 42,3 Prozent (Stand Juni 2018).

Gleichzeitig warnt der SoVD schon seit Langem vor steigender Altersarmut und sozialer Spaltung und hat Konzepte vorgelegt, um dem entgegenzuwirken. Wie passt das zusammen?

Demografischer Wandel ist ein wichtiger Faktor

Wer sich heute mit 50 und älter in Arbeit befindet, hat ein weitaus geringeres Risiko, arbeitslos zu werden, als jüngere Arbeitnehmer. Das liegt zum einen an stärkeren Kündigungsschutzmaßnahmen für diese Altersgruppe, zum anderen am demografischen Wandel.

In den 80er- und 90er-Jahren wurden Berufstätige über 50 von Arbeitgebern und Politik in den Vorruhestand gedrängt und gelockt – mit hohen Abfindungen, staatlich geförderter Altersteilzeit und abschlagsfreien Vorruhestandsregelungen. Damals lautete die Devise: Platz schaffen für die Jungen!

Inzwischen hat sich der Trend umgekehrt: Der demografische Wandel und ein gravierender Fachkräftemangel haben die Wirtschaft dazu bewogen, bewährte Kräfte über das Rentenalter hinaus im Unternehmen zu halten.

Die Regierung hat in den vergangenen Jahren versucht, Anreize zu schaffen wie die Flexirente und eine reformierte Altersteilzeit, die der SoVD kritisch betrachtet, unter anderem wegen der hohen Zugangshürden. Auf der anderen Seite hat sie das Renteneintrittsalter schrittweise erhöht (bis auf 67 Jahre für alle im Jahr 2031).

Gut Qualifizierte arbeiten im Alter gerne weiter

Insgesamt zeichnet sich folgende Entwicklung ab: Wer hoch qualifiziert ist, bekommt inzwischen oft vom Arbeitgeber das Angebot, über das Rentenalter hinaus im Job zu bleiben. Dabei handelt es sich in der Regel um Arbeit, die wenig körperlichen Einsatz erfordert und gut bezahlt wird. Da heutzutage viele Menschen um die 60 noch fit sind, nehmen sie gerne die Gelegenheit wahr, ihren alten Job – meist in Teilzeit – weiter auszuüben.

Laut einer Studie des zur BA gehörigen Instituts für Arbeit (IAB) aus dem November 2018 nennen die Befragten als Gründe, warum sie weiterarbeiten: Freude an der Arbeit, soziale Kontakte und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Für die Gutverdienenden ist das Geld nicht der Hauptgrund, sondern ein angenehmer Zuverdienst, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.

Viele Frauen sind auf einen Zuverdienst angewiesen

Aber es gibt auch die benachteiligten Personengruppen, die zur Rente zuverdienen müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Über die Hälfte der 1.000 Befragten der IAB-Studie nannten als Motiv für das Weiterarbeiten das Geld – besonders häufig die Frauen (70 Prozent). Sie sind nämlich wesentlich stärker von Altersarmut betroffen als Männer.

Das zeigt sich auch bei ihrem hohen Anteil an den geringfügig Beschäftigten. Entgegen dem allgemeinen Trend auf dem Arbeitsmarkt ist die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten bei der Altersgruppe zwischen 55 und unter 65 Jahren angestiegen. Unter ihnen sind doppelt so viele Frauen wie Männer.

Jeder fünfte geringfügig Beschäftigte ist sogar 65 und älter. Der Anteil der Minijobs macht dabei 69 Prozent aus.

Spaltung in Helfer- und Expertentätigkeiten

Ein Indiz für die Spaltung der „Weitermacher / -innen“ zeigt sich in den aktuellen Statistiken der BA: Unter den Beschäftigten, die über die Regelaltersgrenze hinaus weiterarbeiten, sind sowohl die Experten- als auch die Helfertätigkeiten überproportional vertreten.

Man kann davon ausgehen, dass die Expertinnen und Experten gut bezahlt weitermachen, während Minijobbende in Helferjobs wie Putzen, Ausliefern, Lagerarbeit gering entlohnt werden.

Diejenigen mit einer guten Rente verdienen weiterhin gut, die anderen müssen ihre zu geringe Rente „aufstocken“.

Längere Arbeitslosigkeit bei über 50-Jährigen

Der Trend, dass Menschen trotz Rentenalters weiterarbeiten – ob freiwillig oder aus Notwendigkeit –, kommt nur denen zugute, die sich in Arbeit befinden.

Wer mit 55 arbeitslos wird, findet kaum noch eine neue Arbeitsstelle, selbst wenn sie oder er hoch qualifiziert ist. Diese Gruppe gehört gemeinsam mit den Schwerbehinderten zu den Abgehängten am Arbeitsmarkt. 13 Prozent der Arbeitslosen zwischen 55 und 65 Jahren sind zudem auch schwerbehindert. Sie stellen inzwischen 60 Prozent der Langzeitarbeitslosen.

Die Zahlen fallen noch höher aus, wenn man diejenigen dazurechnet, die wegen Fortbildungs- und Arbeitsmaßnahmen vom BA nicht in der Arbeitslosenstatistik aufgeführt werden.

Während die Zahl der jüngeren Langzeitarbeitslosen abnimmt, gelten Jobsuchende spätestens mit über 50 Jahren als „schwer vermittelbar“. Oft müssen ältere Arbeitnehmende deutliche Gehaltsabstriche machen, trotz langer Berufserfahrung und fertiger Ausbildung, wenn sie eine neue Stelle annehmen – dazu ist nicht jeder bereit.

Arbeitsmarkt so gestalten, dass die Rente ausreicht

Um die gesellschaftliche Spaltung in Gut- und Geringverdienende nicht über das Rentenalter hinaus zu verfestigen, ist es wichtig, den Arbeits- und Rentenmarkt so zu gestalten, dass die Renten zum Leben reichen. Der SoVD fordert deshalb seit Langem eine lebensstandardsichernde Rente.

Niemand, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, sollte gezwungen sein, „bis zum Umfallen“ weiterzuarbeiten, statt den verdienten Ruhestand zu genießen und so zu gestalten, wie sie oder er es sich vorstellt – mit oder ohne Arbeit. Dafür wird sich der SoVD auch weiterhin einsetzen.