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„Wir legen Ihnen gerne Steine in den Weg!“

Bunte Rampen aus Legosteinen machen auf weiterhin bestehende gesellschaftliche Barrieren aufmerksam

In verschiedenen deutschen Städten liegen vor den Eingängen von Cafés oder Geschäften bunte Rampen aus Legosteinen. Gebastelt und verklebt werden diese in mühevoller Kleinarbeit von Privatleuten. Die Kunstwerke sollen jedoch nicht allein beim Überwinden von Stufen helfen, sondern vor allem Aufmerksamkeit erregen und somit für das Thema Barrierefreiheit sensibilisieren.

Aus Legosteinen Rampen für Rollstühle oder Kinderwagen zu bauen, das klingt im ersten Moment ein wenig albern. Warum es trotzdem eine tolle Idee ist, das erklärt Ulrich Lorey vom Verein „Selbstbestimmt Leben Würzburg“ (WüSL): „Es fällt sofort auf und regt zum Nachdenken an. Mit Rampen aus Holz hätten wir diese Reaktion nicht erreicht.“

Lorey ist selbst auf den Rollstuhl angewiesen und kennt die Probleme beim Überwinden von Hindernissen zur Genüge. Er und seine Mitstreiter*innen von WüSL wollen etwas verändern: „Es geht um Teilhabe, um Inklusion und einfach um Selbstbestimmung. Wie alle anderen, die nicht im Rollstuhl sitzen, wollen wir auch überall hin können. Da sind die Legorampen letztlich Mittel zum Zweck.“

Bewusstsein für Probleme schaffen

Dank WüSL hat seit Kurzem auch Würzburg eine Rampe aus rund 3.500 Legosteinen. Das Geschäft, vor dem der farbenfrohe Alltagshelfer liegt, hat das Team um Ulrich Lorey unterstützt und war von dem Ergebnis hellauf begeistert. Die Legorampe ist halt ein echter Hingucker. Und genau hier liegt der eigentliche Zweck. Die bunten Steine sollen nämlich in erster Linie ein Bewusstsein für die alltägliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen schaffen.

Ulrich Lorey erlebt es oft, dass bauliche Barrieren den gleichberechtigten Austausch zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf Augenhöhe verhindern. Gerade das aber findet Lorey wichtig, denn alle Menschen sind in erster Linie soziale Wesen und erst dann wie auch immer beeinträchtigt. Er ist überzeugt, dass auf diesem Weg die, wie er es nennt, „gefühlten Barrieren in den Köpfen“ abgebaut werden können.


Interview: Die „Lego-Oma“ zeigt, wie es geht

Rita Ebel aus Hanau hat die Legorampen als eine der Ersten in Deutschland bekannt gemacht. Als „Lego-Oma“ ist sie unter anderem in den sozialen Medien aktiv und bietet entsprechende Bauanleitungen in mittlerweile sechs verschiedenen Sprachen an. Anfragen an ihr Team – darunter ihr Mann, ihre Tochter und ihre Enkelin – kamen bereits aus den USA, aus Dubai und aus Südafrika. Warum sich Rita Ebel so sehr für bunte Rampen begeistert und was sie mit diesen erreichen will, darüber sprach sie im Interview mit der SoVD-Zeitung.

___Sie sind sehr umtriebig – woher nehmen Sie die Zeit für Ihre ganzen Aktivitäten?

Ich bin schon seit über zwanzig Jahren aufgrund einer Erwerbsminderung in Rente. Nebenher engagiere ich mich allerdings auch noch viel ehrenamtlich und gehe einmal die Woche im Sanitätshaus arbeiten.

___Sie haben also nicht früher einmal Legosteine verkauft?

Nein, aber wie die meisten anderen auch habe ich natürlich als Kind damit gespielt.

___Wenn Sie im Sanitätshaus arbeiten, sind Sie ja bestens für den Rampenbau qualifiziert, oder?

Ich muss immer wieder dazu sagen, dass unsere Legorampen keine zertifizierten Hilfsmittel sind. Ich habe aber von Anfang an ein riesiges Potenzial in dieser Geschichte gesehen. Damals habe ich einen Bericht in einer Fachzeitschrift gelesen und gedacht: Was für eine wunderbare Idee und was für ein Hingucker! Von da an war es mir eine Herzensangelegenheit, die Menschen auf so eine tolle Art auf Barrieren aufmerksam zu machen, ohne dabei mit dem Zeigefinger zu drohen.

___Für Rampen als Hilfsmittel gibt es also offizielle Vorgaben?

Die Behörden schreiben dabei ein Gefälle von maximal sechs Prozent vor. Wollten wir das mit unseren Legorampen einhalten, würden die so lang werden, dass oftmals der Bürgersteig gar nicht mehr ausreicht. Als Rollstuhlfahrerin ist mir persönlich allerdings das Gefälle oder die Steigung egal, solang ich damit die Möglichkeit habe, irgendwo hochzukommen. Das ist immer noch einfacher und sicherer, als wenn andere meinen Rollstuhl kippen müssen, um mir zu helfen. Dabei kann man nämlich auch ganz schnell aus dem Rollstuhl fallen.

___Was sollen Legorampen im besten Fall bewirken?

Ursprünglich wollte ich Rollstuhlfahrern sowie Menschen mit einem Rollator oder einem Kinderwagen helfen. Dann haben mich auch Menschen mit einer eingeschränkten Sehkraft angesprochen, die sagten, sie würden durch die bunten Steine jetzt auch die Stufen besser erkennen. Aber auch Menschen, die sich noch nie Gedanken über Barrieren gemacht haben, wurden durch die bunten Rampen darauf aufmerksam – auf eine fröhliche, lustige Art. Ich denke, das ist fast genauso wichtig, wie der eigentliche Zweck der Rampe selbst. An einer Rampe aus Alu oder Holz geht man schnell vorbei. Aber an unseren bunten Legorampen geht niemand einfach nur vorbei.

___Haben Sie in Ihrer Familie alle Legosteine beschlagnahmt?

Ich arbeite nur mit gespendeten Steinen. Das ist das Schöne daran, dass man unser Projekt mit nicht mehr benötigtem Spielzeug unterstützen kann. Und wenn man dann irgendwo eine bunte Rampe sieht, dann stecken da vielleicht die eigenen Steine drin.

___Wie soll es denn mit dem Projekt weitergehen?

Mein Anliegen ist eigentlich, dass andere darauf aufmerksam werden, so wie es unter anderem ja auch in Würzburg funktioniert hat. Die kriegen dann von uns die nötigen Informationen und Hilfen an die Hand, damit es immer mehr Städte mit Legorampen gibt.