Sozialverband Deutschland e.V. > Informieren > Online-Texte > Jeder achte Erwerbstätige lebt dauerhaft prekär


Jeder achte Erwerbstätige lebt dauerhaft prekär

Oft wird über das „Prekariat“ gesprochen, eine verbindliche Definition gab es dafür aber bisher nicht. Die Hans-Böckler-Stiftung hat versucht, diese Personengruppe genauer zu fassen und ist zu einem bedrückenden Ergebnis gekommen: Demnach leben 12 Prozent der Erwerbsbevölkerung in Deutschland dauerhaft in prekären Umständen. Das sind etwa 4 Millionen Menschen. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben erstmals genaue Kriterien entwickelt, um prekäres Leben definieren zu können. Diese beziehen sich zum einen auf das Erwerbsleben. Dazu zählen etwa Niedriglohn, ein unsicherer Job oder fehlender Kündigungsschutz.

Zum anderen geht es um die persönliche Situation: Armut, beengte Wohnverhältnisse oder auch Überschuldung werden in der Studie als Faktoren für ein prekäres Leben genannt. 

Von einer „prekären Beschäftigungsepisode“ sprechen die Wissenschaftler, wenn wenigstens zwei auf de Arbeitsmarkt bezogene Negativkriterien erfüllt sind. Nach dem gleichen Muster bestimmen sie „prekäre Haushaltsepisoden“

Mehr als 12 Prozent leben und arbeiten prekär

Anhand repräsentativer Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) haben die Forscherinnen und Forscher berechnet, wie groß die Gruppe ist, die längerfristig sowohl von prekärer Beschäftigung als auch von einer prekären Haushaltslage betroffen ist. Die Untersuchung deckt die Jahre 1993 bis 2012 ab. Diesen Zeitraum teilten die Forscherinnen und Forscher in zwei Perioden à zehn Jahren ein. 

Das Ergebnis: 12,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung waren in einem Zehnjahreszeitraum überwiegend prekär beschäftigt und lebten in einer prekären Haushaltslage.

Frauen besonders betroffen

Mit 6,7 Prozent bildeten Frauen, zumeist mit Kindern ohne oder mit einem schlecht bezahlten Job die größte Gruppe. Als weitere Risikogruppe identifizierten die Autorinnen und Autoren Väter, denen es trotz dauerhafter Erwerbstätigkeit nicht gelingt, „gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen.“

Weiterhin betroffen sind junge Männer ohne abgeschlossene Berufsausbildung. 

Diesen Gruppen gelang im zehnjährigen Betrachtungszeitraum keine Verbesserung ihrer Lebens- und Erwerbsumstände. Die Forscherinnen und Forscher bezeichnen diese Gruppe deshalb als Prekariat. 

Autoren fordern Umverteilung

Die Forschenden der Hans-Böckler-Stiftung fordern die Politik auf, sich des Problems anzunehmen. Als ein Instrument bezeichnen sie einen höheren Mindestlohn. Dieser könne das Problem aber nicht allein lösen.

Außerdem regen sie an über eine „solidarische Lohn- und Steuerpolitik mit Umverteilungskomponenten in Richtung von Geringverdienern“ nachzudenken – also eine Politik, die höhere Einkommen stärker belastet. 

SoVD hat auf Probleme hingewiesen

Dies sind auch Forderungen, die der SoVD an die Politik stellt. Der Verband hat immer wieder darauf hingewiesen, dass prekäre Arbeit keinen Schutz vor Armut darstellt und die guten wirtschaftlichen Zahlen die Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht widerspiegeln. 

Der Verband fordert unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohns und die Begrenzung prekärer Beschäftigungsformen wie Leiharbeit und Minijobs. 

Die komplette Studie gibt es hier als pdf.