Sozialverband Deutschland e.V. > Informieren > Online-Texte > Einkommen in Deutschland gehen weiter auseinander


Einkommen in Deutschland gehen weiter auseinander

Das Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat seinen neuen Verteilungsbericht veröffentlicht. Danach ist der Anteil der mittleren Einkommen geschrumpft, während der Anteil der Haushalte unterhalb der Armutsgrenze deutlich zugenommen hat. 

Das WSI nutzt die Daten des Soio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2015. Die Autorin Dorothee Spannagel kommt in ihrem Bericht zu dem Ergebnis, dass die Mittelschicht schrumpft, während Armut und Reichtum zunehmen – die Armut jedoch in höherem Maß. 

Dabei gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2015 lag die Armutsgrenze bei einem Netto-Jahreseinkommen von weniger als 12 192 Euro für einen Singlehaushalt.

Armutsquote ist gestiegen

Der Anteil der Armen ist seit der Wiedervereinigung angestiegen. Waren in den 90ern rund 11 Prozent aller Menschen in Deutschland einkommensarm, stieg die Quote bis auf knapp 17 Prozent im aktuellsten Jahr 2015. Der Anteil an einkommensreichen Haushalten stieg in diesem Zeitraum von 6,6 auf 7,5 Prozent. 

Diese Spaltung hat gesellschaftliche Folgen, wie die Autorin feststellt. „Nicht nur geht die Einkommensschere auf, auch die Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander. Nur, wenn es gelingt, verfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass sich die Reichen von der Gesellschaft absetzen, gelingt es auch, jene gut integrierte gesellschaftliche Mitte zu erhalten und zu stärken, auf der die Stabilität unserer Demokratie beruht“, betont die WSI-Expertin.

Armut wird zum Dauerzustand

Denn auch das ist eine Erkenntnis aus dem Bericht: Sowohl die Einkommensarmut als auch Einkommensreichtum haben sich verfestigt. Dabei war die Entwicklung bei armen Haushalten erneut deutlich stärker als bei reichen. Das zeigt der Vergleich von drei 5-Jahres-Zeiträumen. So hatten 3,1 Prozent der Bevölkerung zwischen 1991 und 1995 in jedem dieser Jahre nur ein Einkommen unter der Armutsgrenze zur Verfügung. 

Dagegen waren es im Zeitraum von 2001 bis 2005 bereits knapp 5,2 Prozent, die sich auch über fünf Jahre nicht aus der Armut lösen konnten. Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung stieg der Anteil in den fünf Jahren von 2011 bis 2015 noch einmal leicht auf jetzt 5,4 Prozent.

Mehr reiche Männer, mehr arme Frauen

Ein weiteres Ergebnis des Berichts ist, dass sich dauerhafte Armut auf bestimmte Regionen und Bevölkerungsgruppen konzentriert. So sind etwa drei Viertel der dauerhaft Einkommensreichen Männer, während mehr als die Hälfte der dauerhaft Armen Frauen sind. Außerdem ist dauerhafte Armut in den neuen Bundesländern stärker verbreitet, als in den alten. 

Die Art der Beschäftigung spielt für das Armutsrisiko eine große Rolle. Für Teilzeitbeschäftigte oder Menschen mit Minijobs bestehen kaum Aussichten auf ein hohes Einkommen.

Gute Arbeit schützt vor Armut

Das WSI fordert Maßnahmen, um eine weitere Polarisierung zu verhindern. Es rät, die Lohnungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland zu verringern. Dies könne unter anderem durch eine stärkere Verankerung von Tarifverträgen im Osten gelingen. 

Wichtig sei es außerdem, Bildungsungleichheit zu reduzieren und Kinder aus benachteiligten Familien gezielt zu fördern. 

Weiterhin sieht die Autorin Dorothee Spannagel Handlungsbedarf beim Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit, denn eine gut bezahlte sozialversicherungspflichtige Arbeit sei der beste Schutz vor dauerhafter Armut. Dabei regt sie neben der individuellen Förderung von Langzeitarbeitslosen auch öffentlich geförderte Beschäftigung an. 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen

Als weiteres „Top-Thema“ bezeichnet die Studie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn in Haushalte mit mehr als einem Verdiener sinkt das Risiko, dauerhaft von Armut betroffen zu sein. Dafür sei der Ausbau der kostenfreien Kinderbetreuung wichtig. Davon würden besonders Alleinerziehende profitieren.

Auch der SoVD warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft. Der Verband fordert unter anderem einen höheren Mindestlohn, Reformen bei Hartz IV und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.