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Pflege - 30.11.2004 - Memorandum zur Pflege in Deutschland

PRESSEKONFERENZ "Memorandum zur Pflege in Deutschland" am 30.11. 2004 in der Bundespressekonferenz

Statement von SoVD-Präsident Adolf Bauer

(Es gilt das gesprochene Wort )

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich möchte Ihnen heute das Memorandum zur Pflege in Deutschland präsentieren, in dem wir zwölf Forderungen für eine würdevolle Pflege stellen.

 

Wir wollen damit eine Debatte über die Pflege in Deutschland anstoßen. Denn es gibt immer noch flächendeckend schwere Mängel in der Pflege, die dringend behoben werden müssen.

 

Bevor ich zu den einzelnen Forderungen komme, möchte ich das Grundproblem skizzieren:

 

Es gibt zahlreiche gesetzliche Vorgaben, die die Qualität der Pflege sichern sollen, wie zum Beispiel das Pflege-Qualitätssicherungsgesetz. Doch der Anspruch der Gesetze und die Realität in der Pflege stehen nicht im Einklang.

 

Das Gesetz sieht eine "humane und aktivierende Pflege unter Achtung der Menschenwürde vor". Dieser Anspruch wird in der Realität nicht immer eingelöst.

 

Ich möchte hier auf den Bericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) verweisen, der Mitte November veröffentlicht worden ist.

 

Dies ist die bislang umfangreichste Untersuchung über Pflegequalität in Deutschland.

 

Das Ergebnis in aller Kürze: In der häuslichen Pflege wurde bei neun Prozent der untersuchten Pflegebedürftigen ein "unzureichender Pflegezustand" festgestellt. In der stationären Pflege galt dies sogar für 17 Prozent der untersuchten Pflegebedürftigen. Das bedeutet, dass in den untersuchten Heimen jeder fünfte Pflegebedürftige "unzureichend" gepflegt wird. Diese Zahlen sind alarmierend.

 

Laut MDS-Bericht war die Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung bei 41 Prozent der Pflegebedürftigen in Heimen mangelhaft. Bei 43 Prozent der pflegebedürftigen Heimbewohner wurden Mängel bei der Dekubitus-Prophylaxe festgestellt. Dies macht deutlich: Wir haben es hier nicht mit Einzelfällen zu tun, es handelt sich vielmehr um ein flächendeckendes Problem.

 

Jeder Fall ist ein Fall zu viel !

 

Wir wissen, dass viele Pflegekräfte jeden Tag gute Arbeit leisten, aber leider gibt es auch Häuser, in denen die Pflege mangelhaft organisiert ist und die Pflegebedürftigen nicht gut versorgt sind.

 

Nach unserer Erfahrung sind es oft genug die Pflegekräfte selbst, die auf Missstände aufmerksam machen. Oft genug können sie die Zustände nicht mit ihrem beruflichen Selbstverständnis vereinbaren. Wir verstehen uns hier als Bündnispartner der Pflegekräfte. Wir setzen uns für gute Arbeitsbedingungen ein. Denn gute Arbeitsbedingungen sind eine Voraussetzung, um gute Pflege leisten zu können.

 

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahren stark ansteigen. Das bedeutet: Wir haben eines der größten sozialen Probleme noch vor uns.

 

Die derzeit vorhandenen Strukturen zur Versorgung pflegebedürftiger Menschen werden diesen Bedarf nicht ausreichend decken können. Wir beobachten, dass der Trend zum Bau neuer Großpflegeheime anhält. Großpflegeheime sind aber nicht das, was die Menschen wollen.

 

Wir brauchen ein grundlegendes Umdenken in der Pflege.

 

Wir setzen uns daher für die Stärkung der häuslichen Pflege und die Entwicklung neuer Wohnformen ein. Dazu zählen das Betreute Wohnen sowie Haus- und Wohngemeinschaften. Außerdem müssen teilstationäre Einrichtungen flächendeckend ausgebaut werden. Hier sollte zur Entlastung der pflegenden Angehörigen eine Tages- und/oder Nachtpflege angeboten werden. Wir brauchen überdies eine stärkere Vernetzung der ambulanten, teil- und vollstationären Angebote.

 

Pflegeheime dürfen keine Verwahranstalt für alte Menschen sein. Wir brauchen innovative Pflegekonzepte, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden.

 

 

 

Unsere 12 Forderungen für eine würdevolle Pflege lauten:

 

 

1. Wir brauchen eine aktivierende Pflege.

 

Der im Gesetz verankerte Anspruch nach aktivierender Pflege muss in der Praxis auch eingelöst werden. Das bedeutet, dass die Fähigkeiten der Pflegebedürftigen erhalten und ausgebaut werden.

 

Denn: Wer immer nur im Bett liegt, verlernt das Laufen.

 

 

2. Wir fordern die Einhaltung von Mindeststandards

 

Wir brauchen Pflegestandards, die für die Pflegeeinrichtungen verpflichtend sind.

 

Dies reicht von der ausreichenden Flüssigkeitszufuhr bis zur Vorsorge gegen Druckgeschwüre.

 

Ich will hier nur ein Beispiel nennen: Es darf nicht sein, dass Pflegebedürftige nur deshalb eine Windel bekommen, weil das Personal keine Zeit hat, sie zur Toilette zu begleiten.

 

 

 

3. Die Einhaltung der Mindeststandards muss auch kontrolliert werden.

 

Wir fordern, dass die Heimaufsicht und der Medizinische Dienst der Krankenkassen grundsätzlich unangemeldete Kontrollen der Heime durchführen. Wir fordern außerdem, dass die Berichte des Medizinischen Dienstes über die Qualitätskontrollen in den Heimen veröffentlicht werden. Die Pflegebedürftigen, ihre Angehörigen und die breite Öffentlichkeit haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Heime gut geführt werden.

 

Es fehlt bis heute die im Pflege-Qualitätssicherungsgesetz vorgesehene Verordnung, die es ermöglicht, dass Pflegedefizite auch mit Sanktionen belegt werden können. Der Bundesrat hat einen Entwurf der Bundesregierung im Herbst 2002 abgelehnt. Wir fordern Bundessozialministerin Ulla Schmidt auf, hier einen neuen Anlauf zu machen.

 

 

 

4. Wir brauchen mehr Kostentransparenz.

 

Wir fordern, dass die Träger von Pflegeeinrichtungen ihre Bilanzen offen legen müssen.

 

 

 

5. Die ärztliche Versorgung pflegebedürftiger Heimbewohner muss verbessert werden. Jedem Pflegeheim sollte ein Heimarzt zur Verfügung stehen, der für die ärztliche Betreuung der Bewohner verantwortlich ist.

 

 

 

6. Dem Wunsch nach einem Einzelzimmer muss entsprochen werden.

 

 

 

7. Statt ständig wechselndem Pflegepersonal fordern wir die Bildung von festen Pflegeteams. Dies steigert das Wohlbefinden aller Pflegebedürftigen und ist für Pflegebedürftige mit Altersdemenz besonders wichtig.

 

 

 

8. Der in der Heimpersonalverordnung festgelegte Fachkräfteanteil von 50 Prozent, wird in zahlreichen Pflegeheimen bis heute nicht erreicht und kann nur eine Untergrenze sein.

 

 

 

9. Fort- und Weiterbildung des Pflegepersonals müssen Pflicht werden.

 

 

 

10. Wir setzen uns für eine Stärkung der häuslichen Pflege und die Entwicklung alternativer Wohnmodelle ein. Betreutes Wohnen sowie Haus- und Wohngemeinschaften werden immer stärker nachgefragt.

 

 

 

11. Pflegende Angehörige brauchen mehr Unterstützung und Entlastung.

 

 

 

12. Wir brauchen mehr Prävention. Es muss mehr Anstrengungen geben, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.

 

 

 

Unser Fazit lautet:

 

Wir brauchen nicht mehr Geld, um eine gute Pflege zu gewährleisten.

 

Was wir brauchen, sind mehr Prävention und mehr Reha-Maßnahmen für Pflegebedürftige. Prävention zahlt sich im wahrsten Sinne des Wortes aus.

 

Denn Prävention hilft, hohe Folgekosten zu vermeiden.

 

Mangelhafte Pflege führt hingegen zu hohen Folgekosten. Zum Beispiel geben wir pro Jahr Millionen von Euro für die aufwändige und langwierige Behandlung von vermeidbaren Druckgeschwüren aus. Das ist eine unglaubliche Fehlentwicklung und bedeutet für die Betroffenen schweres Leid.

 

Wir brauchen daher eine Qualitätsoffensive in der Pflege.

 

Wir brauchen außerdem dringend eine Reform der Pflegeversicherung.

 

Ziel muss sein, die häusliche Pflege zu stärken. Wir brauchen außerdem einen erweiterten Pflegebegriff, damit der Betreuungsaufwand von Menschen mit Altersdemenz von der Pflegeversicherung berücksichtigt wird.

 

Wir fordern die Bundesregierung auf, die Reform der Pflegeversicherung noch im Jahr 2005 anzupacken.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

Die Broschüre "12 Forderungen für eine würdevolle Pflege" können Sie sich kostenfrei hier herunterladen.