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Mit Handicap studieren in Zeiten von Corona

Studierende mit Behinderung und chronischen Erkrankungen stehen vor besonderen Herausforderungen

Die sozialen Folgen der Corona-Pandemie sind weiter spürbar. Auch Studierende gehen ins nächste Online-Wintersemester mit gemischten Gefühlen. Einige Universitäten bleiben im vollen Online-Modus, einige bieten hybride Formen von Online- und Präsenzveranstaltungen an. Besonders Studierende mit Handicap stellt dies vor Herausforderungen. Drei von ihnen berichten von ihren Erfahrungen.

Jan Marwan studiert Italienisch sowie im Zweitfach slawische Sprachen und Literaturen an der Humboldt-Universität Berlin. Vor einigen Jahren ist er aufgrund einer schweren Erkrankung vollständig erblindet: „Mein Zweitstudium ist für mich ein Neuanfang gewesen, um trotz der Erblindung doch aus meinem Leben etwas machen zu können“, erklärt der Student. Obwohl der angehende Sprachwissenschaftler ohne Assistenzhilfe auskommt, stelle die Corona-Krise neue Herausforderungen für Studierende mit Behinderung dar: „In den ersten drei Semestern konnte ich bei technischen Problemen an meinem Mac die IT-Fachleute an der Humboldt-Universität bei uns am Institut noch persönlich aufsuchen. Seit April ist das nicht mehr möglich. Insofern bin ich seither auf mich alleine angewiesen“, berichtet Marwan.

Direkter Kontakt zu den Kommiliton*innen fehlt

Trotz der außergewöhnlichen Situation komme er mit den Umständen ganz gut zurecht. Im abgeschlossenen Sommersemester konnte er sogar mehr Stoff abarbeiten und neben dem laufenden Curriculum an zwei Hausarbeiten schreiben. „Das lag aber auch daran, dass wir in der Phase zu Hause bleiben mussten. So hat man zwangsläufig mehr Zeit zur Verfügung“, erklärt der Berliner Student. Marwan fehlten aber besonders der Umgang und das gemeinsame Lernen mit anderen Studierenden: „Durch die Corona-Krise hat man den sonst gewohnten, ständigen Kontakt zu den anderen verloren. Das sehe ich schon als großen Nachteil an.“

Die Gesellschaft hinkt der Technologie noch hinterher

Anders als bei Sehenden, die lediglich Tastatur und Maus zur Bedienung des Computers benötigen, müssen Sehbehinderte dagegen auch den Cursor der Sprachsteuerung für die Handhabung mitbeachten. „Zusätzlich gibt es noch den sogenannten Voiceovercursor“, erklärt Marwan. Das System funktioniere aber nur, wenn dieser den anderen Cursorn immer folgt und alle drei sich elektronisch auf einem Punkt treffen. Erst dann wird über die Sprachsteuerung das erfasst, was Sehende visualisieren. „Nur dann können wir wirklich von Barrierefreiheit sprechen. Das funktioniert im digitalen Bereich an der Humboldt-Universität ganz gut und ich habe auch den Eindruck, dass die IT für Blinde mitdenkt.“

Anders hingegen sei dies beispielsweise in der Buchhandlung oder im stationären Einzelhandel. „Wenn ich hier nach einem über die Sprachausgabe lesbaren E-Book für Blinde frage, bekommt man nicht immer eine zufriedenstellende Antwort“, so der Student, der ergänzt, dass im Zuge der Digitalisierung den Sehbehinderten eine Technologie in die Hand gegeben worden sei, mit der Blinde und Sehende nahezu ohne Barrieren miteinander kommunizieren könnten. Allerdings müssten auch die Gesellschaft und Institutionen mitspielen, die noch der Entwicklung hinterherhinkten, so Marwan. „Man wird begreifen lernen, dass Hören für einen Blinden nicht gleich Hören ist. Es macht einfach einen Unterschied aus, ob ich eine Audio-Datei höre oder ob ich den äquivalenten Text als pdf-Datei vorliegen habe, anhand der ich durch die Navigation durch die einzelnen Zeilen das erfassen kann, was auch ein Sehender liest.“ Schon vor der Corona-Krise war das Abstellen von Lehrinhalten in Form von pdf-Artikeln auf Online-Plattformen der deutschen Universitäten Standard. „Ist die pdf-Datei allerdings so aufbereitet, dass die Linearität des Textes in der Sprachsteuerung nicht gegeben ist, hat der Blinde schlechte Karten.“

Klausuren sollten auch online möglich sein

Annabel Breuer, die seit einem Autounfall in ihrer Kindheit querschnittgelähmt ist, absolviert derzeit ihr Masterstudium an der hessischen Justus-Liebig-Universität in Gießen. Die Rollstuhlbasketballerin des RSV Lahn-Dill, die bei den Sommer-Paralympics in London im Jahr 2012 mit der Mannschaft die Goldmedaille gewann, fand das letzte Sommersemester „sehr komisch“, wie sie erzählt: „Die Online-Seminare waren viel
anonymer als die Präsenzveranstaltungen im Normalbetrieb, weil wir für die bessere Qualität der Übertragung die Kamerafunktion im Online-Seminar ausgeschaltet haben.“ Auf diese Weise konnte sie ihre Kommilion*innen nur hören, aber nicht sehen. Ein großer Nachteil sei auch, dass man bei der Online-Lehre zu sehr auf die Internetverbindung angewiesen ist: „Bei einem Vortrag von mir ist das Internet ausgefallen. Das war sehr ärgerlich.“ Studierende, die keinen Zugang zum Internet haben, hätten das Nachsehen.

Die Unterstützung für Behinderte sei durch die Pandemie in Hessen nicht weniger, aber auch nicht mehr geworden, so Breuer. Einige Dozent*innen hätten am Ende des Sommersemesters noch eine Präsenzstunde durchgeführt, die sie allerdings nicht besuchen konnte: „Durch meine Zugehörigkeit zur sogenannten ‚Risikogruppe‘ habe ich diese absagen müssen. Dies wurde mir aber nicht negtiv ausgelegt, worüber ich sehr froh war.“ Kritisch sah sie allerdings die Tatsache, dass zwei ihrer Klausuren zum Semesterabschluss als Präsenzveranstaltung durchgeführt wurden. Dies sieht das hessische Hochschulgesetz vor. „Es wurden zwar die Hygienemaßnahmen eingehalten, aber dennoch ist es für eine Person mit Behinderung ein erhöhtes Risiko, mit 200 Studierenden zusammen in einer Turnhalle zu sein. Ich würde mir wünschen, dass es im Wintersemester auch die Möglichkeit gibt, Klausuren online zu schreiben.“

Wie viele Leistungssportler- *innen arrangiert sich Annabel Breuer derzeit mit der Pandemie. Derzeit könne sie ihren Sport aber nicht so ausführen, wie sie es gerne wollte: „Ich persönlich würde mich sicherer fühlen, wenn es ein Heilmittel für das Virus gäbe. Solange bin ich noch sehr vorsichtig und bin mir auch noch nicht sicher, ob die Paralympics nächstes Jahr realisierbar sind.“ Diese Ungewissheit sei natürlich ärgerlich,  so die Studentin, „aber wir werden auf jeden Fall weiter trainieren.“

Organisatorisches Chaos unbedingt vermeiden

Eine ganz andere Situation stellt sich derzeit an der Universität Siegen dar. Sarah Dehn, die sich auch im Landesverband der SoVD-Jugend in Nordrhein-Westfalen engagiert und dort für den Studiengang „Pädagogik: Entwicklung und Inklusion“ eingeschrieben ist, verzweifelt gerade ein wenig an der Organisation der Lehre während der Corona-Krise. Sie weiß nicht, wie sie ihr Studium in der gegenwärtigen Praxisphase weiter gestalten soll. Der Semesterstart, der eigentlich am 1. Oktober sein sollte, wurde bereits auf den
1. November verschoben. Zudem bietet die Universität Siegen nach Dehns Angaben ein hybrides System von Online- und Präsenzlehre an. Dieses Angebot kann die Asthmatikerin aber nur zum Teil wahrnehmen: „Da ich erhöhtes Erkrankungsrisiko habe, darf ich die Universität nicht betreten und somit  kann ich an der Präsenzlehre nicht teilnehmen.“ Dozent*innen, die Präsenzveranstaltungen halten, sind jedoch verpflichtet, eine Ersatzleistung anzubieten. „Das ist mit den Lehrenden auch so kommuniziert worden, auch wenn die Umsetzung für einige immer noch schwierig erscheint. Trotzdem wird vieles möglich gemacht. Es gibt immer eine Lösung – für uns Studierende ist das Ganze nur etwas chaotisch und unübersichtlich.“ Die Siegener Studentin beklagt außerdem, dass die Universitätsleitung zunächst nur mit den Dozent*innen kommunizierte. Hätte man die Studierenden von Anfang an richtig informiert, wäre so manche Panikreaktion ausgeblieben, meint Dehn.

Zugang zu Angeboten der Bildung ermöglichen

Der SoVD fordert deshalb weiterhin, dass es keine Benachteiligung beim Zugang zu Bildungsangeboten zulasten behinderter oder chronisch kranker Menschen geben darf. Die Corona-Krise hat diese Gefahren deutlich gemacht. Im Lockdown wurden Defizite sichtbar. Die Umsetzung der Barrierefreiheit muss daher rechtlich verbindlich sein, überwacht und begleitet werden. Gefordert sind hierbei öffentliche Träger genauso wie private Anbieter.