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Corona verstärkt soziale Kluft

Pandemiebedingte Beschränkungen treffen Menschen in unterschiedlicher Weise

Nach einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) verfestigen die seit Monaten bestehenden und nun teilweise gelockerten Corona-Beschränkungen gesellschaftliche Ungleichheiten. Die Chancen von Familien, mit den Auflagen in der Krise umzugehen, sind – je nach sozioökonomischen Umfeld – demnach sehr unterschiedlich. Entsprechend beträchtlich oder weniger schwerwiegend sind die sozialen Folgen.

Stichwort Wohnen: Mehr als 30 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern wohnen laut Studie in einem Mehrfamilien- oder Hochhaus ohne Gartennutzung. Das ist jede dritte Familie in Deutschland. Unter den Alleinerziehenden können nur knapp die Hälfte mit ihren Kindern einen Garten nutzen.

In den Großstädten lebt gemäß den Ergebnissen der Studie jede vierte Familie mit zwei Kindern unter 18 Jahren in Wohnungen unter 80 Quadratmetern. Die Frage, ob ein Garten vorhanden ist oder beengt in einer kleinen Wohnung ausgeharrt werden muss, hat (auch) in der Krise unmittelbare soziale Auswirkungen. Denn die Möglichkeiten, in die Natur auszuweichen, sind in Ballungsgebieten eher gering. Mangelnde Bewegung sowie wenig Tageslicht und frische Luft haben jedoch einen negativen Einfluss auf die psychische und körperliche Verfassung. Verengte Wohnverhältnisse können zudem familiäre Konflikte und das Vorkommen häuslicher Gewalt verschärfen. Viele Familien sind längst an oder über ihrer Belastungsgrenze, insbesondere wenn Eltern zu Hause arbeiten.

Rückfall im Spracherwerb bei Migrationshintergrund

Stichwort Bildung: Geschlossene Kitas und Schulen, die jetzt sukzessive wieder öffnen dürfen, sind besonders für die laut Studie rund 2,3 Millionen Kinder und Jugendlichen problematisch, bei denen zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird. Zwar habe in rund der Hälfte aller Haushalte von Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch Vorrang, stellten die Wissenschaftler*innen mit Blick auf ältere Zahlen von 2018 fest. Mehr als jedes fünfte Kind unter drei Jahren spreche zu Hause aber vor allem eine andere Sprache, meist Türkisch, Arabisch oder Russisch. Von den Drei- bis Fünfjährigen sei dies noch knapp jedes fünfte Kind. Durch die Schließungen fielen sie beim Spracherwerb zurück und büßten Bildungschancen ein.

Stichwort niedrige Löhne: Die meisten der sogenannten systemrelevanten Berufe, die gerade besonders gefragt sind, werden gering entlohnt. Und 60 Prozent der Pflege- und Betreuungskräfte, der Beschäftigten im Einzelhandel und der Reinigungskräfte sind weiblich.

Lohn und Arbeitsbedingungen nicht nur in Krise verbessern

In der Krise haben sie alle plötzlich Anspruch auf Betreuungsnotplätze ihrer Kinder in Kitas und Schulen, insbesondere wenn sie alleinerziehend sind. Das sollte nicht nur jetzt so sein. Die Forderungen nach angemessener Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten bei gleichzeitig vollständiger Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern sind deshalb aktueller denn je.