100 Jahre frauenpolitische Arbeit

SoVD begeht Festakt zum Jubiläum – trotz Gleichstellungsgebot viele Nachteile

Vor 100 Jahren begann mit einem Aufruf des Reichsbund-Bundesvorstandes zur Gründung von Hinterbliebenensektionen am 15. Januar 1919 die Geschichte der Frauen im SoVD. Nach den verheerenden Kriegsfolgen kämpften sie für ihre eigenständige wirtschaftliche und soziale Sicherung – ein Anliegen, das noch heute vorrangiges Ziel in der Frauenpolitik des Verbandes ist. Der SoVD beging den 100. Geburtstag mit einem Festakt in Berlin. 

„Gleichberechtigung – nicht gleich, sondern sofort!“ war das Motto, unter dem die Frauen auf ihr bisheriges politisches Engagement zurückblickten. Gleichzeitig richteten sie den Blick nach vorn: Was muss getan werden, um tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu erreichen? Denn trotz verfassungsrechtlichen Gleichstellungsgebotes sind Frauen im gesellschaftlichen und beruflichen Leben nach wie vor benachteiligt.

Vor rund 170 Gästen aus Politik, Wissenschaft und Verbänden dankte Juliane Seifert,  Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), den SoVD-Frauen in ihrer Grußansprache für deren unermüdlichen Einsatz. „Sie engagieren sich für die Rechte von sozial Benachteiligten, für pflegebedürftige Menschen, für Menschen mit Behinderung. Vielen Dank für dieses Engagement!“, sagte Seifert. Die Staatssekretärin hob dabei insbesondere auch das SoVD-Engagement für Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen hervor.

„Die Forderung nach einer vollen Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft und im Arbeitsleben steht bis heute ganz oben auf unserer sozialpolitischen Agenda. Und das unterstreicht der SoVD nicht nur mit Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag oder dem Equal Pay Day“, betonte SoVD-Präsident Adolf Bauer.Er sprach den SoVD-Frauen seinen ausdrücklichen Dank für 100 Jahre Engagement für Frauenrechte und Gleichberechtigung aus. „Viele gleichstellungspolitische Verbesserungen und Reformen konnten wir im SoVD aktiv begleiten und mitgestalten“, so Bauer.

Frauenarbeit braucht Mut und Selbstvertrauen

„Die Frauen im SoVD haben immer wieder ihren Protest gegen eine ungerechte Politik in die Öffentlichkeit getragen“, stellte SoVD-Bundesfrauensprecherin und Präsidiumsmitglied Edda Schliepack in ihrem Redebeitrag fest. Mut und Selbstvertrauen seien das, was die Frauen aus der Geschichte der Frauenarbeit im Sozialverband Deutschland schöpfen könnten und schöpfen müssten. „Wir wollen ein sozial gerechtes und friedliches Deutschland mit gleichberechtigten Frauen!“, betonte Schliepack. Die Bundesfrauensprecherin hatte zuvor mit SoVD-Präsident Bauer die zahlreichen Festgäste begrüßt und das Programm vorgestellt, durch das Moderatorin Leo Busch führte.

Nach der musikalischen Eröffnung durch das Violinenspiel des Geschwisterpaares Richard und Sophia Saneiy sowie den Grußansprachen des SoVD-Präsidenten und der Bundesfrauensprecherin prägten abwechslungsreiche Fachvorträge und Diskussionen den Festtag. Jeanette Toussaint, Ethnologin und Soziologin, ging in ihrem interessanten Vortrag den Fragen nach: Wie hat sich die Frauenarbeit im ehemaligen Reichsbund professionalisiert? Und welche Frauen waren an dieser Aufgabe beteiligt?

Frauenanteil von null im Vorstand als erklärtes Ziel?

Professorin Dr. Uta Meier-Gräwe, von 1994 bis 2018 Inhaberin eines Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushaltes und Familienforschung sowie Mitglied der Sachverständigenkommission des Ersten und Zweiten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung, machte in ihrem Beitrag den weiterhin großen Handlungbedarf in Sachen Gleichstellung deutlich.

Meier-Gräwe verwies dabei unter anderem auf namhafte Unternehmen, die es sich explizit zum Ziel gesetzt hätten, einen Frauenanteil von null im Vorstand beizubehalten, darunter die Fielmann AG, Südzucker und die Norma Group.

Zum Thema Gleichstellung gehört auch Respekt

Ninia LaGrande, Autorin, Moderatorin und Poetry-Slammerin, thematisierte nicht allein das Thema „Gleichberechtigung“. Ihre ebenso pointierten wie humorvollen Ausführungen betrafen zudem die Themenfelder „Frauen mit Behinderung“ und „Respekt“.

Einen Rückblick insbesondere auf die letzten zehn Jahre Frauenpolitik bot anschließend eine lebhafte Podiumsdiskussion unter dem Titel „Viel erreicht – noch viel zu tun?“.

Teilnehmende waren Prof. Dr. Ursula Engelen-Kefer, Vorsitzende des Arbeitskreises Sozialversicherung im SoVD-Bundesverband und 1. Vorsitzende Landesverband Berlin-Brandenburg, Martin Rosowski, langjähriger ehem. 1. Vorsitzender des Bundesforums Männer e. V. – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V., Katja Grieger, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (ff), Anja Weusthoff, Leiterin der Abteilung Frauen, Gleichstellungs- und Familienpolitik beim DGB-Bundesvorstand, und Edda Schliepack, SoVD-Bundesfrauensprecherin.

Den musikalischen Ausklang gestaltete der Politchor Rotkehlchen, bevor SoVD-Präsident Adolf Bauer mit einem Resümee und Ausblick auf das künftige frauenpolitische Engagement die gelungene Veranstaltung beendete.