Armut grenzt viele Menschen aus

Kongress fordert mehr Solidarität – SoVD setzt Impulse beim Thema Gesundheit

Die Armut in Deutschland nimmt zu, der Abstand zwischen Arm und Reich wird immer größer. Rund jede und jeder Sechste ist arm oder von Armut bedroht – trotz guter Wirtschaftslage, Lohnzuwächsen und weniger Arbeitslosen. Umso wichtiger ist es, dass Politik und Solidargemeinschaft dafür sorgen, niemanden abzuhängen. Das war die zentrale Forderung beim Armutskongress 2019 in Berlin, auf dem der SoVD sich aktiv einbrachte.

„Baustelle Deutschland. Solidarisch anpacken!“, lautete das Motto. Am 10. und 11. April fand der Armutskongress zum dritten Mal statt und zog neben Fachleuten auch Betroffene an. Die Bandbreite des Mottos bildeten Vorträge, Diskussionen und Foren ab, und zwar in den Bereichen Wohnen, Altersarmut / Rente, Hartz IV / Arbeitsmarktpolitik, Gesundheit, Bildung, Europa, Pflege, Familie und Teilhabe. Veranstalter war der Paritätische Gesamtverband mit der AWO, dem DGB und der Nationalen Armutskonferenz. Der SoVD unterstützte den Kongress mit einem eigenen Forum im Bereich Gesundheit.

Ein wichtiger Aspekt war Wertschätzung, und zwar nicht nur von Erwerbsarbeit. Dabei ging es auch um Begrifflichkeiten. So lehnten etliche Anwesende es vehement ab, von „sozial schwach“ zu sprechen. Das sei „eine Beleidigung“, sagte auch der Jurist und Journalist Prof. Dr. Heribert Prantl bei der Eröffnung. In der Tat können sich finanziell Schwache sozialer verhalten als Wohlhabende. Viele von ihnen engagieren sich sogar ehrenamtlich.

Schere geht auseinander

Statt von „arm“ sprechen Statistiken und Politik oft von „armutsgefährdet“. Das liegt teils daran, dass den Zahlen meist das Einkommen zugrunde liegt – und dies nicht immer die gesamte Lage eines Menschen abbildet. Denn hinzu kommen Faktoren wie einerseits Vermögen, andererseits Schulden, Kinder oder Wohnen. Einflüsse sind hier etwa der Anteil an den Ausgaben oder regionale Unterschiede. Im Eigentum Wohnende sind zudem viel seltener arm als Mieterinnen und Mieter.

Darüber hinaus ist die empfundene Armut noch höher als offizielle Zahlen. Als einen Grund, den die Politik bearbeiten muss, vermutet die Wissenschaft, dass zwar der Wohlstand insgesamt gewachsen, aber die Verteilungsgerechtigkeit gesunken ist. Der Aufschwung kommt nicht bei allen an – das kritisiert der SoVD schon lange. Oberer und unterer Rand driften auseinander. Sogar die Mitte kann sich vieles nicht mehr leisten. Schon die Wohnkosten belasten oft überproportional.

Arm im direkten Vergleich

Um hierzulande als arm zu gelten, muss man nicht auf der Straße leben oder Hunger leiden. Wer im Vergleich zu seinem Umfeld viele Standards nicht bezahlen kann, hat weniger am sozialen Leben teil. Maßgeblich ist diese „relative Armut“.

Als arm oder armutsgefährdet gilt in der EU, wer unter 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens hat. In Zahlen heißt das zum Beispiel: Alleinlebende in Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt arm, wenn sie weniger als 1.096 Euro (2017) bekommen. Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Schwelle bei 2.302 Euro. Das Sozio-oekonomische Panel kommt bei etwas anderer Datengrundlage auf leicht niedrigere Beträge.

Gegenmaßnahmen zielen zumeist auf Arbeitslose. Dabei hat deren Zahl abgenommen, stellt der 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2017) fest. Die Arbeitslosigkeit geht zurück – die Armut steigt trotzdem. Die Mehrheit der Armen ist nicht arbeitslos. Sogar mit Vollzeitjob kann man arm sein, trotz des Mindestlohnes. Das betont auch der Paritätische Armutsbericht (2018).

Krankheit als Armutsfalle

Besonders gefährdet sind Erwerbstätige in Teilzeit, Leiharbeit oder anderer atypischer Beschäftigung, Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende, Singles, kinderreiche Familien und Menschen in Ausbildung.

Auch Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke haben ein hohes Risiko. Offizielle Statistiken berücksichtigen sie bisher kaum. Als Interessenverband tritt der SoVD für sie ein.

Armut macht krank – und Krankheit macht arm! Auf diesen Kreislauf hat der Verband oft hingewiesen, etwa in seinen „zehn sozialpolitischen Thesen“. Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen haben schlechte Chancen im Job, oft geringe Einkommen, niedrige Renten und Probleme bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Umgekehrt können Geldnot und Ausgrenzung zu Erkrankungen führen, oft zu seelischen. Bisweilen kommt noch Pflegebedarf hinzu. Betroffene laufen Gefahr, gleich mehrfach ausgegrenzt zu sein: gesundheitlich, finanziell und sozial.

Psychisch Kranke im Fokus

Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Schätzungen schwer psychisch krank. Auf dem Kongress bot der SoVD ein Impulsforum an zu einem Thema, über das viele ungern sprechen: „Armutsrisiko psychische Erkrankung – eine Abwärtsspirale?“ Damit traf er einen Nerv, wie die rege Beteiligung zeigte.

Auf dem Podium diskutierten Karl-Dieter Voß, Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses (SPA) im SoVD-Bundesverband, Josef Schädle, stellvertretender Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, und Gudrun Schliebener, Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. (BApK). Die Fachjournalistin Kerstin Michaelis moderierte die Runde und das Gespräch mit dem Publikum. Denn das brachte sich im randvoll besetzten Saal lebhaft ein.

Solidarisch gegen Ausgrenzung

Alle waren sich einig, dass die Unterstützung für psychisch Kranke zwar besser geworden, aber noch sehr lückenhaft sei und nicht vor Armut schütze.
„Das Hilfesystem hat mehr Löcher als ein Fischernetz!“, so Schliebener. Vieles leisteten Angehörige. Der SoVD fordert, die Versorgung zu verbessern und zu erleichtern; auch die medizinische, therapeutische und pflegerische. Voß ergänzte: „Wir müssen die Erwerbsminderungsrente zur echten Versorgungsrente weiterentwickeln!“ Abschläge seien abzuschaffen.

Doch ging es bei der Lösungssuche nicht „nur“ um Geld und Versorgung. Ein Ergebnis war: Gegen Ausgrenzung helfe nur, solidarisch zu sein sowie umzudenken. Mitmenschen, auch Arbeitgeber und Kollegenschaft, müssten Stärken statt Defizite sehen – das Prinzip der inklusiven Gesellschaft.