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Wenn wir uns plötzlich neu sortieren müssen

Eine Erkrankung stellte Kristina Schmidt vor schwer zu bewältigende Herausforderungen

Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember stellt der Deutsche Behindertenrat (DBR) in einer Veranstaltung die Situation von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen in den Mittelpunkt. Mit einer der zahlreichen Betroffenen hat aus diesem Anlass die SoVD-Zeitung gesprochen: Kristina Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist seit Jahren auf eine Rente wegen Erwerbsminderung angewiesen. Es ärgert sie, dass die Politik in diesem Bereich zwar Verbesserungen ankündigt, diese jedoch erst für künftige Rentnerinnen und Rentner gelten sollen. Sie empfindet das als ungerecht.

In Deutschland beziehen derzeit rund 1,8 Millionen Menschen eine Erwerbsminderungsrente. Betroffene können etwa aufgrund einer Krankheit oder einer Behinderung „auf nicht absehbare Zeit weniger als drei Stunden täglich arbeiten“. So formuliert die Deutsche Rentenversicherung Bund die Voraussetzungen für den Erhalt einer Rente wegen voller Erwerbsminderung.

Die Arbeitsfähigkeit bezieht sich dabei allerdings nicht nur auf den ursprünglich ausgeübten Beruf, sondern auf jede erdenkliche Tätigkeit. Geprüft wird das anhand ärztlicher Unterlagen und, falls nötig, weiterer Gutachten. So hoch die bürokratischen Hürden sind, so niedrig fällt letztlich die ausgezahlte Rente aus: Im vergangenen Jahr lag deren Durchschnitt bei gerade einmal 754 Euro monatlich und damit unterhalb der Armutsgrenze.

Glück mit der Therapeutin

Wie schwierig es ist, von wenig Geld zu leben, musste auch Kristina Schmidt schmerzhaft erfahren. Sie ist bereits seit ihrem 44. Lebensjahr auf eine Rente wegen Erwerbsminderung angewiesen. Heute ist sie 62 Jahre alt.

Bevor sich ihr Leben so einschneidend verändert, ist die ehrgeizige Frau berufstätig. Sie arbeitet viel. Mindestens 60 Stunden pro Woche ist sie für einen großen Konzern tätig. Sie macht das aus freien Stücken, liebt die Herausforderung. Dafür gibt sie sogar ihre langjährige Stelle als Beamtin auf. Hier hat sie mehr Sicherheit und angenehmere Arbeitszeiten, doch die junge Frau möchte sich verändern, mehr Verantwortung übernehmen. Nicht jeder in ihrem Freundes- und Familienkreis hat für den beruflichen Wechsel Verständnis. Als dann gesundheitliche Probleme hinzukommen, mangelt es vielen in ihrem Umfeld ebenfalls an Verständnis und an Empathie. Man sieht ihr die Erkrankung zunächst nicht an. Kristina Schmidt hat Multiple Sklerose.

„Das war damals ein langer, schmerzhafter Weg“, sagt die 62-Jährige. Sie hat immer stärker werdende Schmerzen an unterschiedlichen Stellen im Körper, hinzu kommen völlige Kraftlosigkeit und Konzentrationsstörungen. Zunächst ist nicht klar, dass es sich dabei um eine neurologische Erkrankung handelt. Sie läuft von einem Arzt zum anderen, empfindet irgendwann eine Taubheit, später auch echte Verzweiflung. Sie weiß keinen Ausweg mehr. Rückblickend betrachtet sie es als großes Glück, dass sie damals eine liebevolle Therapeutin findet, die fast schon mütterlich mit ihr umgeht. Sie rät ihr zu einem stationären Aufenthalt, der für Kristina Schmidt jedoch ernüchternd und enttäuschend verläuft. Den Umgang mit den Patientinnen und Patienten dort beschreibt sie als hartherzig. Den Trost, den sie sich erwartet hat, findet sie dort nicht.

Eindringlich schildert sie den Tag ihrer Entlassung: „Dann kam ich raus und war wie zertrümmert. Ich habe versucht, mein Leben wieder in kleine Mosaiksteine zusammenzulegen und daraus irgendetwas zu formen.“

Überforderung und Selbstzweifel

Während dieser Zeit ist Kristina Schmidt natürlich nicht in der Lage, zu arbeiten, sie ist krankgeschrieben. Stufenweise und in kleinen Schritten versucht sie den Wiedereinstieg in den Job, doch ihr fehlt die Kraft. Inzwischen kennt sie auch ihre Diagnose. Ihre Form der Multiplen Sklerose verläuft dabei nicht in Schüben, sondern schreitet kontinuierlich voran. Auftretende Symptome und Beschwerden nehmen allmählich zu. Kristina Schmidt stellt einen Rentenantrag.

Über die damals zuständige Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) wird ihr eine Kur bewilligt. Dabei, so sagt sie, habe man jedoch vor allem versucht, herauszufinden, ob „diese Zitrone noch Saft hat“ – ob sie also wirklich nicht mehr arbeitsfähig ist. Kristina Schmidt fühlt sich getrieben, die Situation überfordert sie: „Ich wollte es ja selbst nicht wahrhaben. Ich und in Rente? Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Wenn schon Rente, dann doch erst mit 63 oder später. Jetzt aber doch nicht, ich doch nicht!“

Kritik an Plänen der Bundesregierung

Heute geht es Kristina Schmidt den Umständen entsprechend gut. Seit sie nicht mehr arbeitet, sind ihre Symptome deutlich besser geworden. Die Ruhe tut ihrem Körper und ihrer Psyche sehr gut. Nicht immer gelingt es ihr allerdings, auch gelassen zu bleiben. Als sie beispielsweise in der Zeitung von den Rentenplänen der Bundesregierung liest, kann sie ihren Ärger nur schwer zügeln: „Wenn man da vollmundig Verbesserungen für die Erwerbsminderungsrentner ankündigt, dann empfinde ich das als zutiefst ungerecht. Schließlich werden alle, die wie ich bereits eine solche Rente beziehen, dabei überhaupt nicht berücksichtigt.“

Natürlich freut sich Kristina Schmidt für alle, die im kommenden Jahr einen Antrag stellen und dann von den höheren Leistungen profitieren. Warum die sogenannten Bestandsrentner jedoch weiterhin mit Abschlägen von über zehn Prozent für eine Situation bestraft werden, in die sie völlig schuldlos geraten sind, das kann sie nicht begreifen. Sie findet, man müsse die Politik daran messen, wie sie handelt. Und dass ausgerechnet für die Beseitigung dieser Ungerechtigkeit kein Geld vorhanden sein soll, das will ihr nicht einleuchten.

Kein Geld für Konzerte oder Theater

Mit dem Geld, das ihr zur Verfügung steht, kommt Kristina Schmidt gerade so klar. Sie hat keine großen Ansprüche. Nur die Nebenkosten machen ihr manchmal zu schaffen – etwa Medikamente, die die Krankenkasse nicht bezahlt. Sie lebt alleine in einer kleinen Wohnung.  „Das reicht mir auch“, sagt die 62-Jährige, und weiter: „Klar gibt es immer Wünsche. Aber ich weiß ja, dass ich sie nicht realisieren kann. Es ist ohnehin sinnvoll, sich mit weniger Dingen zu umgeben. Das Leben ist dadurch übersichtlicher. Es wird zu viel Geld für Unsinniges ausgegeben.“

Sicherlich wäre es schön, hin und wieder ein Konzert besuchen oder ins Theater gehen zu können, sagt sie. Aber das sei schlicht zu teuer. Da derartige Veranstaltungen zudem meist abends stattfinden, hätte Kristina Schmidt für einen Besuch ohnehin keine Kraft mehr. Sie ist darauf angewiesen, dass sie genug Schlaf bekommt. Phasenweise konnte sie vor Anspannung und Schmerzen überhaupt nicht schlafen. Durch Medikamente bekam sie das einigermaßen in den Griff, gegen halb zehn am Abend gehen bei ihr jedoch die Lichter aus.

Veränderungen sind spürbar

Im Alltag kommt Kristina Schmidt ohne einen Rollator oder eine Gehhilfe aus. Wenn man sie sieht, bemerkt man ihre Erkrankung zunächst überhaupt nicht. Allerdings spürt sie die Veränderung sehr deutlich: „Ich merke selbst, dass meine Körperspannung nachlässt. Ich weiß ja, wie ich früher war. Ich war aktiv und bin viel Rennrad gefahren.“ Auch heute legt sie viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Eine Zeit lang war ihr Geichgewichtssinn gestört. Da hatte sie einige Unfälle, die zum Glück glimpflich ausgingen.

Dennoch hadert Kristina Schmidt nicht mit ihrer Situation. Im Wartezimmer beim Arzt unterhielt sie sich neulich mit einer Frau, die im Rollstuhl saß. Sie hatte ebenfalls MS und wirkte so zerbrechlich, dass Kristina Schmidt das schon fast selbst körperlich spürte. Sie sagt, sie habe in diesem Moment unendlich viel Mitleid empfunden, gleichzeitig aber auch eine große Dankbarkeit dafür, dass sie selbst noch gehen und ein weitgehend „normales“ Leben führen könne.

Zu diesem Leben gehört seit zehn Jahren auch ein Partner, der Kristina Schmidt viel Rückhalt gibt. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Die schwierige Anfangsphase ihrer Krankheit musste sie dagegen alleine bewältigen. Das, was sie sich damals vornahm, hat sie trotzdem geschafft: die kleinen Mosaiksteine ihres Lebens wieder zu einem Bild zusammenzufügen. Hat sie dabei nicht irgendwann der Mut verlassen? Kristina Schmidt überlegt, dann antwortet sie zögernd: „Nein, den Mut habe ich, glaube ich, noch nicht verloren. Ich bin ziemlich diszipliniert.“