Miete macht viele Menschen arm

SoVD stellt eigenes Kurzgutachten "Wohnverhältnisse in Deutschland" vor

Die Medien sind voll von immer neuen Berichten über steigende Mieten. Auch die Politik hat das Thema längst auf der Agenda. Doch die Wohnungskrise ist komplex. Und sie beinhaltet Probleme, die ineinander übergreifen: Wohnraummangel, hohe Mieten, Überbelegung und räumliche Zuspitzungen. Von den Folgen sind vor allem ohnehin benachteiligte Bevölkerungsgruppen betroffen.

Auch im SoVD ist die Tragweite der neuen sozialen Frage spürbar. Das zeigen die Sozialberatungsgespräche vor Ort. Denn wenn günstiger Wohnraum für kleine und mittlere Einkommen rar ist, müssen Menschen so viel für die Miete ausgeben, dass zu wenig zum Leben übrig bleibt.

Angesichts der Vielschichtigkeit der Wohnungsfrage ist vor allem Fachverstand gefragt. Deshalb hat der SoVD ein Gutachten in Auftrag gegeben. Dessen Ergebnisse machte SoVD-Präsident Adolf Bauer jetzt öffentlich.

„Wir sind davon überzeugt, dass dem Verdrängungswettbewerb auf Kosten sozial benachteiligter Menschen Einhalt geboten werden muss“, erklärte der SoVD-Präsident. „Denn es sind insbesondere Arbeitsuchende, Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftige, die um bezahlbaren Wohnraum konkurrieren müssen.“

Mieten steigen schneller als Einkommen

Vor wenigen Wochen schon hatte der SoVD scharfe Kritik geübt, als ein Beratergremium der Bundesregierung forderte, die Mietpreisbremse zu streichen und den sozialen Wohnungsbau zurückzufahren. „Wir halten das für den falschen Weg“, stellt Bauer erneut klar.

Das nun vorliegende Gutachten „Wohnverhältnisse in Deutschland. Mietbelastung, soziale Ungleichheit und Armut“ ging drei Fragestellungen nach: Wie bedingen sich Armut und eine hohe Mietkostenbelastung? Steigern hohe Mieten die Ungleichheit zwischen „Oben“ und „Unten“? Zuletzt: Sind bestimmte Haushalte auf besondere Weise von hohen Mieten beziehungsweise Mietbelastungsquoten betroffen? Darunter verstehen Fachleute den Anteil am Haushaltsnettoeinkommen, der für die Bruttokaltmiete aufgebracht werden muss.

Vier Kernbeobachtungen bilden das Ergebnis der systematischen Untersuchung. Zunächst ist laut Autor Stephan Junker festzustellen, dass von 1993 bis 2014 die Mietsteigerungen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland rasanter waren, als die Einkommen in Deutschland mitwachsen konnten. In der Folge haben heute besonders Haushalte mit niedrigem Einkommen extreme Brutto-Mietbelastungsquoten von knapp 40 Prozent.

Haushalte fallen durch Miete unter Hartz-IV-Niveau

Armutsgefährdete und einkommensschwache Haushalte werden durch die Miete besonders stark belastet, leben in kleineren Wohnungen und in unsicheren Verhältnissen wie zur Untermiete. Alarmierend: Die Miete macht über eine Million Haushalte in Großstädten so arm, dass ihr Einkommen nach Abzug der Miete unter dem Regelsatz von Hartz IV liegt.

Anhand eines Zahlenvergleichs amtlicher Statistiken und weiterer Studien zeigt der Bericht die Vielschichtigkeit der Problemsituation auf. Denn das Einkommen wirkt sich auch auf die Aufteilung städtischen Wohnraums aus. Werden darüber hinaus Faktoren wie die Überbelegung von Wohnungen in die Analyse einbezogen, wird schnell deutlich, dass in Großstädten weitaus mehr als die bislang geschätzten 1,9 Millionen bezahlbarer Wohnungen fehlen.

Günstige Wohnungen fehlen auch für größere Haushalte

Nicht nur kleine Haushalte sind von steigender Miete und mangelndem bezahlbarem Wohnraum betroffen. Das ist die dritte Kernaussage der Studie. Demnach fehlen erschwingliche Wohnungen auch für größere Haushalte.

Neben den Gruppen mit geringem Einkommen zeigten sich im Rahmen der Studie – wenig überraschend – auch andere Gruppen, die eine hohe mittlere Mietbelastung aufweisen. Benachteiligt von der Mietpreisentwicklung sind vor allem Alleinerziehende, Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Auch Singlehaushalte und Beziehende von Transferleistungen leiden besonders unter einer hohen Mietbelastung.

Nicht geklärt werden konnte zunächst, ob die hohe Mietbelastung allein über das niedrige Einkommen zu erklären ist oder ob auch Diskriminierung oder das Bedürfnis nach Barrierefreiheit hierfür verantwortlich sind.

SoVD fordert umfassende Investitionsprogramme

„Die Ergebnisse zeigen umfassenden Handlungsbedarf an“, bekräftigte SoVD-Präsident Adolf Bauer seine Forderung vom Parlamentarischen Abend des SoVD. „Wir meinen, dass es eine Aufgabe der staatlichen Daseinsvorsorge ist, angemessenen Wohnraum bereitzustellen. Deshalb brauchen wir jetzt ein umfassendes Investitionsprogramm für die öffentliche Wohnungsbauförderung. Es muss insbesondere Wohnraum für mittlere und untere Einkommen schaffen.“

Eine Schlüsselstellung nehme dabei der soziale Wohnungsbau ein, erklärte Bauer weiter. „Dieser Bereich wurde jahrelang vernachlässigt.“ Unter anderem müsse der Bund den sozialen Wohnungsbau entschlossener in die Hand nehmen, als dies bisher mit der Bereitstellung von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr geplant sei, so der SoVD-Präsident. Denn eines stehe fest: „Keinesfalls dürfen die Probleme am Wohnungsmarkt allein dem Kräftespiel der Wirtschaft überlassen werden!“

Das Kurzgutachten finden Sie unter: https://www.sovd.de/guteswohnen