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"Ohne Inklusion ist eine gute Demokratie nicht möglich“

Der Bundesbehindertenbeuaftragte Jürgen Dusel im Gespräch mit der SoVD-Zeitung

Seit Mai dieses Jahres ist Jürgen Dusel Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Im Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg leitete er zuvor das Integrationsamt. Neben den Erfahrungen, die er aufgrund seiner eigenen Schwerbehinderung gemacht hat, bringt der Jurist somit viel fachliche Kompetenz für sein Amt mit. Im Interview mit der SoVD-Zeitung schlug der zweifache Familienvater einen Bogen von seinen Kompetenzen als jugendlicher Pfadfinder bis zu seinem Leitbild als Behindertenbeauftragter: „Demokratie braucht Inklusion“.

Jürgen Dusel ist seit seiner Geburt stark sehbehindert. Beim Thema inklusive Bildung kann der 53-Jährige auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Er besuchte zunächst eine Grundschule für sehbehinderte Kinder und wechselte dann auf eine Regelschule. Den Begriff „Regelschule“ empfindet er als komisch und längst überholt.

Noch ungewöhnlicher mutet ein weiteres Detail aus seiner Kindheit an, das er im Gespräch erwähnt: „Ich war bei den Pfadfindern – viele können sich das überhaupt nicht vorstellen. Wenn du Pfade finden willst, musst du ja eigentlich sehen können. Aber ich war bei der Nachtwache immer sehr beliebt. Denn da haben alle nichts gesehen, nur ich habe viel besser gehört.“

Eigentlich, so sagt er, sei es ihm damals als Kind darum gegangen, im Wald zu übernachten, bei Zeltlagern mitzumachen und am Lagerfeuer zu sitzen. Erst später sei ihm klargeworden, dass dies ein gutes Beispiel dafür ist, wie man Kinder bei ihren Kompetenzen abholt, ohne allein darauf zu schauen, was sie angeblich alles nicht können.

Herr Dusel, Sie haben ja gerade schon die Regelschule angesprochen. Woran liegt es denn, dass wir uns mit einer „Schule für alle“ so schwertun?

Das hat damit zu tun, dass wir immer noch zu wenig voneinander wissen und die Diskussion oftmals von Vorurteilen geprägt ist. Menschen mit Behinderungen und auch Kinder mit Behinderungen werden beispielsweise in der Schule leider häufig noch viel zu sehr als Belastung angesehen und nicht als Kinder wie alle anderen auch.

Es ist zwar schon viel passiert, und es finden viele Diskussionen statt. In den einzelnen Bundesländern gibt es viele Aktivitäten, um die Quote von Kindern an der Regelschule zu erhöhen. Mir geht das aber oft auch nicht schnell genug.

Können Sie oder können wir alle etwas tun, um diesen Prozess zu beschleunigen?

Wir müssen das Thema Inklusion wesentlich breiter diskutieren. In den letzten Jahren hat man sich stark auf den Bereich Bildung konzentriert. Der ist auch sehr wichtig. Allerdings werden nur etwa vier Prozent der schwerbehinderten Menschen in Deutschland mit einer Behinderung geboren. Der Rest erwirbt die Behinderung erst nach dem Schulbesuch.

Also: Das Thema Inklusion in der Schule ist wichtig, denn eine inklusive Gesellschaft muss von Beginn an selbstverständlich gelebt werden. Aber wir müssen Inklusion genauso auf alle anderen Lebensbereiche beziehen.

Die Umsetzung uneingeschränkter Teilhabe ist nicht nur an Schulen verbesserungsfähig, auch im Arbeitsleben gibt es noch einige Hürden zu überwinden.

Wir haben immer noch Probleme, viele Arbeitgeber davon zu überzeugen, Menschen mit Behinderung einen Job zu geben. Das liegt oft daran, dass sie keinen kennen und sich nicht vorstellen können, dass Menschen mit Behinderung tatsächlich einen guten Job machen können. Insofern ist inklusive Bildung vor allem für die nicht behinderten Kinder wichtig, die bereits in der Schule lernen, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur defizitäre Wesen sind, sondern auch eine Menge Kompetenzen mitbringen.

Einige Eltern von nicht behinderten Kindern haben doch sicher auch Vorbehalte gegen inklusive Bildung, oder?

Ja, und diese Vorbehalte gründen oftmals auf falschen Vorstellungen. Aber: Bei allem Enthusiasmus, den ich für das Thema Inklusion habe, finde ich es wichtig, Problemlagen nicht kleinzureden. Kinder mit Behinderung haben eine Behinderung und behalten diese auch, wenn sie eine Regelschule besuchen. Kinder gemeinsam zur Schule zu schicken führt nicht automatisch zu Inklusion.

Es muss auch der behinderungsbedingte Bedarf erbracht werden, und es braucht nicht zuletzt auch die Bereitschaft der Lehrerinnen und Lehrer, sich darauf einzulassen. Inklusion ist zunächst einmal eine Haltungsfrage.

Wie beseitigen wir die Vorbehalte auf Arbeitgeberseite, ist die Ausgleichsabgabe hierfür ein geeignetes Mittel?

Ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Unternehmen in Deutschland beschäftigt keinen einzigen Menschen mit Behinderung. Das geht so nicht! Die Ausgleichsabgabe soll unter anderem auch ein Antrieb sein, die Vorgabe des Grundgesetzes umzusetzen, wonach Eigentum verpflichtet. Ich bin der Meinung, man muss darüber reden, ob in derartigen Fällen die Höhe der Ausgleichsabgabe ausreicht.

Was ist Ihr Konzept für das Erreichen einer inklusiven Gesellschaft?

Ich glaube, Inklusion braucht zum einen das Wissen um die Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und zum anderen Begegnung. Die Leute müssen miteinander reden, sich kennenlernen, miteinander leben, um Vorurteile und Bilder, die man im Kopf hat, hinterfragen zu können.

Meine Amtszeit steht unter dem Motto „Demokratie braucht Inklusion“, weil ich der Überzeugung bin, dass das zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Ohne Inklusion ist eine gute Demokratie nicht möglich, das ist meine feste Überzeugung.

Dann sind Demokratie und Inklusion sozusagen aufeinander angewiesen?

Dass wir in einer Demokratie leben, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich finde, wir sind aufgerufen, für unsere demokratischen Werte einzustehen. Wir haben in Deutschland zum Beispiel noch immer rund 85 000 Menschen, die pauschal vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Diesen wird damit ein fundamentales demokratisches Grundrecht vorenthalten.

Damit meinen Sie die Menschen mit Behinderung, die unter sogenannter Vollbetreuung stehen?

Ja, unter anderem. Es geht beispielsweise um Menschen mit Behinderungen, die jeden Tag in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten, sich dort etwa im Werkstattrat engagieren und durchaus politisch interessiert sind. Dass diese Menschen nicht wählen können, lässt sich nicht vermitteln und zeugt von einem anachronistischen Menschenbild.

Viele Menschen suchen derzeit erfolglos nach einer bezahlbaren Wohnung. Wer zusätzlich auf Barrierefreiheit angewiesen ist, hat es sicher noch schwerer, oder?

Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an. Wir haben aus meiner Sicht in Deutschland viel zu wenig bezahlbaren barrierefreien Wohnraum, und zwar nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Land. Deswegen bin ich der Meinung, dass nur barrierefreier Wohnungsbau auch die Bezeichnung sozialer Wohnungsbau verdient. Anders ausgedrückt: Sozialer Wohnungsbau geht nur barrierefrei – hier müssen wir besser werden.

Mich stört, dass „barrierefrei“ immer als etwas Besonderes gesehen wird, als ob barrierefreie Wohnungen keine normalen Wohnungen seien. Außerdem assoziieren wir das Thema immer mit Menschen mit Behinderungen. Dabei sollten wir Barrierefreiheit als Qualitätsstandard beschreiben und sagen: „Wir bauen grundsätzlich modern, und dazu gehört selbstverständlich auch, dass wir barrierefrei bauen.“

Deutschland hat vor zehn Jahren die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) ratifiziert. Seither wissen viele etwas mit dem Begriff Inklusion anzufangen.

Das stimmt und hat uns Rückenwind gegeben, und diesen Rückenwind müssen wir weiter nutzen. Aber wir müssen auch immer wieder Leute davon überzeugen, dass es der richtige Weg ist. Man kann Inklusion nicht verordnen. Ich bin davon überzeugt, dass es für Inklusion auch Herzensbildung braucht. Ich persönlich möchte auf jeden Fall in einer Gesellschaft leben, in der es normal ist, verschieden zu sein, und Vielfalt wertgeschätzt wird.