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Tiefe Einblicke in eine besondere Arbeitswelt

Seit 35 Jahren arbeiten Menschen mit Behinderung in der Werkstatt von SoVD und Lebenshilfe Witten. In dieser Zeit erweiterten sich die Arbeitsbereiche und neue Tätigkeitsfelder kamen hinzu. Heute bietet die Werkstatt fast 400 Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen Arbeitsplätze und Betreuung.

Inklusion und Politik für Menschen mit Behinderung sind Kernanliegen des SoVD. Ein Ort, an dem dieses Engagement besonders gelebt wird, ist die Werkstatt der SoVD-Lebenshilfe Witten im Ruhrgebiet.

Die Einrichtung entstand durch die Zusammenarbeit der Lebenshilfe Witten und des damaligen Ortsverbandes des Reichsbundes in den 1970er-Jahren. Die heutige Hauptwerkstatt in der Dortmunder Straße eröffnete 1983. Im Laufe der Jahre wurde das Gelände häufig erweitert und neue Tätigkeitsfelder kamen hinzu.

Besondere Betreuung in Witten

Eine Besonderheit ist, dass die Werkstatt Plätze für schwerstmehrfachbehinderte Beschäftigte anbietet. Der Schwerstmehrfachbehindertenbereich (SMB) wurde 1994 eröffnet. Nur in Nordrhein-Westfalen können Menschen mit derart starken Einschränkungen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten, während in anderen Bundesländern eine solche Betreuung nicht vorgesehen ist.

Insgesamt 35 Menschen arbeiten in diesem Bereich, etwa die Hälfte davon sitzt im Rollstuhl. Um ihre Betreuung kümmern sich 13 Angestellte. Die Menschen mit Behinderung arbeiten an Werkstattaufträgen oder beschäftigen sich in der Kreativwerkstatt, wo sie zum Beispiel Steinmetzarbeiten herstellen oder Papier schöpfen können. Dabei können sie nicht immer selbstständig arbeiten, werden aber in alle Tätigkeiten einbezogen. Die gefertigten Produkte verkauft die SoVD-Lebenshilfe Witten etwa auf dem Tummelmarkt, einem Straßenmarkt im studentischen Wiesenviertel in Witten. Auch das trägt dazu bei, dass die Einrichtung in Witten bekannt ist. Insgesamt betreibt die Lebenshilfe Witten etwa 20 Standorte im Stadtgebiet.

Mehr als nur arbeiten

Doch die Beschäftigten arbeiten auch an Kundenaufträgen mit – zum Beispiel beim Abzählen und Verpacken von Schlüsseln. Dabei können sie eine Zählhilfe nutzen, die den Vorgang erleichtert.

Für die Werkstattangehörigen gibt es weitere Angebote jenseits der Arbeit. Dazu gehören physiotherapeutische Übungen in der Turnhalle, eine ruhige Atmosphäre mit Rückzugsmöglichkeiten und Räume mit Zugang zu Terrassen. Für die schwerbehinderten Beschäftigten ist zudem ein sogenannter Snoezelraum eingerichtet. Der Begriff stammt aus dem Niederländischen und bezeichnet einen angenehmen, ruhigen Raum mit Bett oder Sitzmöglichkeiten, in dem warmes Licht und beruhigende Klänge eingeschaltet werden können. Der Raum soll Wohlbefinden erzeugen, Ängste nehmen und zur Entspannung beitragen.

In den Räumlichkeiten der SoVD-Lebenshilfe Witten ist außerdem der Proberaum der „Popcorn-Band“ untergebracht. In der Band spielen Beschäftigte der Werkstatt sowie Schülerinnen und Schüler der Kämpenschule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Einmal in der Woche probt die Band, die auch öffentliche Auftritte absolviert, zum Beispiel beim Wittener Kulturtag.


Moderne Einrichtung, anspruchsvolles Konzept, gute Laune – die Kita „Schatzkiste“

Seit Sommer 2017 ist auf dem Gelände der SoVD-Lebenshilfe Witten auch eine Kindertagesstätte. Die Kita „Schatzkiste“ verfolgt ein modernes Konzept, ist in der Region sehr gefragt und gilt als Vorzeigeobjekt.

Dass die Kita den Kindern viele verschiedene Angebote macht, wird schon kurz nach Eintreten deutlich. Der lange Flur, in dem auch ein Bällebad steht, eignet sich hervorragend als Übungsstrecke für angehende Rennfahrerinnen und Rennfahrer, die hier durch den Gang fegen. Nur wenige Meter davon entfernt basteln Kinder mit Papier und bunter Farbe. Andere spielen währenddessen in den Gruppenräumen oder toben sich in der Turnhalle aus.

All das geschieht gleichzeitig und natürlich beaufsichtigt. Viele verschiedene Anreize zu setzen gehöre zum Konzept der Kita, erklärt Manon Füllgraf, die die „Frühe Lebenshilfe in Witten“ leitet.

Ganzheitlicher Ansatz

66 Kinder in vier Gruppen besuchen derzeit die Kita, auch Kinder mit Entwicklungsverzögerungen gehören dazu. Die Jüngsten sind ein Jahr alt.

Die „Schatzkiste“ verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der Kommunikation, Bewegung und Ernährung umfasst. Ziel ist es, die „Schatzkiste“ zur Bewegungskita zu machen. Möglich ist das unter anderem durch die Zusatzqualifikationen der Angestellten. Zum Team gehören eine Logopädin, die sich mit Sprachentwicklung beschäftigt, eine Motopädin, die sich dem Zusammenspiel von Bewegung und Psyche widmet, und eine Heilpädagogin.

Im Kindergarten ist ebenfalls ein Snoezelraum als besondere Ruhezone eingerichtet. Aus einer Profiküche kommen täglich frisch zubereitete, gesunde und ausgewogene Mahlzeiten.

Arbeit in der "Schatzkiste" als Anreiz

Manon Füllgraf berichtet, dass die moderne Ausrichtung der Kita für viele ein Grund sei, hier zu arbeiten, und bezeichnet die Angestellten als Idealisten.Um auch zukünftig qualifiziertes Personal zu haben, bildet die „Schatzkiste“ selbst aus. Ermöglicht hat die Kita der Bauträger SoVD-Lebenshilfe Witten. Der großzügige Bau geht über die gesetzlichen Anforderungen an eine Kita hinaus und bietet viele Räume. Auf dem grünen Außengelände können die Kinder sich außerdem an verschiedenen Geräten beschäftigen und austoben.

So verwundert es nicht, dass die Eltern zufrieden sind und es eine Warteliste für Anmeldungen gibt. Die Politik hat die Arbeit in Witten ebenfalls bereits honoriert. Kürzlich war Marcel Hafke, Sprecher der FDP-Landtagsfraktion für Kinder und Jugend, zu Gast, um die Einrichtung zu begutachten.

Eine weitere Verzahnung mit den anderen Einrichtungen der Lebenshilfe, zum Beispiel in Form von Außenarbeitsplätzen oder Praktika für Werkstattangestellte in der Kita, ist angedacht. So wird in Witten Inklusion gelebt und schon für die Kleinsten zur Normalität.

Hier wird gearbeitet: die Werkstatt und der Bereich für Industrie-Dienstleistungen

Ziele der SoVD-Lebenshilfe Witten sind die Berufsbildung und die berufliche Rehabilitation. In einem dreimonatigen Eingangsverfahren klären die Fachkräfte mit den Neuankömmlingen, ob die Werkstatt der geeignete Ort dafür ist. Wenn das der Fall ist, folgt die zweijährige Arbeit im Berufsbildungsbereich. Dort arbeiten sich die „Neuen“ in verschiedene Bereiche ein. Nach dieser Zeit können sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oder weiterhin in der Werkstatt tätig sein.

Der Großteil der Beschäftigten der SoVD-Lebenshilfe Witten arbeitet in der Hauptwerkstatt. In verschiedenen Bereichen sitzen die Werkstattangehörigen in Gruppen zusammen und bearbeiten die Aufträge. Der gesamte Bereich ist hell und offen gestaltet und selbstverständlich barrierefrei eingerichtet. An vielen Stellen haben die Arbeitenden bunte Verzierungen angebracht.

Hochwertige Qualität und pünktliche Fertigung

Der Arbeitstag beginnt in der Werkstatt um 8 Uhr. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen aus den angeschlossenen Wohngruppen oder der Fahrdienst bringt sie zur Werkstatt. Über den Tag gibt es mehrere Pausen zur Erholung von der fordernden Arbeit, Feierabend ist gegen 15.40 Uhr.

Die Beschäftigten führen in der Werkstatt Aufträge für Kunden aus der Industrie aus. Diese kommen aus dem Umkreis von Witten, erwarten hochwertige Qualität und eine termingerechte Ausführung. Pro Woche führen die Mitarbeitenden drei bis vier Aufträge aus. Zu den Auftraggebern gehören unter anderem ein Fabrikant von medizinischen Produkten und ein renommierter Hersteller von Künstlerbedarf. Für den einen verpacken die Werkstattangehörigen Pflaster, für den anderen übernehmen sie die Herstellung von Bilderrahmen in verschiedenen Größen.

22 000 Stück pro Jahr fertigen die Beschäftigten in der Werkstatt. Das Holz dafür kommt aus der Schreinerei. Diese wurde im vergangenen Jahr ausgebaut und mit neuer Technik ausgestattet. Die dort Arbeitenden produzieren für andere Einrichtungen auf dem Gelände, wie die Wohnheime oder die Kita „Schatzkiste“, und übernehmen externe Aufträge.

Angestellte sind besonders geschult

Jede und jeder Beschäftigte der Werkstatt kann prinzipiell jeden Arbeitsschritt ausführen. Die Einteilung erfolgt nach individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Durch die Organisation als Kettenarbeit sind alle beschäftigt und es entsteht kein Leerlauf.

Wenn doch einmal weniger zu tun ist, beispielsweise an einem Freitag, wenn alle Aufträge abgearbeitet sind, wird die Zeit für anderes genutzt. Dann ist die Gelegenheit für Unterweisungen und Schulungen, zum Beispiel zur Sicherheit am Arbeitsplatz oder Maßnahmen zur Teambildung.

Auch die betreuenden und begleitenden Mitarbeitenden, die diese Maßnahmen durchführen, sind besonders geschult.

Neben einer abgeschlossenen handwerklichen Ausbildung haben sie eine berufsbegleitende pädagogische Zusatzausbildung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung absolviert. Dadurch sind alle Angestellten speziell im Umgang mit Menschen mit Behinderung trainiert und so etwa in der Lage, Krankheitsbilder zu erkennen.

Arbeitsplätze für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

2002 eröffnete die SoVD-Lebenshilfe Witten den Bereich für Industrie-Dienstleistungen (IDL). Hier arbeiten über 100 Menschen mit chronischen psychischen Beeinträchtigungen, wie Persönlichkeitsstörungen oder autistischen Erkrankungen, in unterschiedlichen Gebieten. Dabei flössen ihre beruflichen Erfahrungen und eigenen Wünsche in die Planungen der beruflichen Rehabilitation ein, erklärt Heike Guthardt, die Leiterin dieses Teils der Einrichtung.

Das neueste Arbeitsfeld ist der Bereich Bürodienstleistungen und Aktenverwaltung. Die Beschäftigten scannen und archivieren hier derzeit Akten der Stadt Witten. Auch der SoVD-Landesverband Bremen gehört zu den Kunden und lässt alte Beitrittserklärungen digitalisieren.

Pflege von Autos und Pflanzen

Ebenfalls im IDL-Bereich ist seit 2011 das Fahrzeug-Pflege-Programm angesiedelt. Mit intensiver Handreinigung, die gründlicher ist als in der Waschanlage, pflegen und polieren die Beschäftigten die Autos außen und innen. Die Arbeit in Bewegung und der Kontakt zu Kunden sind für sie Faktoren, hier gerne zu arbeiten.

Ebenfalls viel Bewegung herrscht in der Gärtnerei. In vier Gewächshäusern kümmern sich die Beschäftigten um Pflanzen, die hier zur Überwinterung untergebracht sind. Diese versorgen und pflegen sie und halten sie schädlingsfrei, bis sie sie im April zu den Kunden zurückbringen. Das ist dann auch eine logistische Herausforderung, wenn es gilt, die Kübel aus den Gewächshäusern in die Transporter zu bekommen. Daneben betreiben die Beschäftigten und zwei Gärtnermeister einen eigenen Gemüseanbau. Die aufgezogenen Gurken und Tomaten verkauft die Einrichtung dann in Witten.

Ruheinsel auf dem Gelände

Aus dem Erdreich, das beim Bau der Kita ausgehoben wurde, entstand neben den Gewächshäusern ein noch ganz junger Obstgarten. Zusammen mit einem kleinen Teich bilde er eine „Ruheinsel“, wie Heike Guthardt das Areal nennt.

Für die Beschäftigten der SoVD-Lebenshilfe Witten bieten sich auf dem Gelände viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Jede und jeder findet eine sinnvolle Beschäftigung und erfährt intensive Betreuung. Das Selbstwertgefühl, das die Beschäftigten aus der Arbeit gewinnen, und der Kontakt zu anderen Menschen, jung und alt, mit Behinderung und ohne, sind dabei genauso wichtig wie die erworbene Qualifizierung und Berufsvorbereitung.