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"Ich hätte nie wegen Kleinigkeiten gefehlt"

Jenny Riedel hat eine angeborene Lungenerkrankung. Sie muss Medikamente nehmen, regelmäßig zur Physiotherapie und sie kann nicht schwer tragen. Gern wäre sie Lehrerin geworden, doch krankheitsbedingt entschied sie sich anders. Ihre beruflichen Erfahrungen mit einer Schwerbehinderung haben sie zur Unternehmerin für Bürodienstleistungen werden lassen.

„Es sieht bei uns wie in einer Weihnachtswerkstatt aus“, schmunzelt Jenny Riedel. Auf dem Fußboden und auf Schreibtischen ihres Büros stehen Kartons mit kleinen Präsenten und Grußkarten. „Das müssen wir alles noch abarbeiten“, sagt die 33-Jährige wenige Tage vor Heiligabend, morgens kurz nach acht Uhr. „Gab es etwas Besonderes?“, fragt sie ihren Mitarbeiter René Hinz und fährt ihren Rechner hoch. Die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation hat vor knapp sechs Jahren ihr eigenes Unternehmen gegründet. Mit ihren Dienstleistungen entlastet sie Firmeninhaber und Freiberufler – als virtuelle Assistentin, als Telefondienst, als Prozessoptimiererin oder als Organisatorin.

"Ich musste schauen, wie ich den Stoff aufhole"

„In der Schule war es nicht so einfach für mich“, erzählt die gebürtige Berlinerin. Immer wieder fehlte sie wegen ihrer Lungenerkrankung, lag oft im Krankenhaus. „Ich musste schauen, wie ich den Stoff aufhole. Mir fliegt leider nicht alles zu, ich muss lernen.“ Jenny Riedel legte trotz Ausfallphasen 2004, zeitgleich mit ihren Klassenkameraden, das Abitur ab. Darauf ist sie stolz. Am liebsten hätte sie drei Berufe ergriffen: „Früh Lehrerin, nachmittags Kindergärtnerin, abends Polizistin. Zwischendurch stand auch Krankenschwester auf der Wunschliste“, lacht sie. Ihren Studienplatz als potenzielle Lehrerin für Deutsch und Geografie hatte sie sicher. „Aber dann habe ich mich doch für eine Ausbildung entschieden.“ Aus Vernunft: „Ich war schon zu Hause ausgezogen, musste für mich selbst sorgen.“

Drei Jahre lang absolvierte sie eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation und arbeitete im Sekretariat einer Altenpflegeschule. Aufgrund ihrer Vorbildung hätte sie die Lehrzeit verkürzen können. „Das war aber aus Krankheitsgründen nicht möglich“, sagt sie.

Jenny Riedel beantragte einen Schwerbehindertenausweis. Das Versorgungsamt attestierte ihr einen Grad der Behinderung von 50. Nach der Ausbildung wurde sie trotz guter Leistungen nicht übernommen. „Die Begründung lautete, ich könne keine Stühle tragen.“ Das darf sie tatsächlich nicht. Krankheitsbedingt.

"Ich wurde nicht übernommen, weil ich keine Stühle tragen kann"

„Einen Job mit Schwerbehindertenausweis zu bekommen, war schwierig“, blickt Jenny Riedel zurück und sagt: „Ich behaupte, ich war nicht so viel krank wie andere. Ich hätte nie wegen Kleinigkeiten gefehlt.“ Sie suchte intensiv und fand eine Halbtagsstelle in der Personalentwicklungsabteilung einer Gebäudereinigungsfirma. Parallel dazu bot ihr die Altenpflegeschule einen Minijob an. „Was hab‘ ich da gemacht?“, fragt sie. Es klingt eher belustigt als ironisch. Stühle tragen? „Genau. Das hat mich sehr getroffen und traurig gemacht“, erinnert sich die junge Frau. Dennoch beendete sie das zusätzliche Arbeitsverhältnis sauber. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, begründet sie. Ihre Stelle in der Personalentwicklung wurde auf Vollzeit aufgestockt. Auch durch ihren eigenen Einsatz: „Ich habe meine Chefin dabei unterstützt, was für Fördermöglichkeiten sie in Anspruch nehmen kann.“

Nach einiger Zeit wechselte sie als Partnersekretärin in eine Steuer- und Wirtschaftskanzlei, fühlte sich dort jedoch nicht gefordert. Nach zwei Jahren half ihr der Zufall. „Eines Tages erzählte mir der Inhaber eines Massagestudios, dass eine selbstständige Buchhalterin für ihn arbeitet. In meinem Kopf kreiselte es. Noch in der Nacht habe ich mir ein grobes Konzept und ein Logo ausgedacht“, erzählt sie. Ihr Entschluss, sich selbstständig zu machen, stand. Im Februar 2012 gründete sie ihren mobilen Büroservice. Ein Jahr zuvor war sie ins nördliche Berliner Umland gezogen.

Einen Tag nach ihrer Hochzeit, nur fünf Monate nach ihrer Existenzgründung, startete sie als Vollzeit-Unternehmerin. Zwei Jahre später bezog die inzwischen auch geprüfte Managementassistentin ein kleines Büro im Hennigsdorfer Wirtschafts- und Technologiezentrum.

"Wenn ich husten musste, hörte eine Lehrerin auf zu sprechen"

Jenny Riedel muss täglich rund eine Stunde in ihre Therapie investieren. Sie fühlt sich heute gesundheitlich stabiler als früher: „Ich bin gut auf die Medikamente eingestellt und kann im Bedarfsfall selbst reagieren.“ Außer 2014. „Da hing ich am Tropf und habe dennoch im Büro Bewerbungsgespräche geführt.“ Sie lacht gern und viel. Das reizt ab und zu ihren erkrankungsbedingten Husten. Eine permanente Herausforderung. „Die Leute fragen mich dann, ob ich erkältet bin. Wenn ich sage, dass es chronisch ist, hoffen sie, dass sie sich nicht anstecken.“ Das kennt die 33-Jährige aus ihrer Schulzeit: „Wenn ich husten musste, hörte eine Lehrerin auf zu sprechen.“ Mitunter wurde sie nachgeäfft. „Unschöne Momente“, kommentiert sie und sagt: „Heute bin ich taff genug, um so etwas zu umgehen.“ An Tagen, an denen es ihr nicht so gut geht, arbeitet sie von zu Hause aus. Auch am Wochenende: „Ich arbeite eigentlich immer, auch im Kopf, es macht mir Spaß.“

Schnell war Jenny Riedel klar, dass sie selbst Arbeitsplätze für Schwerbehinderte schaffen möchte. „Ich hatte schon immer die Neigung, etwas besser zu machen“, lacht die Jungunternehmerin. „Es ist die logischste Lösung. Die Firma kann wachsen, ich bekomme Unterstützung und tue etwas Gutes.“

"Man kann auch mit einem Unternehmen wachsen und sozial sein"

In ihre Führungsrolle musste sie hineinwachsen, bekennt sie. „Ich habe gehandelt, wie ich gerne behandelt worden wäre“, sagt sie. Sie sitzt mit ihren Mitarbeitern in einem Büro. Das erfordert viel Vertrauen – auf beiden Seiten.

Unternehmer, die behaupten, man müsse einen Betrieb erst groß machen und könne dann sozial sein, versteht Jenny Riedel nicht. „Das sehe ich ganz anders“, widerspricht sie. „Sicher ist es nicht einfach, mit Schwerbehinderten zu arbeiten, aber man kann mit dem Integrationsamt reden und die Bürokratie hält sich wirklich in Grenzen.“

René Hinz sitzt vor zwei großen Monitoren und verfasst Anschreiben für Kunden. „Man kann die Sichtfelder bis auf 400 Prozent vergrößern lassen“, erzählt der 38-Jährige. Nach einem Praktikum hat ihn Jenny Riedel eingestellt. Eine Tageslichtlampe und eine Kamera wurden angeschafft.

Seit September 2016 absolviert der frühere Student eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement. Wegen seiner Sehbehinderung hatte er sich elf Jahre durch das Studium der Soziologie und Verwaltungswissenschaften gequält, bis er exmatrikuliert wurde. „Dann kam Hartz IV.“ Die Arbeitsagentur vermittelte ihn an Jenny Riedels Unternehmen. „Ich wusste nicht, was alles möglich ist“, freut sich René Hinz. „Er ist die gute Seele im Büro, sehr entspannt und sehr engagiert“, lobt seine Chefin.

Auch einer jungen Mutter gibt Jenny Riedel eine Chance. „Sie hilft uns aktuell auf Minijob-Basis, bis sich ihre Gesundheit stabilisiert hat und sie eine Ausbildung beginnen kann.“

Selbstständig zu sein, empfindet Jenny Riedel als inneren Antreiber. „Schwerbehinderte Unternehmer haben keine Schonfrist, sie zahlen die gleichen Beiträge wie Gesunde“, gibt sie zu bedenken. Sie prüft regelmäßig, ob die Balance zwischen Beruf und Familie stimmt. „Ich werde ab sofort noch effektiver und fokussierter arbeiten“, nimmt sie sich vor und freut sich: „Wir haben ein Pflegekind aufgenommen.“

Dann bespricht sie mit René Hinz die weiteren Tagesaufgaben und wird ans Telefon gerufen.

Zur Ausgabe Januar 2018 der SoVD-Zeitung