Lebendige Erinnerung

Mitten auf dem geschäftigen Trottoir vor dem Hotel Mondial am Kudamm kniet ein Mann mit Hut und Handwerkerhosen. Wortlos, mit Hammer, Meißel und Kelle setzt er zwei kleine, viereckige Messingplatten in den Bürgersteig ein. Die Anwesenden um ihn herum schweigen. Sie gedenken der beiden Menschen, für deren Leben und Wirken in diesem Augenblick ein Zeichen der Erinnerung gesetzt wird: Paul und Elsa Redelsheimer.

Vor zwanzig Jahren im Mai hat Gunter Demnig den ersten Stolperstein gesetzt, um an die Opfer der NS-Herrschaft zu erinnern. Inzwischen liegen die Gedenk-Steine des Künstlers in vielen Ländern Europas. Allein in Berlin gibt es davon 6000. Alle tragen einen Namenszug, alle zeugen von einem Schicksal. „Jeder einzelne Stein ist das Zeichen“, sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann, der als kommunaler Vertreter der Aktion beiwohnt.

Auch die Erinnerung an Paul Redelsheimer wird lebendig: Genau hier, am Kudamm 47, betrieb der jüdische Möbelfabrikant in den Jahren 1930 bis 1938 ein Einrichtungshaus. Redelsheimer beschäftigt acht Angestellte und ist als Innendekorateur gefragt und geschätzt. Doch der Holocaust gibt seinem Leben eine tragische Wende: Paul und Elsa Redelsheimer erleben unzählige Schikanen und Ausgrenzungen, bis sie 1938 gewungen werden, ihre Geschäftsanteile ersatzlos abzutreten. Sie verlieren Arbeit und Zuhause, suchen hungernd Zuflucht in einem Garagenhaus in Sacrow. Dort werden sie am 3. Oktober 1942 zu ihrer Deportation abgeholt. Sie sterben in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz. Ihre Tochter und die Enkeltochter Lili, die 1933 nach Frankreich geflohen sind, überleben. 

Für Suzanne Coppermann-Collet ist die Stolpersteinlegung ein bewegender Moment. Die Urnichte von Paul und Elsa Redelsheimer ist dazu aus Paris angereist. Suzanne erklärt: „In meinen Augen ist es ein Sieg gegen die geplante Vernichtung.“ Ihr Dank richtet sich an den geschäftsführenden Direktor Christian von Rumohr, der nach intensiven Recherchen vor drei Jahren das Hotelrestaurant im gewachsenen Bewusstsein um den historischen Boden „Redelsheimer“ taufte. Auch jetzt ist von Rumohr, hinter dem der gesamte Aufsichtsrat der SoVD-Tochter steht, Initiator der Aktion.

Suzanne Collet dankt auch dem Zufall und der Autorin Eva Tanner, der es nach dem Zufallsfund eines Fotos gelang, die „ganze Geschichte von Paul und Elsa Redelsheimer zu Licht und Leben zu bringen“.

Zur Ausgabe Juni 2016 der SoVD-Zeitung