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Chancenlos – Kinder in Hartz IV

Wenn Kinder, wie man so sagt, unsere Zukunft sind, dann ist es um diese schlecht bestellt. Derzeit leben mehr als zwei Millionen Kinder in Deutschland in Armut. Ihre Familien haben ein niedriges Einkommen und sind ganz oder teilweise auf staatliche Grundsicherung (Hartz IV) angewiesen. Besonders benachteiligt sind Alleinerziehende. Für viele Kinder in armen Haushalten wird sich daran auch nichts ändern, wenn sie erwachsen sind. Ihr Lebensweg ist vorgezeichnet, denn in Deutschland fehlt es noch immer an frühkindlicher Förderung. Der SoVD bekräftigt vor diesem Hintergrund die Forderung nach dem Ausbau öffentlicher Betreuungsangebote, damit alle Kinder die gleiche Chance auf Bildung erhalten.

Es ist eine Errungenschaft des Sozialstaats, dass die Herkunft eines Menschen nicht über dessen Schicksal entscheidet. Und doch scheint genau das in Deutschland immer stärker der Fall zu sein. Wer arm geboren wird, bleibt es auch – Chancengleichheit Fehlanzeige.

Arme Kinder benötigen eine gezielte Unterstützung

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass Armut ein nachweisbares Risiko für die Entwicklung von Kindern ist. Kinder aus Familien im Bezug von Arbeitslosengeld (ALG) II fallen bereits bei der Einschulung auf. Sie können sich schlechter konzentrieren, sprechen schlechter Deutsch und haben Defizite in ihrer selektiven Wahrnehmung. Experten fordern daher eine gezielte Unterstützung dieser Kinder, um durch eine frühe Betreuung und den Besuch einer Kindertagesstätte deren Bildungschancen zu erhöhen. Doch an passenden Angeboten fehlt es. Daran konnte auch der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz nur bedingt etwas ändern.

Alleinerziehende Frauen tragen eine schwere Last

Alleinerziehende leiden besonders unter dieser Situation. Bereits in jeder fünften Familie erziehen Vater und Mutter den Nachwuchs nicht mehr gemeinsam, und fast immer ist es die Frau, die sich nach einer Trennung um das Kind kümmert. Sie muss Erziehung, Beruf und Haushalt alleine bewältigen. Wie soll das gehen?

Nehmen wir zum Beispiel die Kinderbetreuung. Frauen arbeiten häufig im sozialen Bereich und somit im Schichtdienst oder sie sind im Einzelhandel beschäftigt. Eine Kita, die von 8 bis 16 Uhr geöffnet hat, nützt ihnen nur bedingt etwas. Sie sind auf flexiblere Formen der Kinderbetreuung angewiesen.

Nicht weniger kompliziert ist oftmals die finanzielle Situation Alleinerziehender. Noch immer verdienen Frauen in Deutschland rund ein Viertel weniger als Männer. Da fällt es also erst recht schwer, die Familie komplett alleine zu ernähren. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fand heraus, dass jede dritte dieser Frauen nur 900 Euro netto im Monat verdient. Leider ist häufig auch der Vater des Kindes keine große Hilfe.

Keine Berufstätigkeit ohne Kinderbetreuung

Der ehemalige Partner muss sich zumindest finanziell an der Erziehung bzw. Betreuung beteiligen. Lebt das Kind bei der Mutter, dann erhält diese hierfür jedoch nur so lange zusätzliches Geld, bis das Kind drei Jahre alt ist. Dann wird von der Mutter erwartet, dass sie wieder einer Erwerbstätigkeit nachgeht – vorausgesetzt, sie findet einen Betreuungsplatz für den Sohn oder die Tochter.

Gelingt der Wiedereinstieg ins Berufsleben tatsächlich, folgt die Ernüchterung meist bei der ersten Lohnzahlung. Denn trotz Vollzeitstelle reicht für die große Mehrheit der Betroffenen das Einkommen nicht für den Lebensunterhalt. Hinzu kommt, dass nach der Trennung vom Partner auch die steuerliche Besserstellung der Ehe entfällt. Die Abgaben an das Finanzamt steigen. Unterm Strich zahlen Alleinerziehende nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung inzwischen fast genauso viele Steuern wie Alleinstehende ohne Kinder. Aus eigener Kraft befreit sich somit kaum jemand aus dieser „Sozialleistungsfalle“.

Bessere Betreuung, mehr Bildungsgerechtigkeit

Jeder neue Armutsbericht sorgt erst einmal für Empörung. So auch bei Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD). Sie will vor allem in öffentliche Betreuungsangebote investieren und für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Das klingt gut. Die Realität  sieht leider anders aus.

Vor Kurzem einigte sich die große Koalition in Berlin auf ein „Familienpaket“. Demnach steigt das Kindergeld in diesem Jahr zunächst um vier, im kommenden Jahr noch einmal um zwei Euro. Ebenfalls erhöht wird der steuerliche Kinderfreibetrag, wovon jedoch in erster Linie Besserverdienende profitieren. Eine wirkliche Entlastung Alleinerziehender ist nicht vorgesehen. Was heißt das für die Kinder? Statt früher Förderung und besserer Bildung erhöht sich lediglich ihr Taschengeld um vier Euro im Monat. Arme Kinder gehen auch hier leer aus, denn das Kindergeld wird auf Hartz-IV-Leistungen angerechnet.

Statt Kita-Platz: Prämie fürs Zuhausebleiben

Den guten Willen kann man Familienministerin Schwesig nicht absprechen. Dennoch gehen die politischen Signale insgesamt in die falsche Richtung. Ein Beispiel hierfür ist das Betreuungsgeld. Obwohl Schwesig vor allem Kinder aus Familien mit geringem Einkommen fördern möchte, zahlt der Staat Eltern ausgerechnet für den Fall eine Prämie, dass sie ihren Nachwuchs nicht in die Kita schicken. Ob sich die Bildungschancen der Kinder dadurch erhöhen, darf stark bezweifelt werden.

Ein weiteres Beispiel ist das Bildungs- und Teilhabepaket. Während die Bundesregierung dieses als großen Erfolg bewertet, fällt das Urteil anderer Akteure vernichtend aus. Der Deutsche Kinderschutzbund etwa sagt, das Geld komme bei den Kindern nicht an. Auch der SoVD sieht sich in seiner Kritik bestätigt. Schon früh hatte der Verband vor zu viel Bürokratie und einem komplizierten Antragsverfahren gewarnt – wie es aussieht, leider zu Recht. Bisher wurden rund 500 Millionen Euro der für Bildung und Teilhabe bereitgestellten Mittel überhaupt nicht genutzt.

Auch dem Betreuungsgeld stand und steht der SoVD ablehnend gegenüber. Die Gelder sollten nach Überzeugung des Sozialverbandes lieber in den Ausbau öffentlicher Betreuungsangebote investiert werden. Eine frühe Förderung, etwa durch den Besuch einer Kita, erhöht nachweisbar die Chance auf bessere Bildung. Für die Kinder wäre das nicht nur die Chance, aus dem System Hartz IV auszusteigen; es wäre eine echte Perspektive für ihre Zukunft.

Zur Ausgabe Juni 2015 der SoVD-Zeitung