Das Fenster zur Welt

Ob digitale Fotografie, Wikipedia oder das Schreiben von E-Mails: Der Senioren-Computer-Club Berlin-Mitte will den Zugang zu den sogenannten Neuen Medien ermöglichen. Zielgruppe ist die Generation 55plus. Unter dem Dach des Kreativhaus e.?V. organisieren die Mitglieder des Clubs Hilfe zur Selbsthilfe, unterstützen sich gegenseitig und lernen von- und miteinander.

Für Mitte Februar ist es an diesem Tag ungewöhnlich warm. Die Sonne lässt auf Frühling hoffen und schickt ihre Strahlen durch die Fenster des Senioren-Computer-Clubs (SCC) Berlin-Mitte. Um 14 Uhr trifft sich hier die Interessengemeinschaft "Praxis für Einsteiger". Über eine halbe Stunde vorher treffen die ersten Teilnehmer ein. Ein gutes Zeichen, denn offensichtlich freuen sie sich auf das, was ihnen hier geboten wird. Schon an der Tür werden die Ankömmlinge von Günter Voß begrüßt, der den Club als Projektkoordinator betreut.

Voß hat an diesem Nachmittag nicht nur seine üblichen Aufgaben zu bewältigen. In den nicht gerade weitläufigen Räumen tummeln sich heute zusätzlich ein Filmteam von SoVD-TV sowie ein Redakteur und eine Fotografin von der SoVD-Zeitung. Doch der 64-Jährige bewahrt die Ruhe und gibt gerne Auskunft. Günter Voß sagt, das Internet sei so etwas wie das Fenster zur Welt, man müsse es nur aufstoßen. Ein schöner Vergleich. Die Fenster in dem länglichen Kursraum dagegen werden von Jalousien verdeckt und bleiben geschlossen. Das muss sein, damit sich die Sonne nicht auf den Bildschirmen der insgesamt acht Arbeitsplätze spiegelt. Dort nehmen jetzt die ersten Clubmitglieder Platz. Für die nächsten zwei Stunden ist ihnen ihr "Fenster zur Welt" sicher. So lange dauert nämlich die heutige Interessengemeinschaft. Anders als bei einem regulären Kurs geht es hierbei nicht um ein vorher festgelegtes Thema. Stattdessen wird über die Fragen der Anwesenden diskutiert und miteinander nach einer Lösung gesucht. Doch noch ist es nicht so weit.

Während die ersten Rechner in dem Übungsraum bereits hochgefahren werden, steht Günter Voß noch immer vor einer Filmkamera und beantwortet Fragen. Was für ihn das Schönste an seiner Arbeit sei? Er lächelt und sein dichter, grauer Schnurrbart wird breiter. Dann antwortet er: "Die Senioren kommen hierher, weil sie etwas lernen wollen." Es sei schön, zu erleben, dass Menschen auch im Alter noch wissbegierig sind und etwas lernen wollen. Über mangelnde Nachfrage, so der Club-Koordinator, könne man sich nicht beklagen. Letztlich gehe es für viele Senioren um eine Teilhabe an der Gesellschaft. Günter Voß gibt ein paar Beispiele: "Die Menschen fühlen sich im Alltag nicht allein durch Computer ausgeschlossen. Ob bei der Sparkasse oder beim Fahrkartenautomaten, überall gibt es eine neue Technik, mit der die Leute zunächst nicht umgehen können."

Als im Nebenraum die Interessengemeinschaft beginnt, wechselt die Aufmerksamkeit des Filmteams zu den dort versammelten Senioren. Eine der diskutierten Fragen dreht sich um Reiseplanung und den Kauf von Fahrkarten im Internet. Was gilt es zu beachten? Und braucht man für das Bezahlen eine Kreditkarte? Nein, eine EC-Karte reiche völlig aus, weiß einer der Anwesenden aus eigener Erfahrung zu berichten. Dann versuchen die Teilnehmer einfach selbst, eine Reise mit der Bahn im Internet zu planen ? natürlich nur zu Testzwecken und ohne Bezahlen. Das klappt insgesamt sehr gut. Trotzdem wandern die Blicke immer wieder hilfesuchend zum Bildschirm des Sitznachbarn. Was als "Abschreiben" früher in der Schule verboten war, ist hier ausdrücklich erwünscht. Denn sich gegenseitig zu helfen, das ist Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung. Von rechts bzw. von links suchen dabei zwei Damen immer wieder den Rat eines freundlich lächelnden Herrn mit Brille, der offensichtlich gerne erklärt. In der Pause sprechen wir ihn an.

Max Jaeger lächelt nicht nur freundlich, er hat auch den Schalk im Nacken. Von seinem Humor gibt er auch gleich eine Kostprobe: Max erklärt, man müsse mit dem Computer regelmäßig üben, um das Gelernte wieder aufzufrischen. Lernen, lernen, lernen! Das habe schon Lenin gesagt. Wann er das gesagt hat? In das verdutzte Gesicht des SoVD-Redakteurs antwortet der 70-Jährige schelmisch grinsend: "Als er das Zeugnis von Walter Ulbricht gesehen hat."

Max Jaeger hat Charme. Sitzt er vielleicht nicht ganz zufällig zwischen den beiden Damen? Ingrid Thalheim zu seiner Linken nimmt Max in Schutz. Er habe ja nicht wissen können, dass sie zu der Gruppe hinzustoße. Die elegante Dame mit den weißen Haaren ist noch neu beim SCC. Die Mitgliedschaft in dem Computerclub sei eine Idee ihres Enkels gewesen, mit dem sie inzwischen regelmäßig per E-Mail kommuniziere. Obwohl sie schon einiges wisse, so sagt sie, habe sie doch gerade heute wieder vieles dazugelernt.

Nach der Pause geht es weiter. Die zweite Hälfte der Veranstaltung vergeht mit weiteren Fragen zum Thema Internet. Im Anschluss bleiben viele noch auf ihren Plätzen sitzen und unterhalten sich über private Dinge. Spätestens jetzt wird deutlich, dass der Club für sie auch als Treffpunkt wichtig ist. Im Hinausgehen sagt Max, er habe am nächsten Tag einen Arzttermin, eine Untersuchung stehe an. Günter Voß klopft ihm auf die Schulter: "Wird schon schiefgehen!", und wünscht ihm alles Gute. Dann schließt er die Tür des Senioren-Computer-Clubs. Morgen wird sie sich wieder öffnen. Warum? Ist doch klar: lernen, lernen, lernen!

Mehr über den Computerclub für Senioren erfahren sie im Internet unter www.scc-berlin-mitte.de. Den entsprechenden Filmbeitrag zum SCC Berlin-Mitte können Sie sich auf unserem Videoportal anschauen. Dort bieten wir Ihnen auch kostenlose Grundkurse zu Themen wie E-Mail oder Facebook. Besuchen Sie einfach die Internetseite www.sovd-tv.de. Alle Beiträge auf SoVD-TV sind leicht verständlich umgesetzt und können wahlweise mit Untertiteln abgespielt werden.

 

Zur Ausgabe März 2014 der SoVD-Zeitung