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Senioren als Opfer von Betrügern

Dem Kriminalrat a.D. Lothar Schirmer geht es nicht darum, alten Menschen Angst zu machen. Ganz im Gegenteil. Er will aufklären über die Maschen von Betrügern, die sich speziell ältere Menschen als Opfer aussuchen. Der pensionierte Polizist ist überzeugt, dass niemand wirklich hilflos ist. Oftmals, so Lothar Schirmer im Gespräch mit der SoVD-Zeitung, reiche schon eine gesunde Portion an Misstrauen aus, um den Gaunern nicht auf den Leim zu gehen.


Lothar Schirmer hat bereits seit vier Jahrzehnten mit Verbrechen zu tun. Wenn er an die Anfänge seiner Karriere in der damaligen DDR zurückdenkt, muss er jedoch ein wenig schmunzeln. "Kriminalität", erklärt der heute 63-Jährige, "war dem Sozialismus ja wesensfremd." Wollte damals dennoch jemand seine Wohnung gegen Einbruch sichern, fragte Schirmer hinter vorgehaltener Hand ob der Betreffende denn keine West-Verwandschaft habe. Wenn ja, dann solle die doch mal "ein vernünftiges Schloss schicken".


Nach der Wende wurde Lothar Schirmer in den Polizeidienst übernommen. In der Folgezeit musste der frühere Oberleutnant miterleben, wie die Kriminalität gerade in den neuen Bundesländern förmlich explodierte. Schirmer bildete sich daher fort und baute in Magdeburg eine Beratungsstelle der Kripo auf. Schließlich sei die Polizei nicht nur für die Aufklärung von Verbrechen zuständig, sondern in gewisser Weise auch für die Aufklärung der Bürger. Außerdem, so Schirmer, gebe es noch einen positiven Nebeneffekt: "Was man an Vorbeugung schafft, dem muss man später nicht hinterherrennen."


Gemeinsam mit ehemaligen Polizeibeamten und interessierten Bürgern hat Schirmer die "Senioren-Sicherheitsberater" ins Leben gerufen. Einmal pro Monat trifft sich die Gruppe, tauscht sich über die Tricks der Ganoven aus und verabredet Einsätze als Referenten bei verschiedenen Organisationen. Diese Termine nimmt Lothar Schirmer gerne wahr. Bei der Beratung kommt er direkt mit den Leuten in Kontakt und spürt ihre Dankbarkeit. Allerdings plant er seine Einsätze inzwischen mit Rücksicht auf die Familie. Und das aus gutem Grund: "Meine Ehe stand schon auf der Kippe, weil wir für unsere Vorträge durch ganz Sachsen-Anhalt getingelt sind."

 

Ältere Menschen sind eher vertrauensvoll und hilfsbereit


Wie kommt es eigentlich, dass sich einige Verbrecher gezielt ältere Menschen als Opfer aussuchen? Diese müssten doch aufgrund ihrer Lebenserfahrung noch am ehesten gegen einen Betrug gefeit sein? Schirmer nickt zunächst zustimmend, wendet dann jedoch ein: "Ältere Bürger haben ein paar Eigenschaften, die begünstigend sind, gerade für die Kategorie von Menschen mit einem gestörten Verhältnis zum Eigentum anderer." Senioren, erläutert der Kriminalrat a.D., würden oftmals allein leben und seien von ihrer Einstellung her vertrauensvoll sowie hilfsbereit. Hinzu komme, dass im Alter auch die Reaktionsfähigkeit nachlässt. Und daraus schlagen Kriminelle Kapital. Sie setzen ihre Opfer unter Druck, fordern eine sofortige Entscheidung, drängen auf einen Vertragsabschluss bei einem Geschäft an der Haustür oder am Telefon. Lothar Schirmer hat das schon unzählige Male erlebt und es macht ihn noch immer wütend: "Da hat man nachher etwas an der Backe, was man absolut nicht braucht, zum Beispiel eine Auslands-Krankenversicherung für einen 90-Jährigen."

 

Jüngere Menschen werden genauso übertölpelt wie ältere


Von solchen und anderen Maschen der Gauner werden natürlich nicht nur ältere Menschen übertölpelt, jüngere fallen darauf genauso herein. Zumal sich Diebe auch unter einem Vorwand Zugang zur Wohnung verschaffen, etwa als falsche Polizisten. Sind sie erst einmal drin, lenken sie ihr Opfer entweder ab, um etwas zu stehlen oder sie beschlagnahmen vermeintliches Falschgeld. Hierfür bekommt der Bestohlene sogar noch eine Quittung und die Aufforderung, sich am nächsten Tag auf dem Revier zu melden. Wer wagt da noch einen Widerspruch?

 

Ein Anruf unter der 110 kann im Zweifelsfall nicht schaden


Schirmer rät dazu, sich von der Echtheit der vermeintlichen Polizisten zu überzeugen, noch bevor man diese überhaupt in die Wohnung lässt. Da kein Normalbürger weiß, wie ein echter Polizeiausweis aussieht, solle man sich ruhig dumm stellen. Lothar Schirmer demonstriert eine mögliche Reaktion: "Ah, Sie sind also der Polizeikommissar Fritz Müller! Jetzt muss ich sagen, dass ich ja noch nie so einen Dienstausweis gesehen habe. Deshalb wäre es schön, wenn Sie mir freundlicherweise vielleicht noch Ihren Personalausweis oder Ihren Führerschein zeigen könnten, da wäre ich Ihnen sehr dankbar! Sie wissen ja, wie viele Betrüger heutzutage unterwegs sind." Macht der angebliche Polizist dann Theater und droht mit einer Vorladung oder ähnlichen Dingen, könne man guten Gewissens die Tür schließen und den Notruf wählen. Gerade hier, so der pensionierte Kriminalrat, sei Scheu fehl am Platz: Ein Anruf unter der 110 könne im Zweifelsfall auch schon vor dem Öffnen der Tür nicht schaden.


Wenn es um Aufklärung und Vorbeugung geht, ist Lothar Schirmer nicht nur als Referent aktiv. Immer wieder ist er als Experte auch im Fernsehen gefragt. Im Radio hat er sogar eine feste Sendung: "Schirmers Fälle" läuft auf MDR Sachsen-Anhalt (28.11., 10?11 Uhr) und stellt alte und neue Tricks vor. Trotzdem weiß auch Schirmer, dass es immer wieder Menschen geben wird, die sich überrumpeln lassen. Daraus macht der Ex-Polizist auch niemand einen Vorwurf. Er warnt jedoch davor, nur deshalb nicht zur Polizei zu gehen, weil man sich für seine Blauäugigkeit hinterher schämt. Denn jede Anzeige, die nicht erstattet werde, mache es dem Täter nur noch leichter.

 

Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und sagen Sie lieber nein


Den Lesern der SoVD-Zeitung gibt Lothar Schirmer abschließend noch einen Rat mit auf den Weg: "Sie werden oft mit Situationen konfrontiert, wo Sie eine Unterschrift leisten, Daten herausgeben, Bargeld zahlen oder jemand in die Wohnung lassen sollen. Sie wissen nicht, was sich dahinter verbirgt, aber Sie haben so ein komisches Gefühl ? hören Sie auf Ihr Bauchgefühl! Es gibt keine Sache, die so dringend ist, dass sie jetzt sofort gemacht werden müsste. Sagen Sie diesem Menschen einfach: ?jetzt bitte nicht? und beraten Sie sich mit Freunden, Nachbarn oder auch direkt mit der Polizei. Sagen Sie lieber einmal zu oft nein!"

 

Joachim Baars


 

Zur Ausgabe November 2013 der SoVD-Zeitung