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Ungleiches nicht gleich behandeln

"Leitlinien, die für alle gelten, haben mit Individualität nichts zu tun!" Und: "Es ist nicht nur unzulässig, Gleiches ungleich zu behandeln, sondern genauso schädlich und unrecht, wenn Ungleiches gleich behandelt wird." Feststellungen wie diese, belegt durch zahlreiche Beispiele aus der gesundheitspolitischen Praxis, standen im Vordergrund der diesjährigen Bundesfrauenkonferenz des Sozialverband Deutschland (SoVD) in Berlin. Denn nicht nur in der Arbeitsmarkt- oder Familienpolitik, sondern auch in der Gesundheitspolitik und der medizinischen und pflegerischen Versorgung ist es immer noch die Regel, dass der Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 des Grundgesetzes verletzt wird.

Auf SoVD-Bundesebene haben die Frauen des Verbandes das Thema Frauengesundheit längst als Schwerpunkt aufgegriffen. So lautete das Motto der überaus gut besuchten Veranstaltung am 16. Oktober im Tagungszentrum der Katholischen Akademie "Frauenherzen ticken anders!" Auf der Tagesordnung standen dabei Vorträge über die umstrittenen Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), das Mammografie-Screening, den häufig fehldiagnostizierten weiblichen Herzinfarkt und die Ernährungsgewohnheiten von Frauen.

"Eine verstärkte Differenzierung  nach den spezifischen Bedürfnissen von Frauen und Männern, an der alle Versicherten gleichermaßen teilhaben, wird nach unserer Überzeugung dazu beitragen, dass die Gesundheitsversorgung effektiver wird und Probleme der Unter- und Fehlversorgung, insbesondere von Frauen, abgebaut werden können", sagte Edda Schliepack in ihrer Begrüßungsansprache. Sie befürwortete dabei ausdrücklich, dass die Gesundheitspolitik in Deutschland in den vergangenen Jahren das Thema der besonderen gesundheitlichen Belange von Frauen entdeckt habe und sich verstärkt um eine geschlechterspezifische Herangehensweise bemühe. Zu den ersten Bewegungen der Bundes- und auch der Länderpolitik habe maßgeblich der Grundsatz des sogenannten Gender Mainstreaming beigetragen, so die Sprecherin der Frauen. Die Methode sei von der europäischen Kommission für die Mitgliedstaaten verankert worden. Damit solle sichergestellt werden, dass die Politik in allen Bereichen bereits im Planungsstadium die spezifischen Belange von Frauen und Männern berücksichtige, erläuterte Schliepack den Grundsatz.

93 Jahre aktive und eigenständige Frauenarbeit

Dabei sei besonders wichtig, dass die im jeweiligen Zusammenhang unterschiedlichen konkreten Lebenslagen berücksichtigt würden, betonte Schliepack: "Für die Witwe des Sozialrentners stellen sich die Dinge eben anders dar als für eine Jungunternehmerin, für die Putzfrau türkischer Herkunft oder die Bankiersgattin." Nicht ohne Stolz stellte Schliepack fest, dass man im SoVD nicht bei Null beginnen müsse. "Wir verfügen über eine aktive und eigenständige Frauenarbeit, die bereits auf eine 93-jährige Tradition zurückblicken kann. Die Interessenvertretung von Patientinnen und Patienten gehört zu unseren satzungsgemäßen Aufgaben."

Frauen und Männer sind anders krank

"Frauen gehen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen und Lebensbedingungen auch auf verschiedene Weise mit Gesundheit, Krankheit und Belastungen um", stellte ebenso SoVD-Präsident Adolf Bauer in seinem Grußwort fest. "Frauen und Männer sind anders krank und werden anders gesund." Das Thema Frauengesundheit sei ein trauriges Beispiel dafür, wie groß der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen immer noch sei, sagte Bauer. Ausdrücklich sprach er dabei der bisherigen Arbeit der Frauen im SoVD seine Hochachtung aus.

Mitreißender Schwung der vier brassgirls

Musikalisch untermalt wurde die von Susanne Lörx moderierte Veranstaltung von den brassgirls. Wendig, mit großem Sound und ganz ohne verstärkenden Strom sorgten die vier Musikerinnen in der Besetzung Saxophon, Tuba, Banjo und Snaredrum für mitreißenden Schwung. Insgesamt leistete die gut besuchte Bundesfrauenkonferenz, die von Dr. Simone Real, Referentin im Bundesverband inhaltlich vorbereitet und begleitet wurde, einen wichtigen Beitrag dazu, die Notwendigkeit einer geschlechtssensiblen Gesundheitspolitik für Frauen ein großes Stück voranzubringen.

Große Beteiligung befreundeter Verbände

Das zeigte unter anderem die große Beteiligung von Kolleginnen und Kollegen aus befreundeten Verbänden, von ver.di, vom DGB, der Seniorenvertretung, den Gleichstellungsbeauftragten aus den Berliner Bezirken sowie die rege Teilnahme aus den eigenen Reihen des SoVD ? von Präsidiums- und Vorstandsmitgliedern über die Landesfrauensprecherinnen bis hin zum Hauptamt.

Behinderte, alleinerziehende und ältere Frauen stärken

Die Frauen im SoVD-Bundesverband und in den Landesverbänden werden sich weiterhin mit Nachdruck in die politische Diskussion einmischen und die berechtigten sozialpolitischen Interessen von Frauen mit Nachdruck vertreten. Dies gilt insbesondere für die Inter?essen der in hohem Maße von fehlender Gleichberechtigung betroffenen Gruppen: der älteren, behinderten und alleinerziehenden Frauen sowie der berufstätigen Mütter.

Zur Ausgabe November 2012 der SoVD-Zeitung