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Die Geschichte von Lina (dritter und letzter Teil)

Lina Saalmann ist tief in ihrer Heimat dem Emsland verwurzelt. Als sie an Demenz erkrankt, erhält sie eine Betreuung, die es ihr ermöglicht, weiter in ihrer vertrauten Umgebung zu leben. Im Verlauf der Erkrankung verhält sich Lina auf eine für ihr Umfeld manchmal schwer nachvollziehbare Weise. Doch auch diese Momente gehören zu ihrem Wesen und sind Teil der Geschichte von Lina.

"Du gehst hier nicht an meinen Kühlschrank!" Aufgebracht steht Lina in der Mitte ihrer Küche. Mit einem ihrer dünnen Arme stützt sie sich auf der Tischplatte ab, der andere ist drohend erhoben, wie um das eben Gesagte zusätzlich zu unterstreichen. Ihr ausgestreckter Zeigefinger zittert unmerklich vor Erregung. Mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem strengen, fast feindseligen Gesichtsausdruck blickt die alte Dame ihr Gegenüber an. Gesine Butke, die sich im Wechsel mit Angela Geers um die an Demenz erkrankte Frau kümmert, ist an diesem Tag allein mit der 92-Jährigen. Eigentlich wollte sie ihrem Schützling etwas zum Abendessen machen, doch unversehends kippt die Stimmung. Lina fühlt sich ganz plötzlich bedroht und nimmt ihre Betreuerin offensichtlich als Fremde wahr, als Eindringling. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, verlässt Gesine Butke kurzerhand das Haus. Als sie es wenig später wieder betritt, sitzt Lina friedlich am Küchentisch und begrüßt sie als wäre nichts gewesen. Den Vorschlag, zum Abendessen ein Spiegelei gebraten zu bekommen, nimmt sie dankbar an. Als Gesine Butke hierfür die Kühlschranktür öffnet, scheint Lina dies nicht einmal zu bemerken. Sie bleibt völlig ruhig.

Es ist schwer von außen zu beurteilen, inwieweit Lina das Voranschreiten der Demenz selbst wahrnimmt. Sie lässt zumindest nicht erkennen, dass sie spürt, was mit ihr passiert. Nur vereinzelt gibt es Momente, in denen es ihr schlecht geht, in denen sie loslassen möchte. Gleichzeitig aber verbieten ihr die religiöse Erziehung und ihr tief verwurzelter Glaube derartige Gefühle. Ein Dilemma, das beim Gespräch mit ihrem Seelsorger ganz unvermittelt aus der alten Frau herausbricht: "Herr Pastor, ich möchte gerne sterben ? darf ich das?"

Lina verbringt gerne Zeit in dem Garten des Hauses, das sie seit dem Tod ihres Mannes allein bewohnt. Dann kümmert sie sich um das Gemüse und die Hühner oder sie sitzt einfach auf ihrem Stuhl zwischen all den Blumen. Das sind Momente, die Lina genießt und in denen sie zufrieden wirkt. Einen ähnlich entspannten Eindruck macht Lina, wenn sie sich voller Hingabe um ihre Puppen kümmert. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie keine eigenen Kinder hat, ist sie liebevoll um deren Wohlergehen bemüht, versucht sie zu füttern und bringt sie zu Bett.

Überhaupt scheinen es Kinder der alten Dame angetan zu haben. Ein herzliches Verhältnis entwickelt sie vor allem zu den Töchtern ihrer Pflegerinnen. Die zwischen sieben und 15 Jahre alten Mädchen kommen immer wieder gerne zu Besuch. Der Umgang mit ihnen fällt Lina überraschend leicht und bereitet ihr sichtbare Freude. Anfang Dezember, die meisten Wohnungen sind bereits weihnachtlich geschmückt, kommt es zu einer ungewöhnlichen Szene: Wie schon so oft sind die Kinder an diesem Nachmittag zu Besuch in dem Haus in Brandlecht. Sie haben ihre Blockflöten mitgebracht und schon bald dringen Weihnachtslieder gedämpft durch die geschlossenen Fenster in die einsetzende Dunkelheit nach draußen. Ebenfalls deutlich zu hören ist eine schon etwas brüchige Stimme, die voller Freude mitsingt, während ein paar Hände im Takt mitklatscht. Wochen vor dem eigentlichen Fest feiern an diesem Tag drei Mädchen und eine glückliche alte Frau Heiligabend.
Im Alltag wechseln sich Angela Geers und Gesine Butke bei der Betreuung von Lina ab. Sie helfen ihr gleichermaßen im Haushalt wie auch bei der Körperpflege. Dabei müssen sie stets auch mit den Eigenarten der Seniorin zurecht kommen, die sich manchmal schon an Kleinigkeiten stößt. Auffälliger Schmuck etwa oder auch kurze Hosen rufen schnell Linas Missfallen hervor. "Das schickt sich nicht", lautet dann ihr Urteil ? vermutlich eine Folge ihrer katholischen Erziehung.

Linas Bezug zu ihrem Glauben und damit verbundenen Bräuchen zeigt sich manchmal aber auch völlig unerwartet. Als Gesine Butke eines Tages zwei ihrer Ringe hintereinander an einem Finger trägt, wirkt Lina plötzlich merkwürdig traurig. Sie nimmt die Hand ihrer Betreuerin in die eigene und sagt voll aufrichtiger Betroffenheit es täte ihr leid, was diese alles durchmachen müsse. Gesine Butke ist zunächst ratlos und findet erst allmählich heraus, dass es offensichtlich einen alten Brauch gibt, wonach eine Frau den Ehering des verstorbenen Mannes vor den eigenen steckt, um damit ihre Trauer zu bekunden. Erst als die vermeintliche Witwe mehrfach versichert, dass sich ihr Mann bester Gesundheit erfreue, ist Lina beruhigt.

Neben dem Glauben ist Arbeit die zweite Konstante in Lina Saalmanns Leben. Schon als Kind hat sie ganz selbstverständlich auf dem Feld und auf dem Hof ihrer Eltern mitgeholfen. Immer wieder erinnert sie sich an diese Zeit und an die Momente, in denen sie der Mutter zur Hand gegangen ist. Ein Hobby im heutigen Sinn hat sich Lina nie gesucht; sie war der Meinung, sie sei halt zum Arbeiten da. Und so erklärt es sich vielleicht auch, dass Lina später manchmal Dinge tut, die ihr Umfeld zunächst nur schwer einordnen kann. Sie räumt den Kühlschrank aus oder leert die Schubladen ihrer Kommode und stapelt diese dann im Flur übereinander. Auf eine fast schon absurde Weise wirkt die alte Frau nach derartigen Aktionen jedoch seltsam zufrieden, ganz so, als habe sie nach ihrem Empfinden nun ihr Tagwerk, ihre "Arbeit", erfolgreich verrichtet.

Als Lina wenige Monate vor ihrem 93. Geburtstag stürzt, fällt sie so unglücklich, dass sie sich ein Bein bricht. Sie kommt ins Krankenhaus und damit in eine für sie völlig ungewohnte Umgebung. Den ganzen Tag im Bett liegen? Für Lina undenkbar. Sie erhält Medikamente, damit sie nachts schläft, muss zusätzlich an ihr Bett fixiert werden. Als der Beinbruch verheilt ist, darf sie wieder nach Hause und ihren Geburtstag mit den Menschen feiern, die sie lieben. Wenige Tage später schläft Lina friedlich und ohne Schmerzen in ihrem Bett ein.

In ihrer Heimatgemeinde im  Emsland, wo Lina aufgewachsen ist und wo sie ihr ganzes Leben verbracht hat, findet die Beisetzung statt. Bis heute wird ihr Grab regelmäßig gepflegt, wird für sie und für ihren Mann im Gottesdienst Fürbitte gehalten. Vergessen wird sie daher wohl niemand so schnell, die Geschichte von Lina.

Zur Ausgabe Juli 2012 der SoVD-Zeitung