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Nach der Wende hatte ich einen Bruder

Der Fall der Mauer hat das Leben zahlreicher Menschen grundlegend verändert. Für Hans-Dieter Gerull, SoVD-Mitglied im Kreisverband Verden (Landesverband Niedersachsen), gilt das in besonderem Maße. Kurz nach der Wende stellte er bei Nachforschungen über seine Mutter fest, dass er seit 37 Jahren einen Bruder hatte. Über seine Geschichte hat Hans-Dieter Gerull mit der SoVD-Zeitung gesprochen. Im Rahmen des Wettbewerbs "20 Jahre Deutsche Einheit" erhält er hierfür den ersten Preis.

Hans-Dieter Gerull wird 1952 im sächsischen Erlabrunn geboren und verlebt eine weitgehend glückliche Kindheit. Erst im Alter von 12 Jahren erfährt er von seinen Eltern, dass diese ihn im Alter von einem Jahr als Pflegekind aufgenommen hatten. An seine leibliche Mutter hat der Junge keinerlei Erinnerung. Dennoch lässt ihm die Ungewissheit von nun an keine Ruhe ? er möchte mehr über seine Mutter und die Umstände seiner Adoption herausfinden. Ganz offen spricht der junge Mann darüber auch mit seinen Pflegeeltern, die für ihn auch weiterhin Mutter und Vater bleiben.

Die Nachforschungen gestalten sich in der damaligen DDR jedoch äußerst schwierig. Über den für ihn zuständigen Geburtenkreis erhält Hans-Dieter Gerull den Namen und das genaue Geburtsdatum seiner Mutter und erfährt, dass sie nach Altenburg bei Leipzig verzogen sei. Die dortige Meldestelle erweist sich jedoch als eine Sackgasse: Edith Gerull sei kurz vor dem Mauerbau 1961 nach Westdeutschland geflohen, Adresse unbekannt. Auch Anfragen über das Deutsche Rote Kreuz (DRK) der DDR verlaufen im Sande. Dort heißt es, mit dem DRK der Bundesrepublik bestehe kein entsprechendes Abkommen.

Mit der Maueröffnung kann Hans-Dieter Gerull neue Hoffnung schöpfen, doch noch etwas über seine leibliche Mutter zu erfahren. Im Nachwendejahr 1990 fordert er seine Stasiakte an und erhält so wertvolle Hinweise. Er recherchiert weiter und bekommt einen Tipp, der ihn nach Regensburg führt. Dort teilt man ihm mit, seine Mutter solle in der Gegend von Darmstadt wohnen ? mit ihrem Sohn. Gerull ist perplex. Ein Gedanke geht ihm fortan nicht mehr aus dem Kopf. Er schildert ihn so: "Da ich ja nun der Sohn bin, habe ich überlegt: Mensch ? da kannst du ja bloß noch einen Bruder haben!"

Über die Telefonauskunft geht die Suche weiter. Für "Gerull" kommen zwei Einträge infrage. Eine Telefonnummer im Ruhrgebiet erweist sich als falsche Spur. Volltreffer dann aber beim nächsten Anruf. Zwar geht Alfred Gerull nicht selbst ans Telefon, stattdessen meldet sich ein Mitarbeiter und erklärt, der Chef sei gerade nicht da. Er fragt, ob er etwas ausrichten solle? Hans-Dieter Gerull überlegt kurz und entgegnet dann knapp: "Ja, richten Sie ihm mal aus, er hätte ab heute einen Bruder."

Nun ist sich Hans-Dieter Gerull sicher, seinen Bruder aufgespürt zu haben. Vor seinem nächsten Anruf ist er daher schon um einiges nervöser. "Ich musste erstmal zwei oder drei Schnäpse trinken, so aufgeregt war ich", schildert der heute 57-Jährige diesen Moment. Schließlich fasst er sich ein Herz. Dieses Mal spricht er mit der Frau seines Bruders, die das Ganze zunächst für einen Scherz hält. Nachdem er ihr jedoch die Ergebnisse seiner Nachforschungen schickt, meldet sich Alfred Gerull tatsächlich bei ihm. Beide Männer beschließen, sich zu treffen.

Im Vorfeld dieser ersten Zusammenkunft ist Hans-Dieter Gerull jedoch keinesfalls ruhiger. Die Aufregung nimmt eher noch zu. Zwar hatte er seinem Bruder angeboten, diesen mit dem PKW von der Autobahnabfahrt in den Ortskern zu lotsen, damit er nicht erst lange suchen müsse. Doch muss diese Aufgabe dann sein Sohn übernehmen, wie Hans-Dieter Gerull erzählt: "Ich war so aufgeregt, dass ich wahrscheinlich das Bremspedal mit der Kupplung verwechselt hätte." Dann aber stehen sich die beiden Männer schließlich gegenüber, umarmen sich spontan. Jeder hat Fragen an den jeweils anderen. Hans-Dieter Gerull schildert, warum es dennoch nicht einfach war: "Es war sehr bewegend, wenngleich auch für uns beide ein wenig schwierig: Man möchte so viel wissen und erfährt dann doch recht wenig." Auf viele Fragen werden die Brüder nie eine Antwort erhalten, denn ihre Mutter war 1983 verstorben. Die genauen Hintergründe ihrer Flucht in den Westen und die Beweggründe, aus denen heraus sie ihren ersten Sohn zurückließ, bleiben wohl für immer ungeklärt.

Wenn Hans-Dieter Gerull heute an die Zeit des Mauerfalls und die darauf folgenden Monate zurückdenkt, dann erinnert er sich vor allem an eine mitreißende Aufbruchstimmung: "Es ging nicht nur da

rum, dass man sich über ordentliche Schokolade oder Bananen gefreut hat. Wir wollten was machen aus unserem Leben!"

Auch Hans-Dieter Gerull sucht nach der Wende einen Neuanfang. Er arbeitet zunächst für eine Hamburger Spedition, holt später seine Familie nach. Den Ausschlag für seine Entscheidung gibt damals die berufliche Zukunft des ältesten Sohnes. Heute haben die drei Kinder der Familie Gerull ihre Ausbildung abgeschlossen, sind selbst berufstätig und haben teilweise bereits eine eigene Familie gegründet. Was ihre Zukunft angeht, so steht eines mit Sicherheit fest: Anders als ihr Vater werden sie nicht irgendwann vor der Erkenntnis stehen, dass sie noch weitere Geschwister haben, von denen sie bisher nichts wussten. (jb)