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"Oftmals sitzen wir am kürzeren Hebel"

Hier die Beschreibung des Bildes

Cordula Mühr und Jürgen Sendler bringen Fachwissen und persönliche Erfahrung in ihre Arbeit als Patientenvertreter ein. Foto: Steffi Rose

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Dort entscheiden Vertreter von Krankenkassen, Ärzteschaft und Krankenhäusern über die Leistungsansprüche der gesetzlich Krankenversicherten. Als Patientenvertreter nehmen Cordula Mühr und Jürgen Sendler an vielen Beratungen teil, dürfen jedoch selbst nicht mit abstimmen. Warum sie von ihrer Arbeit dennoch überzeugt sind, verraten sie im Gespräch mit der SoVD-Zeitung.

Es ist kühl an diesem Tag. Cordula Mühr trägt eine graue Wolljacke, die sie ebenso wie ihren Schal während des Gespräches anbehält. Sie sitzt in einem groß dimensionierten Sessel aus schwarzem Leder und blickt ihr Gegenüber aus klugen Augen an. Warum sich eine Ärztin für die Interessen von Patienten einsetzt, noch dazu ehrenamtlich? Cordula Mühr denkt kurz über die Frage nach. Sie lässt sich noch etwas tiefer in den Sessel sinken und antwortet: „Ich hatte eine Krebserkrankung und wollte eine bestimmte Untersuchung haben, die wichtig gewesen wäre, um zu entscheiden, ob ich eine Chemotherapie brauche. Das wurde mir von meiner gesetzlichen Krankenkasse verweigert. Ich war damals sehr irritiert: Die Ärzte sagen, ich brauche das, die Krankenkasse sagt, ich brauche das nicht. Ich habe das nicht verstanden, obwohl ich selbst im Krankenhaus gearbeitet habe.“

Cordula Mühr trat damals in den SoVD ein. Seit im Jahr 2004 der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) seine Arbeit aufnahm, ist sie als Patientenvertreterin dabei. So, wie bei ihr, ist es häufig eine eigene Betroffenheit, die Menschen dazu führt, sich mit dem Gesundheitssystem auseinanderzusetzen.

Anders verhält sich das bei Jürgen Sendler. Er war lange für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) tätig und dort zuständig für die Bereiche Gesundheit und Pflege. Als er in den Ruhestand ging, sollten andere von seinem Wissen profitieren. Also brachte sich der heute 72-Jährige als Patientenvertreter im G-BA ein. Ob er damals schon gewusst habe, wo Verbesserungsbedarf besteht? Jürgen Sendler blickt von seinem zweisitzigen Ledersofa hinüber zu Cordula Mühr und grinst verschmitzt: „Ich wusste zumindest ziemlich genau, was alles nicht funktioniert. Ich wusste nur nicht“, er seufzt, „wie viele kleine Schritte man machen muss, um etwas zu erreichen.“

Unabhängige Studien sind leider die Ausnahme

Wie aber passen diese kleinen Schritte zu einer modernen Medizin? Geschehen all die Forschungen und Untersuchungen letztlich nicht zum Wohl der Patienten? Cordula Mühr schüttelt den Kopf: „Man untersucht nicht das, was der Patient braucht, sondern was die Pharmaindustrie benötigt, um ihre Märkte zu bedienen.“ Die Frage, so die Ärztin, sei zudem immer, wer eine Untersuchung in Auftrag gibt. Unabhängige Studien aus Sicht der Patienten seien leider die Ausnahme. Um zu wissen, ob es dem Patienten hinterher besser geht, müsse man diesen schon selbst fragen. Diesen Standard, erklärt die 59-jährige Patientenvertreterin, habe man in einem zähen und langwierigen Kampf durchgesetzt.

Für die Krankenkassen geht es darum, möglichst wenig auszugeben

Von solchen Auseinandersetzungen kann Jürgen Sendler ein Lied singen. Er spricht ein Thema an, das ihn besonders empört: „In vielen Städten gibt es nur wenige Hausärzte, deren Praxis barrierefrei ist. Das ist wirklich skandalös.“ Dem Engagement der Patientenvertreter sei es zu verdanken, dass der Punkt Barrierefreiheit bei der Bedarfsplanung überhaupt eine Rolle spielt. Dennoch werde noch immer viel zu selten gefragt, was die Patienten eigentlich brauchen. Seine Kollegin nickt zustimmend und ergänzt: „Die Krankenkassen haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt und vertreten durch den gestiegenen Wettbewerb im System nicht mehr in erster Linie die Interessen der Versicherten. Da geht es darum, möglichst wenig auszugeben.“

Kaum ein Arztbesuch, bei dem einem nichts verkauft werden soll

Jürgen Sendler beugt sich vor und greift nach einer auf dem Tisch stehenden Karaffe. Er gießt seiner Kollegin etwas Wasser nach, dann füllt er sein eigenes Glas. Er sagt: „Für viele Dinge müssen wir heute selbst bezahlen, etwa bei einer Erkältung. Dadurch wurde ein eigenständiger Markt zwischen Apotheke und Patient aufgemacht.“ Sendler trinkt einen Schluck, dann fügt er hinzu: „Diese individuellen Gesundheitsleistungen sind ein richtig großer Bereich. Es gibt fast keine Möglichkeit mehr, zum Arzt zu gehen, ohne dass der einem etwas verkaufen will.“

Dann hat der Wettbewerb auch in der Arztpraxis Einzug gehalten? Cordula Mühr nickt und ergänzt, die Patienten säßen dabei leider am kürzeren Hebel. Sie könnten eben nicht so frei entscheiden, wie sie es beim Kauf eines Toasters tun würden, weil ihnen schlicht die Informationen fehlten. Dass es auch anders geht, zeige die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Früherkennung von Brustkrebs. Beim Mammographie-Screening, erklärt die Ärztin, erhalte künftig jede Frau vorab eine Entscheidungshilfe. Diese solle es ihr ermöglichen, sich über die Vor- und Nachteile einer solchen Untersuchung ergebnisoffen zu informieren. „Und dass es derartige Entscheidungshilfen jetzt auch in anderen Bereichen geben soll“, fügt Cordula Mühr nicht ohne Stolz auf den beharrlichen Einsatz der Patientenvertretung hinzu, „das wäre ohne uns nicht zustande gekommen.“

Sorge um den Nachwuchs

Für den SoVD sitzen Cordula Mühr und Jürgen Sendler als Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). In verschiedenen Unterausschüssen befassen sie sich mit Bedarfsplanung, Methodenbewertung und Qualitätssicherung. Dabei können sie nur sagen, was aus Patientensicht wichtig ist, ein Stimmrecht besitzen sie nicht. Obendrein leisten sie ihre Arbeit unbezahlt. Das ist nicht immer leicht, denn es gibt keine tragende Struktur, kein Büro und keine Angestellten, denen man sagen könnte: „Arbeiten Sie mir das mal aus!“. Dennoch engagieren sich beide gerne als Patientenvertreter, weil sie von der Wichtigkeit ihrer Aufgabe überzeugt sind. Verfügen Sie über entsprechendes Fachwissen oder möchten Sie sich aufgrund einer eigenen Erkrankung für die Patientenvertretung engagieren? Dann wenden Sie sich an die Redaktion der SoVD-Zeitung! Wir stellen dann gerne den weiteren Kontakt her.

Zur Ausgabe 2017 der SoVD-Zeitung




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