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"Wir sind damals auf die Straße gegangen"

Hier die Beschreibung des Bildes

Er nimmt es mit Humor, wenn man ihn als SoVD-Urgestein bezeichnet: Heinrich Maulhardt mit seiner Frau Marga (links) und der SoVD-Vizepräsidentin Renate Falk. Foto: SoVD NRW

Heinrich Maulhardt wird 1925 geboren und wächst in Bottrop auf. Seine Lehrer möchten aus ihm einen Bergarbeiter machen, doch Heinrich entscheidet sich für eine kaufmännische Ausbildung. Als 17-Jähriger geht er zur Marine und gerät in Gefangenschaft. Nach dem Krieg macht dem jungen Mann ein Lungenleiden zu schaffen. Um sich beraten zu lassen, tritt er deshalb 1948 dem Reichsbund bei – eine Entscheidung, die sein Leben prägt. Sechs Jahrzehnte lang leitet er einen Ortsverband und berät andere Menschen in schwierigen Situationen. Heinrich Maulhardt ist einer der vielen Ehrenamtlichen, deren Engagement den SoVD bis heute prägt.

Wenn der SoVD im nächsten Jahr 100 Jahre alt wird, dann hat Heinrich Maulhardt davon bereits 68 Jahre als Mitglied erlebt. Das Gespräch mit ihm beginnt unerwartet. "Herr Maulhardt"? Quatsch. "Ich bin der Heinrich", stellt sich der 91-Jährige vor. Und dann erzählt Heinrich von der Zeit nach dem Krieg: Eine "Lungengeschichte" habe ihn damals "außer Dienst gestellt". Den Winter 1946 verbringt er in einer Heilstätte. Dort macht Heinrich die Bekanntschaft eines ehemaligen KZ-Insassen. Die beiden Männer tauschen sich aus und finden einen Draht zueinander. Und so rät der frühere Häftling dem ehemaligen Soldaten dazu, dringend einen Antrag auf Kriegsopferentschädigung zu stellen. An diese Möglichkeit hatte der gerade erst 21 Jahre alte Heinrich überhaupt nicht gedacht. Ganz so einfach ist es dann aber nicht.

"Da merkte ich, dass ich die Hilfe eines Verbandes brauche"

Ein Gutachten bescheinigt ihm zwar 60 Prozent Kriegsleiden, doch ein anderer Arzt meint, ihm stünden 100 Prozent zu. Was nun? Inzwischen ist Heinrich verheiratet und Vater von zwei Kindern. An Versorgungsbezügen erhält die Familie gerade einmal 140 Reichsmark. Man sagt ihm, er müsse einen Antrag auf wirtschaftliche Tuberkulosebeihilfe stellen. Der junge Vater ist ratlos. „Da merkte ich, dass ich alleine nicht klarkomme und die Hilfe eines Verbandes brauche“, erzählt Heinrich. „Also bin ich 1948 in den Vorläufer des Reichsbundes eingetreten.“

"Wir waren eine Organisation, die wirklich gekämpft hat!'"

Im Kreisverband Essen lernt er den Sozialberater Heinrich Fuhrmann kennen, der für ihn zu einem Vorbild wird. Also engagiert sich auch Heinrich ehrenamtlich, wird Unterkassierer, später Vorsitzender und Sozialberater. Regelmäßig besucht er damals Schulungen zum Sozialrecht. Er sagt, sie seien damals ganz schön "geschliffen" worden. Teilweise habe man bis abends um zehn miteinander diskutiert und alles durchgekaut. Aber er ist auch stolz auf das Erreichte: "Im Oktober 1950 ist das Bundesversorgungsgesetz in Kraft getreten. Wir haben durch den Reichsbund kräftig dazu beigetragen, weil wir damals wirklich auf die Straße gegangen sind. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen: Wir waren eine Organisation, die wirklich gekämpft hat."

"Damals hat niemand gefragt: 'Was kriege ich dafür?'"

Wird denn heute weniger gekämpft? Geht es uns vielleicht zu gut? Heinrich überlegt kurz. Dann sagt er, die Situation damals habe die Menschen zusammengeschweißt. Außerdem habe es in den Ortsgruppen ein gutes Einvernehmen gegeben. Die Leute hatten nichts, trotzdem habe niemand gefragt: "Was kriege ich dafür, wenn ich ein Ehrenamt übernehme?".

Heinrich ist in Bottrop zur Schule gegangen. Viele seiner Klassenkameraden wurden Bergarbeiter. Für ihn war das nichts. Dass aus ihm einmal ein Experte in sozialrechtlichen Fragen werden würde, der andere berät, das hätte er sich nicht träumen lassen. Sein Geld verdiente Heinrich beim Jugendamt der Stadt Essen. Auch dort habe er das "soziale Denken" gelernt, weil er täglich mit Fürsorgern und Sozialarbeitern zu tun hatte. Auf die Frage, wie lange er jetzt schon nicht mehr arbeitet, grinst Heinrich. Dann sagt er: "Dann setz' dich mal schön hin! Weißte, warum? Das sind jetzt 31 Jahre." Heinrich lacht.

Er lacht wohl auch deshalb, weil ihm die Ärzte nach dem Krieg eine Lebenserwartung von höchstens 60 Jahren attestiert hatten. Auch seine Frau musste eine schwere Erkrankung überstehen. Heinrich sagt, es sei schön, dass es ihnen heute gut gehe.

Wie ihr Mann, so war auch Marga Maulhardt ehrenamtlich engagiert, erst im Reichsbund, dann im SoVD. Sind die beiden mit ihrem Verband auch heute noch zufrieden? Heinrich nickt: "Meine Frau und ich, wir haben den Sozialverband immer hochgehalten. Mich ärgert es nur unglaublich, wenn Leute sich erst vom SoVD helfen lassen und dann wieder austreten, nur weil ihnen der monatliche Beitrag zu hoch ist."

Seit über 68 Jahren ist der Sozialverband ein Teil des Lebens von Heinrich Maulhardt. Und umgekehrt hat auch er den Verband geprägt. Auf die Frage, ob man ihn deshalb als „SoVD-Urgestein“ bezeichnen könne, antwortet er: "Ja, das kannste machen." Dann lacht Heinrich.

Info

Gegründet 1917, erfolgte 1946 die Wiedergründung unter der Bezeichnung "Reichsbund der Körperbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen". Im Jahr 1999 beschloss man die Umbenennung in den heutigen "Sozialverband Deutschland" (SoVD).

Zur Ausgabe 2016 der SoVD-Zeitung




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