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Ersatz für Vater und Mutter gleichzeitig

Hier die Beschreibung des Bildes

Konzentration pur – von links: Mohammed, Zaid, Haroon, Farzad (halb verdeckt), Hadi, Ahmad, Mahmood, Bakary und Abdulhaq. Foto: Steffi Rose

„Welcher Kontinent liegt im Süden?“, fragt Werner Hartig. „Zeig‘ es mir am Globus, Bakary.“ Bakary deutet auf seine Heimat Afrika. Sein Lehrer nickt. „Und welches Land ist unser Nachbar, Haroon?“ Die Erdkunde-Lektion, Teil einer Unterrichtsstunde im Berufsbildungswerk (BBW) Stendal, findet konsequent auf Deutsch statt. Das ist nicht ganz selbstverständlich. Denn die zehn motivierten Schüler, die am Tisch um den Globus sitzen, kannten vor wenigen Wochen noch kein einiges deutsches Wort. Sie sind „UMAs“, unbegleitete minderjährige ausländische Kinder und Jugendliche, die das BBW im Rahmen eines Hilfsprojektes aufgenommen hat.

Bakary (16) stammt von der Elfenbeinküste. Schon mit sieben Jahren lebte er elternlos in heimähnlichen Einrichtungen. Etliche Jahre war er ganz auf sich allein gestellt. In Algerien verdingte sich der Jugendliche auf dem Bau, um nicht zu hungern. Bakarys Muttersprache ist Französisch. Das macht ihm die Verständigung manchmal schwer. Doch Bakary ist nicht nur bei den „UMAs“ beliebt. Als Top-Fußballer ist er auch bei den Jugendlichen der Reha-Gruppen im BBW sehr gefragt. Ihn in der Mannschaft zu haben, bedeutet, (fast) nicht verlieren zu können. So ist Bakary heiß umworbener Mitspieler in der Fußball-AG.

Ahmad (17) weiß nicht, wo sich seine Familie aufhält und ob sie noch am Leben ist. Bedroht von den Taliban trennten sich seine Eltern und teilten die jüngeren Geschwister auf. Ahmad blieb allein zurück. Er arbeitete in einer Tischlerei, in der er auch das Geld für seine Flucht aus Afghanistan verdiente. Ahmad hat nie eine Schule besucht, konnte weder lesen noch schreiben, als er in Deutschland ankam. Jetzt ist sein kleines Zimmer im BBW tapeziert mit Buchstaben. Denn Ahmad lernt schnell und möchte im Unterricht unbedingt mithalten.

Hoch motiviert ist auch Zahid (15), der nur wenige Jahre die Schule besuchen durfte. Zahids Zuhause ist ein Bergdorf in Bamyian. Bamyian ist eine Provinz Afghanistans mit knapp einer halben Million Einwohnern. Sie liegt im Zentrum des Landes. International bekannt wurde die Provinz vor allem durch die Buddha-Statuen von Bamyian, die 2001 unter dem Taliban-Regime zerstört wurden.

Haroon (16) kommt aus Kabul und ist gebildet. Er hat neun Geschwister – drei Brüder und sechs kleine Schwestern. Als sein großer Bruder von den Taliban abgeholt wurde, entschieden die Eltern, die beiden jüngeren Söhne außer Landes zu schicken, um deren Leben zu retten. Haroons zweitältester Bruder ist in Italien, er selbst kam im Dezember nach Deutschland. Haroon ist aufgeweckt und aufgeschlossen. Dass auch er mit seinem Schicksal zu kämpfen hat, sagen uns seine Erzieherinnen. Vor ein paar Tagen ist der 16-Jährige außer sich vor Sorge zusammengebrochen, nachdem er wegen gekappter Telefonleitungen zwei Monate nichts über seine Eltern und Geschwister erfahren konnte und vom Schlimmsten ausgehen musste.

Auch Mahmood (16) kommt aus einer gut situierten Familie. Seine Mutter arbeitete an der Universität; vom Vater spricht er mit dem größten Respekt. Seine Heimatstadt liegt an der Grenze zum Irak. Als Syrer und Kurde ist Mahmood zweifach verfolgt – vom Regime und vom IS. Die Kurden stellen in Syrien die größte ethnische Minderheit des Landes dar. Fast alle syrischen Kurden bekennen sich zum sunnitischen Islam, einige gehören auch zu den Jesiden oder zu anderen Religionsgemeinschaften. Ihre Lage ist deshalb besonders prekär. Mahmood möchte zuerst nicht. fotografiert werden, später entscheidet er sich anders.

Hadi (15) ist das „Küken“ der Gruppe. Eher klein und schmächtig, benötigt vor allem er den Halt einer Ersatzfamilie. Er findet ihn insbesondere bei den anderen UMAs, die sein Schicksal teilen. Wenn Hadi geknufft und in freundschaftliche Balgereien verwickelt oder von den „Großen“ einfach mal Huckepack getragen wird, spürt man, wie er die Geborgenheit körperlicher Nähe sucht.

Abdulhaq (17) stammt aus dem Norden Afghanistans. In seiner Heimat muss er um sein Leben fürchten, weil sein älterer Bruder für die UN arbeitete und von den Taliban bedroht wurde. Ins BBW kam Abdulhaq von der Clearingstelle (Stelle für Koordination und Aufklärung) aus. Auch sein Bruder hat inzwischen eine Zuflucht in Stendal gefunden.

Farzad (16) wirkt still und in sich gekehrt. Er gelangte nach seiner Flucht aus Afghanistan im Februar als Letzter in die Gruppe und hat seinen Platz noch nicht gefunden. Auch Mohammed (15) aus Somalia benötigt viel Raum zum Rückzug. Beide haben die ambulante Clearingstelle noch nicht ganz durchlaufen. Der Prozess der Aufarbeitung des Fluchtweges, der Schulbildung und des politischen und familiären Kontextes dauert in der Regel zwischen 12 und 14 Wochen. Die Informationen kommen nur stückweise; fest steht schon jetzt, dass sowohl Mohammed als auch Farzad erhebliche Gewalt erfahren haben.

Die meisten schutzsuchenden Kinder und Jugendlichen, leiden unter starken seelischen Belastungen. Ursache ist häufig die Flucht selbst – unabhängig von der Bedrohung, der sie in ihrer Heimat ausgesetzt waren. Oftmals wirkt die Todesangst, die sie auf dem Meer erlebt haben, noch spürbar nach. Und ihr Ankommen ist anders, als sie es sich vorgestellt haben. Das ist im BBW nicht anders.

„Auch für uns ist die Situation neu“, sagt die pädagogische Leiterin des BBW, Karola Ahrens. „Wir sind plötzlich Mutter und Vater zugleich. Für unsere UMAs ist die Situation schwer. Die Familien sind zerrissen, ihre Zukunft ungewiss. Doch unsere Jugendlichen sind alle sehr motiviert und möchten lernen. Zuerst müssen jedoch die Grundvoraussetzungen geschaffen werden.“ Als schwierig erweisen sich die Tücken der Bürokratie – trotz hervorragender Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, wie Ahrens betont. Dafür klappt die Verständigung „mit Händen und Füßen“ unkomplizierter als erwartet. „Und von unseren anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im BBW kommt kein böses Wort. Es ist schön, das Verständnis und Miteinander zu erleben.“

Mit Elan und Humor gehen auch die neu eingestellten Erzieherinnen Doreen Graap und Janette Scherf ihre Aufgabe an: „Einige Jugendliche gehen mit dem Zeitgefühl anders um. Das muss erstmal gelernt werden.“ Beide Erzieherinnen sind Quereinsteigerinnen und erleben ihren Alltag und die Verantwortung als fordernd, aber ebenso bereichernd. Wichtig sei vor allem die Offenheit: „Kein Tag verläuft hier wie der andere“, sagt Graap lachend.

Zusätzlicher Auftrag des BBW

Das Berufsbildungswerk (BBW) Stendal, eine Tochtergesellschaft des Sozialverband Deutschland, ist eine Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation von psychisch und mehrfach behinderten, lernbehinderten sowie mittelschwer körperbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es geht im BBW nicht allein um Berufsvorbereitung oder Ausbildung, sondern auch um umfassende Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung. Im BBW befinden sich Ausbildungswerkstätten, reha-begleitende Fachdienste und Internat unter einem Dach. Damit erfüllt das BBW Stendal unter der Leitung von Geschäftsführer Gunter Wittig den Auftrag seines Gesellschafters, des SoVD: Teilhabe der Jugendlichen am gesellschaftlichen Leben.Mit der Aufnahme unbegleiteter minderjähriger ausländischer Jugendlicher leistet das BBW eine zusätzliche Aufgabe mit einer Betriebserlaubnis als anerkannter Träger der Jugendhilfe. Der Auftrag des BBW ist der lebenspraktische Bereich. Fünf Erzieherinnen arbeiten im Schichtdienst als „Elternersatz“. Jeder der UMAs hat einen persönlichen Vormund; das Jugendamt hat die Amtsvormundschaft. Die Jugendlichen sind schulpflichtig. Es müssen jedoch zunächst die Clearingprozesse durchlaufen werden; auch gibt es nicht in ausreichendem Maße Lehrkräfte. So wird nur vierteljährlich eingeschult. Das BBW ist froh, mit dem pensionierten Lehrer Werner Hartig eine Honorarkraft gefunden zu haben, die die Jugendlichen schon jetzt unterrichtet. Auch Übersetzer Faisal arbeitet auf Honorarbasis. Nicht viel älter als die UMAs, engagiert Faisal sich weit darüber hinaus und nimmt sie z. B. mit in die Moschee oder in Jugendeinrichtungen der Stadt.

Zur Ausgabe 2016 der SoVD-Zeitung




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