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Vorhang auf: Theater im Hospiz

Hier die Beschreibung des Bildes

Kinder einer Grundschule spielen Theater für die Menschen im Hospiz. Unter den Zuschauern ist auch Marina Stache (rechts), die dort seit Anfang des Jahres wohnt. Wer das Haus betritt, steht zunächst vor einem Baum, auf dessen Blättern die Namen verstorbener Bewohner stehen. Fotos: Steffi Rose

„Hospiz“ ist das lateinische Wort für Herberge und steht gleichzeitig für die Begleitung sterbender Menschen. Vor 30 Jahren wurde in Deutschland die erste stationäre Einrichtung eröffnet. Heute gibt es ambulante Hospizdienste sowie Krankenhäuser mit Palliativstationen. Was bedeutet es, in einem Hospiz zu wohnen? Wie fühlt es sich an, Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten? Mit unserer Serie „Der Tod gehört zum Leben“ begeben wir uns auf die Suche nach Antworten.

An diesem Nachmittag ist einiges anders als sonst im Hospiz „Lebensklänge“. Es herrscht rege Betriebsamkeit. Stühle werden von einem Raum in den anderen getragen, und im Eingangsbereich des Hauses stehen gedeckte Tische, an denen Kinder sitzen und sich aufgeregt unterhalten. Wer gerade nicht mit Reden beschäftigt ist, beißt von seinem Kuchen ab oder schiebt sich ein Stück Obst in den Mund. Nach und nach lassen sich jetzt auch ältere Personen blicken. Sie setzen sich zu den Kindern an die Kaffeetafel oder werden vom Pflegepersonal dort hingebracht. Es sind die Bewohner des Hospizes. Etwas unschlüssig, aber nicht uninteressiert nehmen sie die Aufgedrehtheit der Jungen und Mädchen um sich herum wahr. Eine ungewohnte Situation, für beide Seiten.

Die Kinder gehen auf eine reformpädagogische Grundschule in Oranienburg, einer Stadt im nördlichen Brandenburg. Als sie sich im Unterricht mit den Themen Tod und Sterben beschäftigen, haben sie die Idee, in dem ortsansässigen Hospiz ein Theaterstück aufzuführen. Und so treffen eines Tages zwei unterschiedliche Gruppen aufeinander. Die eine steht am Anfang und die andere am Ende ihres Lebens.

Gezeigt wird ein Märchen, was der Begegnung zumindest inhaltlich die Schwere nimmt. Als Bühne dient der größte Raum im Haus, der normalerweise als Wohnzimmer genutzt wird. Hier hat sich ein Großteil der Gäste inzwischen versammelt.

Gäste, so bezeichnet Bernadette Collatz jene Menschen, die in der Einrichtung ihre letzte Wohnstätte gefunden haben. Seit einem Jahr leitet Collatz das Hospiz. Vor dieser Zeit, sagt sie, sei sie eine klassische Krankenschwester gewesen, und sie fügt erklärend hinzu: „satt, sauber, trocken.“ Bei dieser Beschreibung muss sie selbst lachen. Der Unterschied, erklärt sie, seien die grundsätzlichen Strukturen. Sie habe lange im Krankenhaus gearbeitet. Dort gehe es in erster Linie darum, dass Menschen wieder gesund werden und die Klinik verlassen können. Zeit habe das Personal nur für das Nötigste. Im Hospiz dagegen stehen Zeit und Zuwendung an erster Stelle. Bernadette Collatz gibt ein Beispiel: „Hier ist es eben nicht so wichtig, ob die Zähne richtig geputzt sind, damit da nicht noch Karies entsteht. Hier kommt es darauf an, dass es dem Menschen gut geht.“

Ob es den Zuschauern, die sich in dem zur Theaterbühne umfunktionierten Wohnzimmer versammelt haben, gut geht, lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Unter ihnen ist auch ein Gast, der sein Bett nicht mehr verlassen kann. Er hat sich kurzerhand mit seinem Pflegebett an den Ort des Geschehens schieben lassen. Dort liegt er direkt unter einer der großen Glasscheiben, durch die das Tageslicht auf seine Bettdecke fällt. Zahlreiche, teilweise bodentiefe Fenster kennzeichnen den gesamten Neubau. Sie sorgen selbst noch in den Gängen zwischen den Zimmern für eine Helligkeit und Wärme, die man in einem Hospiz nicht unbedingt erwartet hätte.

So ist das mit Erwartungen und mit Klischees. Der Tod und mit ihm das Sterben sind etwas Düsteres, das viele nicht sehen und möglichst auch nicht wahrhaben wollen.

Es wird ruhig im Raum. Zwei Kinder betreten die Bühne, das Stück beginnt. Es wird gelacht und applaudiert, die Anwesenden haben sichtlich Spaß an dem Spiel der Kinder. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, sich noch einmal an den Kaffeetisch zu setzen. Davon machen nicht alle Gebrauch, manche gehen erst einmal wieder zurück auf ihr Zimmer.

In einem dieser Zimmer wohnt Marina Stache. Sie sagt, das Theaterstück habe ihr sehr gut gefallen. Erstaunt zeigt sie sich vor allem über die Fantasie der Kinder. Die 51-Jährige ist erst Anfang dieses Jahres in das Hospiz gezogen. Das mag auf den ersten Blick etwas verwundern, schließlich will die Mehrheit der Deutschen doch am liebsten zu Hause sterben. Marina Stache schüttelt den Kopf: „Ich weiß nicht, ob das so schön ist für die Angehörigen.“ Und sie ergänzt: „Hier im Hospiz wird die Trauer richtig schöngemacht. Wenn hier jemand stirbt, dann ist das eine ganz andere Atmosphäre.“

Diese Atmosphäre ist stark von Ritualen gekennzeichnet. Sie geben allen Beteiligten Halt und erleichtern den Umgang mit dem Sterben. An einer Wand befindet sich beispielsweise ein aus Papier gefertigter Baum, auf dessen Blättern die Namen ehemaliger Gäste stehen. Angehörige, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, nehmen Abschied, indem sie ein neues Blatt mit dem Namen des Verstorbenen an einem der Äste befestigen. Auf diese Weise gerät niemand in Vergessenheit.

Anfangs fällt es Angehörigen oft schwer, die Verantwortung für die Pflege eines Familienmitgliedes an ein Hospiz abzugeben. Bernadette Collatz hat oft erlebt, dass Betroffene ein schlechtes Gewissen hatten. Zu Unrecht, findet die Pflegedienstleiterin. Sie sagt, eine Betreuung rund um die Uhr sei privat nicht zu schaffen: „Irgendwann ist man einfach selbst so erschöpft, da kann man nicht mehr.“

Wieder werden Stühle über den Flur getragen, dieses Mal in die andere Richtung. Aus der Bühne wird wieder ein Wohnzimmer. Nachdem sich die Kinder verabschiedet haben, kehrt wieder Ruhe ein im Hospiz „Lebensklänge“. Insgesamt zwölf Menschen leben derzeit hier. Der Bedarf an derartigen Wohnplätzen ist groß. Nicht selten wird Bernadette Collatz gefragt, wann denn wieder ein Platz frei werde. Ihre Antwort: „Das liegt nicht in meiner Hand.“

Unsere Serie geht weiter: Folge 2 („Wer hier stirbt, ist nicht alleine“) widmet sich der Sicht einer Bewohnerin.

Zur Ausgabe 2016 der SoVD-Zeitung




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