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Armut mitten im Wohlstand

Hier die Beschreibung des Bildes

Wer in Deutschland arm ist, leidet vielleicht keinen Hunger, ist aber häufig von der Gesellschaft ausgeschlossen. Das Gefühl, an dem sozialen Leben nicht mehr teilhaben zu können, ist für die Betroffenen eine große Belastung. Sie sind arm in einem reichen Land. Foto: bilderstoeckchen, fotolia.

Wenn über Armut berichtet wird, dann meist aufgrund einer aktuellen Erhebung. Zuletzt lösten entsprechende Zahlen einen Streit darüber aus, ob in Deutschland 13 oder sogar 16 Millionen Menschen arm sind. Unabhängig davon, welcher Statistik man glauben möchte – dramatisch ist jede von ihnen. Dramatisch ist es aber vor allem für die Betroffenen selbst. Wie mögen sie wohl die öffentliche Diskussion empfinden? In einem reichen Land, so heißt es immer wieder, müsse schließlich niemand verhungern. Doch gerade in einer Gesellschaft, die sich über Leistung und Wohlstand definiert, bedeutet Armut auch Ausschluss. Denn wer nicht teilhaben kann, erlebt soziale Ausgrenzung. Und dieses Gefühl findet sich in keiner Statistik wieder.

Was bedeutet es, arm zu sein? Man unterscheidet grundsätzlich zwischen absoluter und relativer Armut. Absolut arm ist jemand, der seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann, der also nicht genug zu essen hat, kein sauberes Trinkwasser oder keine medizinische Versorgung. Derartige Verhältnisse finden sich meist in Ländern der sogenannten Dritten Welt. Relativ arm dagegen sind Personen, deren Grundbedürfnisse zwar abgedeckt sind, die sich aber vieles von dem nicht leisten können, was in ihrem Umfeld als normal gilt. Betroffene können am kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Leben nicht oder nur schwer teilhaben.

Wo fängt Armut an?

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Hierzulande lag diese Summe zuletzt bei 917 Euro im Monat. In absoluten Zahlen klingt dieser Betrag zunächst noch ganz ansehnlich. Muss man hiervon jedoch Essen, Miete, Strom- und Heizkosten bezahlen, relativiert sich der erste Eindruck sehr schnell. Sind alle notwendigen Ausgaben abgedeckt, bleibt meist kaum noch etwas für andere Aktivitäten übrig. Wer sich die Kinokarte oder den Besuch im Café nicht leisten kann, der wird jedoch irgendwann von Freunden und Bekannten auch gar nicht mehr gefragt, ob er mitkommen möchte.

Armut heißt Ausgrenzung

Derzeit bereitet die Bundesregierung den fünften Armuts- und Reichtumsbericht vor. Hierzu fand im letzten Jahr ein Workshop mit Betroffenen statt. Als zentraler Begriff bestimmte dabei die Menschen würde die Diskussion. Sie stand für die Beteiligten in einem direkten Zusammenhang mit ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein weiteres Ergebnis des Workshops war, dass staatliche Unterstützungsleistungen, allen voran Hartz IV, als stigmatisierend empfunden wurden. Die Angst, „abgestempelt“ zu werden, ist ein Grund dafür, dass viele Menschen, denen entsprechende Leistungen zustehen, diese gar nicht erst beantragen. Häufig handelt es sich hierbei um ältere Menschen. Ihre Armut bleibt somit im Dunkeln und taucht in keiner Statistik auf.

Seit Monaten wird die öffentliche Diskussion von der Not der Menschen bestimmt, die vor Krieg und Zerstörung geflohen sind. Vergleiche zwischen dem Elend der Flüchtlinge und der Situation armer Menschen in Deutschland sind jedoch nicht angebracht. Das Signal darf eben nicht lauten: „Im Vergleich zu denen geht es euch doch noch gut!“. Armut muss immer vor dem jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund gesehen werden. In einem reichen Land wie Deutschland geht Armut vor allem einher mit sozialer Ungerechtigkeit – und die gilt es zu beseitigen.

Zur Ausgabe 2016 der SoVD-Zeitung




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