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Rund um die Uhr vermessen?

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Nur nicht schlapp machen: Immer mehr Menschen sammeln rund um die Uhr Daten über sich selbst. Über die Analyse der Zahlen und Fakten soll der eigene Lebensstil optimiert werden. Foto: Monkey Business, davooda / fotolia.

Den Herzschlag im Schlaf, die Anzahl der Fußschritte am Tag, die Denkleistung vor und nach Koffeingenuss – immer mehr Menschen sammeln fortlaufend Daten über ihre Freizeitaktivitäten, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihre Gesundheit. Moderne Technik macht es möglich: Smartphones und entsprechende Apps zeichnen – wenn erwünscht – rund um die Uhr individuelle „Lebensdaten“ auf. Entsprechend boomt der Markt für Computerprogramme zur Selbstvermessung. Dass sich zunehmend auch die Versicherungswirtschaft und die Krankenkassen für das sogenannte „Selftracking“ interessiert, ist eine Entwicklung, die nicht nur aus Datenschutzgründen kritisch zu betrachten ist.

„Lifelogging“ (zu deutsch:  „Lebensprotokollierung“) nennt sich der eigentlich gar nicht mehr neue Trend, das eigene Leben als Videomitschnitt festzuhalten, möglichst pausenlos.

Das eigene Leben pausenlos aufzeichnen

Pionier war vor rund zwanzig Jahren der Informatiker Steve Mann, der seinen Alltag durch das Objektiv einer tragbaren Kamera dokumentierte und ins Netz stellte. Was bringt Menschen dazu, ihr Leben penibel wie ein Buch aufzuzeichnen und zu archivieren? Die Anhänger der „The Quantified Self“ („das in Zahlen ausgedrückte Selbst“)-Bewegung, einem dem Lifelogging sehr ähnlichen Trend, setzen auf Erkenntnisgewinn durch die Auswertung persönlicher Messwerte. Über die Analyse persönlicher Statistiken soll der eigene Lebensstil optimiert werden. Zahlreiche Firmen haben sich bereits auf die Entwicklung solcher Geräte spezialisiert.

Anbieter werben mit Apps zur Selbstvermessung

Die kommerziellen Anbieter werben damit, dass man mithilfe ihrer Computerprogramme und Smartphone-Apps u.?a. die Auswirkung der Schlafqualität, des Kalorienverbrauchs oder bestimmter Nahrungsmittel auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit messen könne.

Auch Versicherungskonzerne und Krankenkassen beobachten den Selbstvermessungstrend mit großem Interesse. Aus ihrer Sicht sind die persönlich gesammelten Daten in hohem Maße geeignet, neue Anreizsysteme für Tarife zu schaffen und das Verhalten von Kunden zu beeinflussen, und zwar weit über die bereits gängigen Bonussysteme hinaus.

Insbesondere auch für Privatversicherer, die schon lange um junge und gesunde Versicherte konkurrieren, ist ein solches Anreizsystem attraktiv.

Pilot-Projekte bei den Krankenkassen

Aber auch gesetzliche Krankenkassen wagen erste Vorstöße: So hat zum Beispiel die AOK Nordost ein „Selftracking“- Pilotprojekt ins Leben gerufen. Dabei kooperiert die AOK als eine der ersten deutschen Krankenkassen mit einer Plattform, auf der Nutzerinnen und Nutzer persönliche Daten wie Gewicht und Größe, gesunde Ernährung, Schlaf und Stress vermessen und eingeben. Die Messwerte werden anschließend miteinander in Beziehung gesetzt und in einen „Health Score“ („Gesundheitsergebnis“) umgerechnet. Vor allem junge Versicherte sollen auf diese Weise zu einem gesunden Lebensstil angehalten werden. Auch die DAK (Deutsche Angestellten Krankenkasse) bietet ihren Mitgliedern eine kostenlose App für das Smartphone an. Wer seine Versicherungsnummer angibt und hier Gewicht und sportliche Aktivitäten verzeichnet, kann über ein spezielles Bonusprogramm über 150 Euro an Versicherungsgebühren sparen.

Einen speziellen Tarif für die Nutzerinnen und Nutzer von Fitness-Apps plant auch die Generali-Versicherung. Wer sich vermessen lässt, bekommt Bonusprämien.

Die Pilot-Projekte rufen  Datenschützer auf den Plan. Sie raten dazu, vorsichtig mit persönlichen Daten im Netz umzugehen. Wichtig sei vor allem die Freiwilligkeit beim „Selftracking“. Menschen, denen ihre Privatsphäre wichtig sei, dürften keine Nachteile entstehen.

Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe warnte nach einem Bericht der Deutschen Nachrichtenagentur dpa vor einem „unbekümmerten Umgang mit Gesundheitsapps“. Diese Instrumente könnten zwar durchaus ein Fortschritt für aufgeklärte Patienten sein, jeder müsse aber wissen, dass damit persönliche Daten ins Internet gelangen könnten, die nicht ausdrücklich geschützt seien, so Gröhe.

Umstritten ist das „Selftracking“ auch bei Psychologen: Denn mit der pausenlosen Selbstvermessung des eigenen Gesundheitszustandes wächst nicht allein der Druck, Privates offenzulegen, sondern auch, alles richtig machen zu müssen – nicht zuletzt auf Kosten der Selbstbestimmtheit.

Selbstbestimmtheit und Solidarität infrage gestellt

Infrage gestellt wird mit solchen Anzeizsystemen einmal mehr auch die Solidargemeinschaft. So sind sozial benachteiligte Menschen schon aufgrund ihrer finanziellen Situation häufig nicht in der Lage, sich im gleichen Maße gesund zu ernähren wie finanziell besser gestellte Menschen. Auch chronisch kranke und ältere Menschen dürften kaum imstande sein, sich an entsprechenden Fitness-Programmen mit gleichen Chancen zu beteiligen. Hier könnte die Grenze zwischen einem Anreizschaffen für ein gesundheitsbewusstes Verhalten und einem „Strafsystem“ für diejenigen, die nicht mithalten wollen oder können, schnell überschritten sein.

Vorbeugender Gesundheitsschutz muss auch nach Auffassung des Sozialverband Deutschland (SoVD) eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und kein privates Risiko sein. Dafür hat sich der Verband in der Vergangenheit immer wieder mit Nachdruck eingesetzt.

Die an Pilotprojekten beteiligten gesetzlichen Krankenkassen versichern indessen, dass es keine finanziellen Nachteile für Menschen, die eine gesunde Lebensweise nicht per App überwachen lassen möchten, geben werde.

Lifelogging, App und Quantifying?

Lifelogging

Lifelogger zeichnen mit einer kleinen Kamera ihren Alltag auf. Die Bilder stellen sie meist über einen Blog ins Netz. Der erste Lifelogger war vor mehr als 30 Jahren Steve Mann. Er dokumentierte sein Leben durch das Objektiv einer tragbaren Kamera, die er am Kopf trug. Die Daten stellte er fortlaufend ins Netz.

Quantified Self

„The Quantified Self“ ist ein weltweites Netzwerk von Nutzerinnen und Nutzern sowie Anbietern von Hard- und Softwarelösungen. Ihnen geht es darum,  umwelt- und personenbezogene Daten aufzuzeichnen, zu analysieren und auszuwerten zwecks Optimierung des eigenen Lebensstils.

Die Mitglieder veranstalten der Bewegung in 35 Ländern weltweit in rund 130 Städten regelmäßig stattfindende Treffen.

App

Das Wort App ist die Kurzform des englischen Wortes „Application Software“. Es  bezeichnet kleinere Computerprogramme. Die Bandbreite für mobile Apps ist groß. Sie kommen auf Endgeräten wie Smartphones und Tablets wie etwa dem iPad zum Einsatz.

Zur Ausgabe 2015 der SoVD-Zeitung




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