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Pflege - Die solidarische Pflege-Bürgerversicherung

Die solidarische Pflege-Bürgerversicherung

Anforderungen an eine leistungsfähige, gesetzliche Pflegeversicherung

(Stand: 11/2013)

Das Pflegesystem in der Bundesrepublik Deutschland steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Neben strukturellen Defiziten sowohl auf der Seite der Finanzierung und Organisation der Pflegeversicherung als auch auf der Seite der Leistungen, verändern sich die sozialen und demographischen Strukturen unserer Gesellschaft. Zukünftig werden mehr ältere und potenziell zu pflegende Menschen weniger potenziell pflegenden Menschen gegenüberstehen.

Viele Probleme lassen sich zurückführen auf die grundsätzlichen konstruktiven Merkmale, mit denen die Pflegeversicherung 1995 unter Inkaufnahme politischer Kompromisse eingeführt wurde.

·       Teilleistungssystem

Die Zuschüsse der Pflegekasse decken den pflegebedingten Bedarf nie vollständig ab, sondern sind durch Höchstbeträge gedeckelt. Die Versicherten sind gezwungen, stets einen zunehmend erheblichen Eigenanteil an den im Pflegefall entstehenden Kosten privat zu tragen.

·       Kostenstabilität statt Bedarfsdeckung

Bei Einführung der Pflegeversicherung wurde das Eintreten von Pflegebedürftigkeit in der Politik vor allem als Kostenbelastung gesehen, Vorrangiges Ziel der Pflegeversicherung sollte es seinerzeit nicht sein, den im Pflegefall bestehenden Bedarf vollständig zu decken, sondern ein Abrutschen in die Sozialhilfebedürftigkeit aufgrund der hohen Pflegeausgaben zu vermeiden.

·       Familienbasiertes Pflegesystem

In Deutschland existiert ein überwiegend familienbasiertes Pflegesystem. Viele Leistungen, vor allem im Bereich der häuslichen Pflege, haben "unterstützenden Charakter". Sie zielen darauf ab, die Pflegebereitschaft und Pflegefähigkeit der Angehörigen und Nachbarn zu erhalten. Dieses System, in dem die Hauptlast der Pflege auf den pflegenden Angehörigen lastet, trägt dazu bei, dass Pflegende oft an ihre organisatorischen, physischen, psychischen und finanziellen Belastungsgrenzen geraten.

·       Selektion in gute und schlechte Risiken

Durch die Existenz der Sozialen Pflegepflichtversicherung (SPV) und der privaten Pflegeversicherung (PPV) nebeneinander erfolgt eine Risikoselektion zulasten des solidarischen Systems der Sozialen Pflegeversicherung. In der Praxis wirkt sich das so aus, dass in der SPV erstens ein größerer Anteil der Versicherten pflegebedürftig ist und zweitens die Leistungsausgaben pro Pflegebedürftigen deutlich höher sind als in der PPV. Wanderungsbewegungen sogenannter guter "guter Risiken" in die Private Pflegepflichtversicherung verschärfen diesen Effekt.

·       Erosion der Einnahmebasis

Die Einnahmebasis der Sozialen Pflegeversicherung geriet in den vergangenen Jahren unter immer stärkeren Druck. Die Erwerbslosigkeit, die Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen, die Entstehung von Niedriglohnsektoren z. B. in der Pflege, die Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen, die sinkende Lohnquote sowie die Abwanderung so genannter guter Risiken, also junger, gutverdienender Versicherter in die private Kranken- und Pflegepflichtversicherung, haben zu einem strukturellen Einnahmeproblem auch der Sozialen Pflegeversicherung geführt.

·       Privatisierung des Pflegerisikos

Weil die Pflegeversicherung als Teilleistungsversicherung konzipiert ist, zahlen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen stets einen erheblichen Anteil der bei eintretender Pflegebedürftigkeit anfallenden Kosten selbst. Dieser Anteil ist seit Einführung der Pflegeversicherung stetig gestiegen. Pflegebedürftigkeit ist wieder zunehmend zum Armutsrisiko geworden. Statt dieser Entwicklung durch eine solidarische und gerechte Ausweitung der Leistungen der Sozialen Pflegeversicherung zu begegnen, wurden die Kosten des Pflegerisikos mit Einführung einer Förderung privater Pflegezusatzversicherung weiter privatisiert.

·       Rehabilitation vor und bei Pflege

Das Potenzial von (geriatrischer) Rehabilitation zur Vermeidung, Verschiebung oder Milderung von Pflegebedürftigkeit zum Nachteil der pflegebedürftigen Menschen wird derzeit nicht oder kaum ausgeschöpft. Auch kann Pflege unter den heutigen unangemessenen Rahmenbedingungen den Rehabilitationsauftrag  nur unzureichend umsetzen. Unzureichende Personalausstattung von Einrichtungen und Zeitknappheit im Versorgungsalltag stehen dem entgegen.

Anforderungen an eine leistungsfähige, gesetzliche Pflegeversicherung

Im Positionspapier "Die solidarische Pflege-Bürgerversicherung ? Anforderungen an eine leistungsfähige, gesetzliche Pflegeversicherung" formuliert der SoVD seine Anforderungen an eine solidarische Pflege-Bürgerversicherung. Viele notwendige Verbesserungen v.a. in Bezug auf die Leistungen sind dabei nicht unmittelbar mit der Einführung einer Pflege-Bürgerversicherung verbunden.

In Bezug auf die Leistungen müssen u.a. die folgenden Maßnahmen ergriffen werden:

  • Flächendeckend muss ein Höchstmaß an Qualität der pflegerischen Versorgung erreicht sowie die Pflegequalität transparent dargestellt werden.
  • Alle Menschen müssen unabhängig von der Art ihrer Einschränkung gleichen Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung haben.
  • Alternative wohnortnahe Wohn- und Pflegekonzepte müssen gefördert und weiterentwickelt werden.
  • Die Möglichkeiten zur flexiblen Leistungsinanspruchnahme müssen verbessert werden.
  • Die Lücke zwischen den anfallenden und den von der Pflegeversicherung übernommenen Kosten bei eintretender Pflegebedürftigkeit muss deutlich verringert werden. 

In Bezug auf die Organisation müssen u.a. die folgenden Maßnahmen ergriffen werden:

 

  • Die gesamte Wohnbevölkerung in Deutschland muss in einem einheitlichen System ? der Pflege-Bürgerversicherung ? versichert werden.
  • Die Pflege-Bürgerversicherung muss auf Grundlage der Sozialen Pflegeversicherung öffentlich-rechtlich organisiert werden.
  • Die Private Pflegeversicherung bietet zukünftig ausschließlich Zusatzversicherungen an.

 

In Bezug auf die Finanzierung müssen u.a. die folgenden Maßnahmen ergriffen werden:

 

  • Die paritätische Verteilung der Beiträge auf lohnbezogene Einnahmen muss in der Pflegeversicherung (wieder)hergestellt werden.
  • Bei der Erhebung der Beiträge muss darüber hinaus die gesamte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit herangezogen werden, also auch Einnahmen aus Vermietung, Verpachtung sowie Kapitaleinkommen.
  • Die Beitragsbemessungsgrenze muss zumindest auf das in der Gesetzlichen Rentenversicherung geltende Niveau angehoben werden.
  • Bis zur Einführung einer Pflege-Bürgerversicherung müssen die unterschiedlich gelagerten Risiken in Sozialer und Privater Pflegeversicherung durch einen Finanztransfer ausgeglichen werden.

 

Zusammenfassung

Die Pflegeversicherung muss zu einer einheitlichen, öffentlich-rechtlich organisierten Versicherung für alle Bürgerinnen und Bürger weiterentwickelt werden. Dabei versteht der SoVD die Pflege-Bürgerversicherung nicht als bloßes Finanz- und Organisationskonzept. Vielmehr würden durch ihre Einführung finanzielle Mittel frei, die in notwendige Leistungsverbesserungen investiert werden könnten. Im Zuge der Einführung einer Pflege-Bürgerversicherung wird langfristig auch über den Ausbau der Pflegeversicherung zu einer Versicherung mit Sachleistungscharakter zu diskutieren sein.

Im Zentrum aller Überlegungen zur Weiterentwicklung der Pflege stehen für den SoVD die Interessen und Bedarfe der pflegebedürftigen Menschen und ihrer Angehörigen. Vor diesem Hintergrund und angesichts der geschilderten Defizite in der Pflegeversicherung ist nach der Bundestagswahl im September 2013 rasches und entschlossenes Handeln notwendig. Die formulierten Anforderungen versteht der SoVD als kurz- und mittelfristig konkret umsetzbare Schritte, die er in die fachpolitische Diskussion einbringen möchte. Sie eignen sich als Grundlage für die notwendige umfassende Pflegreform.

 

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