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Endlich mehr Zeit für Pflege?

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Leistungen aus der Pflegeversicherung werden bisher nach festgelegten Zeitvorgaben bemessen. Reformvorschläge wollen jetzt weg von dieser Minutenpflege und hin zu mehr Selbstständigkeit. Foto: Kzenon/fotolia; dimedrol68/fotolia

Die Pflegeversicherung soll allen Menschen helfen, die Unterstützung benötigen. Dabei stehen bisher jedoch körperliche Einschränkungen im Mittelpunkt, während psychische oder demenzielle Erkrankungen weniger berücksichtigt werden. Ein weiteres Problem ist, dass die etwa für die individuelle Körperpflege erforderliche Hilfe auf die Minute genau berechnet wird. Für menschliche Zuwendung bleibt dabei meist keine Zeit. Das soll sich nun ändern. Als maßgebliche Organisation war der SoVD Mitglied in einem Expertenbeirat, der umfangreiche Vorschläge zur Ausgestaltung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs vorgelegt hat. Deren Umsetzung gehört jetzt zu den dringendsten Aufgaben der neuen Bundesregierung.


Die Pflegeversicherung wurde 1995 in Deutschland eingeführt. Durch sie soll sowohl für gesetzlich wie auch für privat Versicherte das Risiko einer eintretenden Pflegebedürftigkeit abgesichert werden. Anders als etwa in der gesetzlichen Krankenversicherung werden dabei jedoch Kosten nicht nach dem tatsächlichen Bedarf und in voller Höhe übernommen, sondern nur entsprechend zuvor festgelegter Höchstsätze. Die Pflegeversicherung ist also keine Vollversicherung.

 

Wer erhält Leistungen?

Menschen, die einen Antrag auf Leistungen stellen, werden zunächst vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) begutachtet. Dabei wird der jeweilige Zeitbedarf für die persönliche Pflege sowie für die hauswirtschaftliche Versorgung festgehalten. Auf dieser Grundlage erfolgt schließlich eine Einordnung in eine der bestehenden Pflegestufen von Stufe I ("erhebliche Pflegebedürftigkeit") bis hin zu Stufe III ("schwerste Pflegebedürftigkeit"). Die Höhe der gewährten Leistungen ist an diese Stufen gekoppelt.

 

Kritik am aktuellen System

Bisher wird zur Feststellung des Pflegebedarfs vor allem auf körperliche Defizite geschaut, zum Beispiel ob eine Person noch in der Lage ist, sich selbst zu waschen. Das kann im Einzelfall zu Fehleinschätzungen führen. So können etwa Menschen mit einer demenziellen Erkrankung rein körperlich zu bestimmten Handlungen sehr wohl noch in der Lage sein. Allein fehlt ihnen hierzu aufgrund psychischer Einschränkungen oftmals die Fähigkeit. Die gerade für Demenzkranke so wichtige Unterstützung in Form einer Betreuung ist jedoch in der Pflegeversicherung derzeit nicht vorgesehen.Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass einzelne Leistungen bisher nach starren Zeitvorgaben bemessen werden. Auf individuelle Unterschiede der Pflegebedürftigen kann dadurch nur schwer Rücksicht genommen werden.

 

Vorschläge für eine Reform

Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat sich seit 2012 ein Expertenbeirat mit der Gestaltung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs befasst. Der nun vorliegende Abschlussbericht sieht unter anderem vor, die bestehenden drei Pflegestufen durch insgesamt fünf Pflegegrade zu ersetzen. Dies würde den Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung für die Menschen erleichtern, die zwar einen Pflegebedarf haben, bisher jedoch nicht die Kriterien für die Pflegestufe I erfüllen.Vor allem aber soll ein neues Begutachtungssystem stärker auf die Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven oder psychischen Störungen eingehen. Ausschlaggebend soll nicht mehr die benötigte Zeit, sondern der individuelle Grad an Selbstständigkeit sein.

 

Betreuung als Regelleistung

Ein weiterer Vorschlag des Expertenbeirats geht zurück auf eine langjährige Forderung des SoVD. Demnach soll künftig auch die Betreuung zu den Regelleistungen der Pflegeversicherung gehören. Auch dies wäre eine wichtige Entlastung für direkt Betroffene und für Angehörige.

 

Die Politik muss handeln

Der Bericht der Fachleute gibt der Politik klare Empfehlungen vor und sieht ebenfalls eine Übergangsregelung vor. Danach würde sich auch nach der Umstellung auf ein neues System niemand, der bereits jetzt Leistungen aus der Pflegeversicherung erhält schlechter stellen. Es ist daher an der neu gebildeten Bundesregierung, endlich zu handeln und die dringend notwendige Reform auf den Weg zu bringen.

 

Joachim Baars


 

 

Zur Ausgabe November 2013 der SoVD-Zeitung




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