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Zum Leben zu wenig

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Früher konnte man sich glücklich schätzen, überhaupt eine Anstellung gefunden zu haben. Das hat sich geändert. Für immer mehr Menschen reicht der Lohn ihrer Arbeit zum Leben nicht aus (Fotos RVNW, Kitty/fotolia).

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Es geht uns gut. Trotzdem sind immer mehr arbeitslose Menschen in unserem Land von Armut bedroht. Doch auch wer arbeiten geht, ist nicht unbedingt besser dran: Trotz Vollzeitstelle reicht der Verdienst für viele Arbeitnehmer nicht zum Leben aus ? sie sind arm trotz Arbeit. Inzwischen arbeitet bereits jeder Fünfte für einen Niedriglohn. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit mussten zuletzt 323 000 Haushalte zusätzlich zu ihrem Arbeitseinkommen staatliche Unterstützung beantragen. SoVD-Präsident Adolf Bauer kritisiert die indirekte Subvention von Hungerlöhnen aus Steuergeldern und fordert ein Ende der Niedriglohn-Ideologie.

Es klingt absurd: Obwohl die Zahl der Erwerbstätigen in den letzten Jahren gestiegen ist und somit die Zahl der Arbeitslosen gesunken ist, können immer weniger Menschen von ihrer Arbeit leben. Berufstätig und trotzdem in Armut? Nachdem das im Jahr 2004 noch für etwas weniger als fünf Prozent der Erwerbstätigen zutraf, waren 2010 von 100 Arbeitnehmern schon acht von Armut bedroht. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) errechnete, dass Betroffene weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Nettoeinkommens für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung hatten.

Armut hat den gesamten Arbeitsmarkt erfasst

Gleichzeitig haben in den letzten Jahren sogenannte atypische Beschäftigungsformen stark zugenommen. Gemeint sind damit Bereiche wie Zeitarbeit und Minijobs sowie Stellen in Teilzeit und Leiharbeit, die in der Regel deutlich schlechter bezahlt werden. Im Jahr 2010 erhielt knapp jeder zweite in diesen Bereichen Beschäftigte eine Bezahlung unterhalb der Niedriglohngrenze.

Besonders bedenklich ist allerdings der Umstand, dass Arbeitsarmut längst auch den Arbeitsmarkt insgesamt erfasst hat. Bezogen auf alle Arbeitnehmer in Betrieben von zehn und mehr Beschäftigten erhielt laut Statistischem Bundesamt zuletzt mehr als jeder Fünfte weniger als den Niedriglohn (20,6 Prozent im Jahr 2010).

Deutschland als negatives Beispiel

Vor allem arbeitslose Menschen sind in Deutschland massiv von Armut bedroht. Obwohl es hier zuletzt leichte Verbesserungen gab, liegt ihre Zahl europaweit auf dem mit Abstand höchsten Niveau: Während innerhalb der EU im Durchschnitt noch nicht einmal jeder zweite Arbeitslose (46 Prozent) von Armut bedroht ist, trifft dies in unserem Land auf mehr als zwei Drittel zu (67,7 Prozent).

Eine Ursache hierfür sieht der Wissenschaftler Dr. Eric Seils von der Hans-Böckler-Stiftung in der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe im Rahmen der Hartz-Reformen. Seit 2005 erhalten Betroffene mit dem Arbeitslosengeld (ALG) nur noch für ein Jahr Leistungen, die sich in der Höhe an dem bisherigen Arbeitsentgelt orientieren. Danach fallen sie auf die in der Regel sehr viel niedrigere Grundsicherung im Rahmen des ALG II ("Hartz IV") zurück.

Einmal arm, immer arm?

Angesichts niedriger Löhne und unterbrochener Erwerbsbiografien sieht Dr. Eric Seils einen Zusammenhang zwischen der Armutsgefährdung erwerbstätiger und erwerbsloser Menschen. Wer bereits in Beschäftigung arm war, so der Wissenschaftler, werde es als Arbeitsloser erst recht sein. Nach Seils Untersuchungen hatte die Hälfte aller Arbeitslosen in Deutschland zuletzt weniger als 800 Euro im Monat zur Verfügung. Auch in diesem Punkt nehme die Bundesrepublik innerhalb der EU einen traurigen Spitzenplatz ein.

Kampf gegen Hungerlöhne

Selbst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte zuletzt erklärt, dass eine Vollzeitstelle so bezahlt werden müsse, dass man davon leben könne. Mit konkreten Maßnahmen allerdings tut sich ihre Partei bisher schwer, vom Koalitionspartner FDP ganz zu schweigen. Abhängig von der jeweiligen Region will die Bundesregierung nun für einzelne Branchen Lohnuntergrenzen einführen. Dagegen fordert die SPD einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro. Dies wäre nach Ansicht des SoVD bereits ein großer Fortschritt, um Hungerlöhnen den Kampf anzusagen. Allerdings befände sich selbst eine Bezahlung auf diesem Niveau weiterhin im Niedriglohnbereich.

Weniger als fünf Euro pro Stunde

Das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen legt als Schwelle für den Niedriglohn etwas mehr als 9 Euro zugrunde, andere Berechnungen gehen sogar von über zehn Euro aus. Am IAQ kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass der durchschnittlich gezahlte Niedriglohn im Jahr 2010 gerade einmal bei rund 6,60 Euro lag. Den Wissenschaftlern zufolge erhielten rund 1,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland sogar weniger als fünf Euro pro Stunde.

Niedriglöhne auf Kosten der Steuerzahler

Vor allem im Reinigungs- und Taxigewerbe sowie im Friseurhandwerk und in der Gastronomie werden Niedriglöhne gezahlt. Betroffen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weit über 80 Prozent der dort Beschäftigten.

Der Präsident des SoVD, Adolf Bauer, bezeichnete es als einen Skandal, dass für immer mehr Menschen in Deutschland ein Vollzeitjob nicht mehr zum Leben reicht. Weil die Unternehmen ihnen viel zu geringe Löhne bezahlen, müssten Arbeitnehmer als sogenannte Aufstocker zusätzlich Leistungen der Grundsicherung beantragen. Bauer bezeichnete dies als krasse Fehlentwicklung und forderte ein Ende des Lohndumpings auf Kosten von Staat und Steuerzahlern.

Zur Ausgabe 2013 der SoVD-Zeitung




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