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"Inklusion ist zuallererst eine Haltungssache"

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In der Kettelerschule in Bonn wird jedes Kind wertgeschätzt (Foto: Ulfert Engelkes).

Am 23. Januar fand, inzwischen zum 4. Mal, die Verleihung des Jakob-Muth-Preises für inklusive Schule statt. Der Preis wird vom Bundesbehindertenbeauftragten, der Deutschen UNESCO-Kommission, der Bertelsmann Stiftung und der Sinn-Stiftung gemeinsam gestiftet. In diesem Jahr ging der Preis an die Ketteler-schule in Bonn, wo auch die Preisverleihung stattfand. Darüber hinaus waren die Schule an der Trießnitz in Jena und die Offene Schule Waldau in Kassel Preisträgerschulen. SoVD-Referentin Claudia Tietz nahm für den Sozialverband Deutschland an der Preisverleihung in Bonn teil.

In seinem Grußwort unterstrich der Bundesbehindertenbeauftragte Hubert Hüppe die menschenrechtliche Bedeutung der Inklusion; sie könne sich aber auch finanziell rechnen, z. B. durch Kosteneinsparungen für lange Schülertransporte in Sonderschulen. Sehr kritisch äußerte er sich zu aktuellen Verlautbarungen der Bildungsministerin NRW, das "Recht auf Regelschule" auch künftig unter den Vorbehalt zu stellen, dass die Voraussetzungen vor Ort geschaffen werden können. Ute Erdsiek-Rave (Deutsche UNESCO-Kommission) unterstrich, man müsse "Taten statt Warten" unterstützen und gute Beispiele sichtbar machen, um Inklusion zu forcieren.

Für die Bertelsmann Stiftung warnte Jörg Dräger davor, den Inklusionsbegriff zu entwerten. Er unterstrich die dynamischen Entwicklungen in den Ländern, forderte jedoch "Qualität vor Tempo", um ein Scheitern der Schulen zu verhindern und Ängste abzubauen.

Die Statements der Schulleitungen der Preisträgerschulen waren berührend und Mut machend. Sie zeigten ehrlich die großen Vorbehalte der Lehrerschaft zu Beginn des Prozesses, aber auch den großen Gewinn für Lehrer und Schüler: mehr Identifikation mit der Schule, steigende eigene Gestaltungsmöglichkeiten, reduzierte Krankheitszeiten, der Austausch im Team eine Bereicherung. Inklusion sei zuallererst eine Haltungsfrage ("das Verhältnis zur Heterogenität muss geklärt werden").

Begleitet wurde die Festveranstaltung von sehr lebendigen kulturellen Einlagen der Schülerschaft, die der Preisverleihung eine besonders authentische Perspektive gaben.

Alle drei Preisträgerschulen begreifen sich als Lern- und Lebensraum, der viele über den Unterricht hinausgehende Angebote macht ? vom gemeinsamen Mittagessen über ein Blas-orchester bis zur Zirkus-AG.

Die Schulen kooperieren mit Logopäden, Ergotherapeuten und Sportvereinen und schaffen insgesamt ein Klima, in dem jedes Kind als eigene Persönlichkeit wertgeschätzt wird. Der Erfolg ist messbar: Seit 2006, als die Schule den Weg zur inklusiven Schule einschlug und auf jahrgangsübergreifenden Unterricht umstellte, hat sich der Anteil der Schüler verdoppelt, die anschließend auf das Gymnasium gehen. Der Anteil der Schüler, die auf eine Realschule wechseln, ist mittlerweile sogar fast dreimal so hoch.

Rund eine halbe Million Kinder in Deutschland haben diagnostizierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Noch immer besuchen 78 Prozent dieser Kinder eine Förderschule, werden also getrennt unterrichtet.

Der Preis ist benannt nach einem Vorkämpfer des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern, dem Pädagogen Jakob Muth (1927?1993). Mit der Auszeichnung wollen die Projektträger positive Beispiele bekannt machen und zur Nachahmung anregen. Für den Preis hatten sich in diesem Jahr 70 Schulen aus ganz Deutschland beworben.

Zur Ausgabe 2013 der SoVD-Zeitung




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