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Ist die Rente noch zu retten?

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Funkt Ihr Vorsorgedampfer SOS? Wenn ja, dann sollten Sie sich nicht zu sehr an eine private Rentenversicherung klammern.

Jahrelang hat die Politik den Menschen erklärt, sie müssten für ihr Alter zusätzlich vorsorgen. Nun stellt sich immer mehr heraus, dass auch private Rentenversicherungen nicht vor Altersarmut schützen. Während die Bundesregierung an Konzepten wie etwa der Riester-Rente festhält, fordert der SoVD eine Rücknahme der Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus.

Laut Umfragen sieht nicht einmal mehr jeder vierte Deutsche in der Riester-Rente eine ideale Form der Alterssicherung; und das offensichtlich zu Recht. Denn Studien weisen darauf hin, dass die Einführung der Riester-Rente eine Fehlentscheidung war. Viele Verträge weisen oft hohe Kosten auf und führen zu einem absurden Ergebnis: Wer sich privat absichern wollte, landet unter Umständen erst recht in der Altersarmut.

Das Angebot an privaten Lebens- und Rentenversicherungen ist riesig, zusätzlich locken staatliche Zuschüsse. Diese scheinen jedoch vor allem bei den Versicherungsunternehmen zu landen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen verursachen beispielsweise Riester-Verträge im Einzelfall Kosten von bis zu 20 Prozent. Dieses Geld fehlt dann für die Vorsorge im Alter. Zum anderen kalkulieren einzelne private Versicherer für ihre Kunden mit einer deutlich höheren Lebenserwartung. Die kann schon einmal zehn Jahre über den Werten des Statistischen Bundesamtes liegen. Auch wer dieses Alter nicht erreicht, muss sich für seinen Lebensabend mit einer annähernd 30 Prozent niedrigeren Rente zufrieden geben.

Angesichts hoher Kosten und schlechter Rendite sprechen sich immer mehr Experten für eine Rückkehr zum umlagefinanzierten System der gesetzlichen Rente aus. Auch der SoVD bekräftigt seine Kritik am Kurs der Bundesregierung. Vor allem Geringverdiener leiden unter den verschlechterten Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung. Selbst wenn sie das Geld für eine private Vorsorge aufbrächten, würden ihnen entsprechende Erträge später auf die Grundsicherung angerechnet. Für SoVD-Präsident Adolf Bauer steht daher eine Rücknahme der drastischen Absenkung des Rentenniveaus an erster Stelle. Er erklärte, die unsinnige Senkung des Rentenbeitrages müsse schleunigst vom Tisch.

Das System wurde schlechtgeredet

Holger Balodis ist Experte, wenn es um die Themen Altersvorsorge und Versicherungen geht. Seit 25 Jahren berichtet er unter anderem für die ARD-Magazine Plusminus oder Ratgeber Recht. In dem Buch "Die Vorsorgelüge" beschäftigt sich der Journalist mit der Kürzung der gesetzlichen Rente und dem gleichzeitigen Wechsel hin zu privater Vorsorge. Warum dieses System nicht funktioniert und was sich aus seiner Sicht ändern müsste, dazu äußert sich Balodis im Gespräch mit der SoVD-Zeitung.

___Die gesetzliche Rentenversicherung galt immer als solide und zuverlässig. Wann und warum hat sich das geändert?

Kurz vor der Jahrtausendwende kamen mehrere Dinge zusammen: Unter Gerhard Schröder trat eine Bundesregierung an, die sich "Modernisierung" auf die Fahne geschrieben hatte. Gleichzeitig gewannen Interessengruppen an Einfluss, die stark mit der Finanzwirtschaft verbandelt waren und mit Studien und Gutachten nachzuweisen versuchten, dass das System der gesetzlichen Rente nicht mehr funktioniert.

___Wie hat man das gemacht?

Eines der Stichwörter lautete Generationengerechtigkeit. Es hieß, junge Menschen würden angesichts eines wachsenden Anteils Älterer zu sehr belastet und bekämen selbst nur eine geringe Rente. Für mich ist das jedoch ein Scheinargument, welches dazu benutzt wurde, das System schlechtzureden.

___Wurde  uns also absichtlich etwas vorgemacht?

Dieser "Krieg der Generationen" wurde aus meiner Sicht bewusst in die Öffentlichkeit getragen, um den jungen Menschen Angst zu machen. Man hat ihnen erzählt, die Rente werde unbezahlbar und sie hätten selbst nichts davon. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade während der Wirtschaftskrise hat sich die gesetzliche Rente ja als sehr stabil erwiesen.

___Wem hat dann die Einführung einer staatlich geförderten Privatvorsorge genützt?

Es gab in erster Linie zwei Gewinner: Zum einen die Arbeitgeber, die niedrige Lohnnebenkosten in Form von Sozialversicherungsbeiträgen garantiert bekommen haben,  zum anderen die Versicherer, Banken und Fondsanbieter.

___Und wer gehört zu den Verlierern?

Das sind die Versicherten. Über 80 Prozent derjenigen, die heute einen Vertrag abschließen, verlieren über die Laufzeit hinweg effektiv Geld: Sie bekommen weniger heraus, als sie eingezahlt haben. Nur in Einzelfällen kann es sich aufgrund der staatlichen Förderung lohnen.

___Wie kommen wir aus diesem absurden Zustand wieder heraus?

Am Anfang muss eine ehrliche Bestandsaufnahme stehen. Die Politik muss die gemachten Fehler offen einräumen. Ich glaube, dass eine Kehrtwende möglich und vor allem nötig ist. Einzelne Korrekturen werden in den nächsten Jahren allerdings nicht mehr ausreichen, um die steigende Altersarmut in den Griff zu bekommen.

___Was muss denn konkret verändert werden?

Neben einer Rücknahme der Absenkung des Rentenniveaus geht es  um eine Korrektur der verfehlten Arbeitsmarktpolitik. Heute verweist man gerne auf 41 Millionen Erwerbstätige, verschweigt aber, dass davon nur 27 Millionen versicherungspflichtig beschäftigt sind. Zu viele Menschen wurden aus dem gesetzlichen System ausgegliedert: 7,5 Millionen Minijobber und 2,5 Millionen Soloselbstständige. Das war ein Riesenfehler.

___Spielt dabei nicht auch die zunehmende Alterung der Gesellschaft eine Rolle?

Es heißt zwar oft, die Altersversorgung funktioniere nicht, weil wir in Deutschland zu wenig Kinder bekommen. Wenn es uns aber nicht gelingt, die Anzahl der Menschen zu erhöhen, die über ihre Arbeit ausreichende Beiträge in die Sozialversicherung einzahlen können, dann helfen uns auch noch so viele Kinder nicht weiter.

___Warum ändert sich dann nicht endlich etwas?

Die Fakten über die mangelnde Rendite privater Altersvorsorge und über die wachsende Altersarmut liegen auf dem Tisch. Die Verantwortlichen in der Politik stecken den Kopf in den Sand und leugnen noch immer die Notwendigkeit einer grundlegenden Korrektur, die allen Rentnern nutzt. Doch eine solche "Rentenrolle rückwärts" ist nötig und auch finanzierbar.

Zur Ausgabe Dezember 2012 der SoVD-Zeitung




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