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Die Geschichte von Lina (Teil 2)

Hier die Beschreibung des Bildes

"Geschirrtrockner" der besonderen Art:
Lina hängt Teller und Tassen
an ihre Garderobe im Flur.

Lina Saalmann wächst im Emsland als die jüngste von insgesamt sechs Geschwistern auf. Nach dem Tod ihres Mannes kümmert sie sich zunächst allein um Haus und Garten. Als sie älter wird deutet vieles darauf hin, dass Lina an Demenz erkrankt ist. Immer häufiger durchlebt sie vergangene Ereignisse und handelt in einer Weise, die für ihre Umwelt oft nicht nachvollziehbar ist. Dann taucht Lina in ihre eigene Welt ein. Was sie dort erlebt, ist in ihrer Wahrnehmung unverrückbare Wirklichkeit. Das ist die Geschichte von Lina.

Obwohl die Sonne ihren höchsten Punkt an diesem Morgen noch nicht erreicht hat, ist ihre Kraft bereits zu spüren. Es ist warm, fast ein wenig schwül. Der junge Mann, der gemeinsam mit Lina Saalmann in ihrem Garten steht, wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von seiner Stirn. Schon häufiger ist Michael am Wochenende nach Brandlecht gekommen, um seiner Tante zur Hand zu gehen. Meist ging es dabei um körperliche Arbeiten, zu deren Verrichtung die eher zierliche Frau selbst nicht in der Lage ist. So auch an diesem Tag. Michael trägt feste Arbeitskleidung, seine Werkzeuge liegen neben ihm im Gras. Dennoch zögert er und blickt ein wenig ungläubig zu Lina, die mit verschränkten Armen vor einem Kirschbaum steht, auf dessen Früchte so mancher Gartenbesitzer stolz wäre. Seit dem Tod ihres Mannes ist Lina Saalmann für die Bewirtschaftung des Hauses und des angrenzenden Gartens allein verantwortlich. Der Anbau von Obst und Gemüse sowie die Pflege des Blumengartens machen der alten Dame nicht nur Spaß, die Arbeit gibt ihren Tagen auch Struktur. Mit einer entschlossenen Geste wendet sich Lina nun von dem Kirschbaum ab und wiederholt in Richtung ihres Neffens das zuvor Gesagte: "Säch den man ab!"

Gesine Butke arbeitet als Krankenschwester in der örtlichen Klinik. Nach der Geburt ihrer dritten Tochter nimmt sie zunächst Erziehungsurlaub, sucht jedoch schnell nach ein wenig Abwechslung. Daher freut sie sich, als sie die Bekanntschaft von Lina macht, die ein wenig Unterstützung im Haushalt gut gebrauchen kann. Zumal sich die beiden Frauen auf Anhieb gut verstehen. Während die 85-Jährige kleinere Besorgungen anfänglich noch selbst mit dem Fahrrad erledigt, lassen ihre Kräfte mit zunehmendem Alter nach. Ein ganz normaler Prozess, der Gesine Butke zunächst keine Sorgen bereitet. Auch gelegentliche "Aussetzer" von Lina, bei denen diese sich an bestimmte Dinge nicht erinnern kann, tut sie als Alterserscheinung ab. Das ändert sich erst an dem Tag, an dem sie Lina in der Küche bei den Vorbereitungen zum Abendessen antrifft. Aus drei Pfund Mehl hat die alleinstehende Frau Pfannkuchen gebacken, die sich nun auf einer großen Servierplatte stapeln. Gesine Butke ist irritiert. Auf ihre Nachfrage, wer denn diese Mengen essen solle, erhält sie eine Antwort, die ebenfalls von Irritation geprägt ist. Voller Überzeugung erklärt ihr Lina, dass Heinrich und die anderen Männer ja doch etwas essen müssten, wenn sie von der Feldarbeit wieder nach Hause kämen. Feldarbeit? Spätestens jetzt steht der Unglaube Gesine Butke deutlich ins Gesicht geschrieben. Ihre Verwunderung bricht spontan aus ihr heraus: "Aber Lina, Heinrich ist doch schon seit über zwanzig Jahren tot!" Wie in einem Spiegel ist der Unglaube nun auch auf Linas Gesicht zu erkennen. Doch da ist noch etwas anderes: Verzweiflung.

Demenzielle Erkrankungen sind mittlerweile anhand verschiedener Testverfahren feststellbar. Allerdings bedarf es hierfür zunächst eines Anfangsverdachts, das heißt, man muss erst einmal wissen, wonach man überhaupt sucht. Genau das passiert oftmals nicht. Auch Lina wird nie eine offiziell bestätigte Diagnose erhalten, wenngleich die Anzeichen immer deutlicher werden. Lina leidet an Demenz. Wie sehr sie diesen Umstand tatsächlich als Leiden empfindet, wird jedoch entscheidend von ihrem Umfeld abhängen. Das hat auch Gesine Butke verstanden. Fortan lässt sie der alten Dame daher ihre eigene Wirklichkeit und korrigiert sie nicht. Das vermeidet Verunsicherungen. So erhält Lina für den nächsten Berg Pfannkuchen ausdrücklich Anerkennung als Hausfrau, während der volle Teller in einem unbeobachteten Moment beiseite gestellt wird. Kurz darauf ist der Vorfall vergessen, ohne dass Lina erneut nach den Feldarbeitern oder den Pfannkuchen fragt. Allzu häufig passiert das zum Glück nicht, wenngleich an diesen Tagen immer große Freude im angrenzenden Hühnerstall herrscht. Mangels hungriger Feldarbeiter macht sich dort dann jeweils eine Schar gieriger Hühner über eine große Portion kalter Pfannkuchen her.

Für Linas Umfeld ist es nicht immer ganz leicht zu unterscheiden, was nun zu ihren Eigenarten gehört und was möglicherweise der Demenzerkrankung zuzuschreiben ist. Einen Kirschbaum ohne ersichtlichen Grund zu fällen, mag so auf den ersten Blick völlig irrational erscheinen. Oder würde dies ein Mensch tun, der noch bei klarem Verstand ist? Wer Lina näher kennt, kann sich zumindest vorstellen, dass diese Entscheidung durchaus ihrem Wesen entspricht. Sie hatte einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, und es überforderte sie schlicht und ergreifend, die Kirschen zu gleichen Teilen innerhalb der Familie sowie unter Freunden und Nachbarn zu verteilen. Lina hatte Sorge, jemand könnte das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein. Um einen gewagten Vergleich anzustellen: Ähnlich unkonventionell wie Alexander der Große angesichts der Lösung des gordischen Knotens fällte Lina daher ihren Entschluss und Neffe Michael kurz darauf den Baum.

Momente, in denen Lina ohne ersichtlichen Grund alle Herdplatten anstellt, sind dagegen nicht durch eine Charaktereigenschaft zu erklären. Auch ihre Angewohnheit sämtliche Türen abzuschließen erweist sich als fatal. Weinend sitzt Lina in ihrem Zimmer, kaum hörbar dringt ihr Schluchzen durch die Tür nach draußen: "Lasst mich doch raus, ich hab doch gar nichts getan!" Lina hat sich selbst eingeschlossen und dann den Schlüssel verlegt. Der Vorfall hat Veränderungen in Linas Alltag zur Folge, die den zunehmenden Einfluss der Demenzerkrankung belegen. Schweren Herzens trifft Gesine Butke eine Entscheidung, die ihr lange im Gedächtnis bleibt: "Das war der Moment, wo wir ihr leider sämtliche Schlüssel wegnehmen mussten."

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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