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Die Geschichte von Lina

Hier die Beschreibung des Bildes

Im Alter wird Lina Saalmann zuhause gepflegt. Dabei entstehen Tagebücher, aus denen die auf dieser Seite abgebildeten Fotos stammen.

Das Örtchen Mundersum gehörte einst als Bauernschaft zu dem Dorf Bramsche im westlichen Niedersachsen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lebten dort nicht mehr als vielleicht 300 Menschen. Einer dieser Menschen war Lina Saalmann. Sie wurde dort geboren, ist dort zur Schule gegangen und hat auch nach ihrer Heirat das Emsland nie verlassen. Als sie im hohen Alter an Demenz erkrankt, verschwinden viele Details aus ihrem langen Leben. Gerade Erinnerungen an ihre Kindheit sind es jedoch, die in ihr wach bleiben und immer wieder an die Oberfläche dringen. Dies ist die Geschichte von Lina.

Die Gruppe der Kinder, die sich an diesem Morgen auf dem staubigen Weg querfeldein bewegt, muss immer wieder auf ein kleines, schmächtiges Mädchen warten, das mit dem Tempo der anderen nicht so recht mithalten kann. Kaum hat es aufgeschlossen, fällt es aufgrund seiner kurzen Beinchen auch schon wieder zurück. Irgendwann erreichen die Geschwister dennoch gemeinsam die Dorfschule, bevor sich nach dem Ende des Unterrichts das Schauspiel in umgekehrter Richtung wiederholt. Da die Eltern eine Landwirtschaft haben, müssen auch die Kinder nach der Schule mit anpacken. Die Arbeit ist hart, die Zeiten sind es auch. Sie werden noch härter, doch vom nahenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges ahnt damals noch niemand etwas.

Lina wächst als jüngstes Kind in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Für die schwere körperliche Arbeit ist sie schon aufgrund ihrer Statur eigentlich nicht geschaffen, trotzdem hilft sie mit so gut sie kann. Wie so viele Menschen ihrer Generation, lernt Lina in dieser Zeit, dem ständigen Mangel das Nötigste abzutrotzen, um schlicht und einfach zu überleben. Die Erlebnisse von damals prägen die zierliche Frau so nachhaltig, dass sie es noch Jahrzehnte später nicht übers Herz bringen wird, eine Scheibe Wurst zusätzlich aufs Brot zu legen. Immer wieder wird sie auch als alte Frau, die ein paar zusätzliche Kalorien gut gebrauchen könnte, Wasser in die ohnehin schon dünne Suppe kippen und sich weigern, eine Scheibe Brot zu essen, auf der die Butter nicht so dünn wie möglich aufgetragen wurde. Fast schon ein wenig störrisch wird die weißhaarige Dame dann den Teller entrüstet von sich schieben und auf plattdeutsch sagen: „So wat macht man nich!“

Das Dorf Bramsche nimmt lange Zeit eine gewisse Sonderstellung ein. Während viele Nachbarorte protestantisch geprägt sind, bestimmt hier der Katholizismus den Alltag der meisten Menschen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts bekommt die Dorfkirche einen katholischen Pfarrer, und auch die Aufsicht über die örtliche Schule wird katholischen Lehrern übertragen. Die Abhängigkeit der Bevölkerung von den Erträgen der Landwirtschaft und damit letztlich von den Naturgewalten fördert die Hinwendung zu einer höheren Macht möglicherweise zusätzlich. Auch Lina wächst mit den strengen Vorgaben des katholischen Glaubens auf. Dazu gehört als fester Bestandteil der tägliche Gang zur Kirche, morgens wie abends. Eine Routine, von der sie sich zeit ihres Lebens nicht lösen können wird.

Selbst als ihre körperliche Verfassung und ihre Lebensumstände es nicht mehr zulassen, wird Lina instinktiv auf den Besuch der Messe bestehen, und damit die Damen, die sich im Alter um sie kümmern, vor ein echtes Problem stellen. Einzig durch eine Notlüge, wonach der Pfarrer gerade geistlichen Übungen, sogenannten Exerzitien, nachgehe, wird es dann gelingen, die aufgebrachte Frau wieder zu beruhigen.

Linas Heimatdorf wird nach dem Zweiten Weltkrieg von polnischen Truppen besetzt und schließlich Teil der britischen Besatzungszone. Die Kämpfe hinterlasssen unübersehbare Spuren: Ein Großteil der Gebäude ist beschädigt, darunter die Schule und die Pfarrkirche. Sämtliche Fenster des Gotteshauses sind zertrümmert, das Dach nahezu komplett zerstört. Zusätzlich nimmt Bramsche nach dem Krieg sehr viele Flüchtlinge auf, sodass bald ein Großteil der Dorfbevölkerung aus Heimatvertriebenen besteht. Lina selbst ist zu dieser Zeit bereits vierzig Jahre alt und lebt noch immer auf dem Hof ihrer Eltern. Inwieweit die äußeren Umstände sie zu einer grundlegenden Veränderung in ihrem Leben führen oder ob sie sich dabei von ihren Gefühlen leiten lässt, kann kein Außenstehender abschließend beurteilen. Jedenfalls heiratet Lina den damals etwa zehn Jahre älteren Heinrich.

Heinrich Saalmann ist eigentlich Prokurist, hat jedoch zusätzlich die Verantwortung für die Landwirtschaft der Familie übernehmen müssen, nachdem seine Brüder im Krieg gefallen waren. Für ihn bedeutet dies, dass er tagsüber bei einer großen Textilfirma beschäftigt ist und nach seinem Feierabend darüber hinaus auf dem Feld arbeiten muss. Eine Doppelbelastung, die erst dann ein Ende findet, als er die Liegenschaften verpachten kann. Der Ort Brandlecht, in dem er mit Lina wohnt, liegt gerade einmal gut 30 Kilometer von dem Heimatdorf seiner Frau entfernt. In Zeiten, wo weitgehend noch Pferd und Wagen das gängige Fortbewegungsmittel sind, ist diese Strecke noch immer ein beachtliches Hindernis. Somit bekommt Lina ihre Familie nur selten zu Gesicht. Trotzdem fühlt sie sich in dem Haus, das sie fortan gemeinsam mit Heinrich bewohnt, überaus wohl. Sie liebt ihren Mann und wird auch später immer nur mit dem höchsten Respekt von ihm sprechen. Während Heinrich wochentags seiner Büroarbeit nachgeht, kümmert sich Lina um den Haushalt und versorgt den Gemüsegarten. Diese Arbeit macht ihr Spaß und ist ihr durch die Landwirtschaft ihrer Familie bestens vertraut. Eigene Kinder hat das Paar nicht.

Als Heinrich stirbt, ist Lina 61 Jahre alt. Das gemeinsame Haus bewohnt sie fortan alleine. Gelegentliche Unterstützung erhält sie von den Kindern ihrer verstorbenen Schwester, Gerhard und Michael. Die meiste Zeit aber ist Lina alleine. Dann widmet sie sich dem Gemüsegarten und kümmert sich um ihre Hühner. Zu den Nachbarn sucht sie kaum Kontakt, überhaupt kann man die kleine Alte wohl mit Fug und Recht als ein wenig schrullig und zurückgezogen bezeichnen. Geht beispielsweise jemand an ihrem Grundstück vorbei, während sie sich dort an den Büschen und Sträuchern zu schaffen macht, dann gehört Lina nicht zu den Menschen, die von sich aus grüßen. Das heißt jedoch nicht, dass sie nicht durchaus auch ihre liebevollen Seiten hat, es braucht meist nur ein wenig Zeit, bis sie sich öffnet. Diese Erfahrung macht auch Gesine Butke, die sich später um die mittlerweile 85-Jährige kümmert. Sie ist es auch, die erkennt, dass Lina an Demenz leidet.

– Ende des ersten Teils –

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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