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Gemeinsam in rauer See ? so geht Inklusion

Hier die Beschreibung des Bildes

An Bord des Rollstuhlsegelschiffes "Wappen von Ueckermünde" muss jedes Mitglied der Mannschaft mit anpacken.

Für die Schüler der Regine-Hildebrandt-Schule gehört der gemeinsame Unterricht zum Alltag. Deutschlandweit ist das jedoch noch längst nicht so. Für ihre hervorragende Arbeit erhielt die Schule in Brandenburg daher in diesem Jahr den Jakob-Muth-Preis für inklusive Bildung.

Die Regine-Hildebrandt-Schule entstand 1999 aus dem Zusammenschluss einer Gesamtschule und einer Förderschule für Körperbehinderte. Im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Schulversuchs fungiert sie als Beraterschule für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen in Brandenburg. Heute ist sie eine integrativ-kooperative Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, an der ausschließlich im gemeinsamen Unterricht gelernt wird.

Zu den pädagogischen Leitzielen gehört unter anderem die Erziehung zu Toleranz, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit. Für die Richtigkeit dieses inklusiven Ansatzes sprechen sowohl die Lernerfolge der Kinder und Jugendlichen, als auch deren soziale Leistungen. Diese sorgen dafür, dass der Schulalltag von einem Mit-
einander bestimmt wird ? unabhängig von einem im Einzelfall bestehenden Förderbedarf.

Dieses Gemeinschaftsgefühl  erleben die Jugendlichen gerade auch bei Integrations-Sportwettbewerben, bei denen es auf die Leistung des gesamten Teams ankommt. Ein ganz besonderes Erlebnis steht im Mai dieses Jahres an. Dann geht es für eine Woche auf große Fahrt an Bord des Rollstuhlsegelschiffes "Wappen von Ueckermünde". Schüler mit und ohne Behinderung müssen sich dann auf hoher See als eine wirkliche Mannschaft beweisen. Im Team tragen sie die Verantwortung für ein 20 Meter langes Schiff, sie müssen gemeinsam navigieren, das Wetter im Blick haben und für die Verpflegung sorgen.

Natürlich wird Teamarbeit auch im Kollegium großgeschrieben. Ständiger Austausch, gemeinsame Unterrichtsvorbereitungen und regelmäßige Weiterbildungen sorgen dabei nicht nur für eine hohe Zufriedenheit unter den Lehrkräften. Deren Motivation überträgt sich auf die gesamte Atmosphäre an der Regine-Hildebrandt-Schule, die man ohne große Übertreibung als harmonisch bezeichnen kann.

Einen überzeugenden Beleg dieser Harmonie erbrachte zuletzt der Schulchor bei der Verleihung des Jakob-Muth-Preises in Berlin. So einzigartig jedes Solo für sich war, so sehr begeisterte gerade die gemeinschaftliche Leistung des Chors alle Zuhörer. So kann sich Inklusion hören lassen.

"Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden"

Kathrin Voigt leitet die Regine-Hildebrandt-Schule, die vor Kurzem den Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule erhielt. Schon Mitte der neunziger Jahre hat die Brandenburger Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe den Weg zur Inklusion eingeschlagen. Ihr Erfolgsrezept ist ein Team aus motivierten Lehrkräften, das sich notwendigen Veränderungen jeden Tag aufs Neue stellt.

___Stehen bei Ihnen immer zwei Lehrer vor der Klasse?

Das kriegen wir leider nicht hin. Wir haben eine ganz normale Stundenausstattung und eine bestimmte Zahl an Integrationsstunden entsprechend des Förderbedarfs zur Verfügung. Dadurch, dass wir zusätzlich möglichst auf eine leistungsbezogene Teilung der Klassen verzichten, können dort dann im Einzelfall zwei Lehrer unterrichten. Das funktioniert vor allem deshalb, weil sich unsere Lehrkräfte untereinander intensiv austauschen und gemeinsam schauen, wo der ein oder andere Schüler Unterstützung braucht.

___Sie leben Inklusion auch bei Sportwettbewerben ? geht es da nicht allein um Leistung?

Der Grundgedanke ? nicht nur beim Sport, sondern auch in anderen Fächern ? ist, dass jeder gefordert wird und das Machbare aus sich herausholt. Das funktioniert ganz hervorragend innerhalb einer Mannschaft, zu der auch Schüler mit einem Handicap gehören, weil am Ende der Erfolg des ganzen Teams zählt. Das ist dann eine wirklich integrative Leistung!

___Mannschaft ist das Stichwort: Nimmt Ihre Schule zum ersten Mal an dem oben beschriebenen Segelprojekt teil?

Nein, das ist inzwischen schon eine Tradition, die von sehr engagierten Kollegen aufrecht erhalten wird. Die sorgen auch dafür, dass Schüler mit und ohne Behinderung aus unterschiedlichen Klassen mitmachen können und alles entsprechend vorbereitet wird.

___Dass Jugendliche den Zusammenhalt auf einem Schiff selbst erleben können klingt nach einer tollen Idee!

Das ist es. Die Schüler sind ganz begeistert, wenn sie zurückkommen und haben großartige Erfahrungen gemacht.

___Und wie gestalten sich die Erfahrungen hinsichtlich der späteren Berufswahl?

Mit dem Abschluss einer allgemeinen Förderschule sieht es auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt natürlich nicht gerade rosig aus. Was uns häufig gelingt ist, dass wir einem Schüler zu Beginn der neunten Klasse den Förderstatus aberkennen können, weil er sich entsprechend bemüht hat. Dieser kann dann einen regulären Abschluss machen. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Berliner Zentrum für Selbstbestimmtes Leben zusammen, wo insbesondere behinderte Schüler eine Zukunfts- und Berufsberatung erhalten.

___Was verbirgt sich denn hinter Ihrer Elternschule?

Wie heißt es: "Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden." Die Elternschule wird von unserer Schulsozialarbeiterin organisiert. In Gesprächsrunden gibt es dabei Unterstützung für engagierte Mütter und Väter, die wissen wollen, was in ihren Kindern vorgeht.

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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