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Gute Laune eine Frage des Alters?

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Dr. Michaela Riediger

Diese Frage beantwortet PD Dr. Michaela Riediger im Interview. Sie ist Leiterin der Forschungsgruppe "Affekt im Lebensverlauf" des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung.

___"Affekt im Lebensverlauf" ? was können sich unsere Leser darunter vorstellen?
In der Psychologie wird "Affekt" als Oberbegriff für kurzfristige Emotionen und längerfristige Stimmungen verwendet. Wir interessieren uns in unserer Forschung dafür, ob sich Personen unterschiedlichen Alters in solchen emotionalen Erfahrungen unterscheiden. Wir untersuchen auch, ob sich verschiedene Altersgruppen in ihren Fähigkeiten unterscheiden, emotionale Seiten unseres Lebens zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Unser Schwerpunkt liegt auf dem Altersbereich von der Jugend bis ins hohe Alter.

___Dass Kinder einen anderen Humor haben, als Erwachsene, erscheint logisch. Verändern sich solche Eigenschaften noch im Erwachsenenleben?
Vergleicht man junge, mittelalte und ältere Erwachsene, so lassen sich tatsächlich Unterschiede in emotionalen Prozessen feststellen. Diese betreffen nicht nur kurzfristige emotionale Reaktionen wie im Falle von Humor, sondern auch das emotionale Wohlbefinden. Inwiefern diese Unterschiede auf altersbezogene Veränderungen der Personen oder auf Unterschiede in den Lebensbedingungen zurückzuführen sind, ist noch nicht geklärt. Hierfür müssten dieselben Menschen über viele Jahre hinweg immer wieder untersucht werden.

___Ihre Forschungsgruppe arbeitet seit 2009. Was sind die bislang überraschendsten Ergebnisse Ihrer Arbeit?
Zum Beispiel haben wir Personen von 12 bis über 85 Jahre mithilfe einer mobiltelefonbasierten Untersuchungsmethode wiederholt zu ihrer momentanen emotionalen Befindlichkeit in normalen Alltagssituationen befragt. Dabei zeigte sich, dass die älteren Studienteilnehmer (60 Jahre und älter) das vergleichsweise höchste und die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das vergleichsweise niedrigste emotionale Wohlbefinden im Alltag berichteten.

___Ist denn nun gute Laune tatsächlich eine Frage des Alters?
Die Antwort hängt vom Altersbereich und der eingesetzten Methode ab. Befragen wir wie beschrieben Personen bis etwa zum Alter von 85 Jahren wiederholt zu ihrer momentanen Stimmung, dann finden wir tatsächlich, dass ältere Menschen typischerweise durchschnittlich höheres Wohlbefinden im Alltag berichten. Es gibt Hinweise, dass dieses höhere Wohlbefinden bei vielen erst in der letzten Lebenszeit vor dem Tode wieder abnimmt.

___Wie können Ihre Forschungsergebnisse der Gesellschaft von Nutzen sein?
Relevant ist zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Alterszusammensetzung der Bevölkerung derzeit deutlich verändert ? der Anteil alter Menschen steigt deutlich an. Daher ist es wichtig, möglichst viel über diese und andere Altersgruppen zu erfahren. Unsere Forschungsergebnisse helfen, dem vorherrschenden einseitigen Bild vom Alter als einer Phase des Abbaus und des Verlustes eine differenzierte Sichtweise gegenüberzustellen.

___Welche Vorteile kann es für den Einzelnen bringen, um die unterschiedliche Gefühlswelt im Lebensverlauf zu wissen?
Es kann ihm vielleicht helfen, emotionale Erfahrungen anderer besser deuten zu können. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Unsere Forschungsergebnisse beziehen sich auf Durchschnittswerte, nicht auf einzelne Personen. Innerhalb von Altersgruppen gibt es große Varianz (Streuungsmaß), so dass die mittleren Unterschiede mehr oder weniger gut auf Einzelpersonen zutreffen können.

___Sind wir unserer Gefühlswelt sozusagen ausgeliefert, oder können wir unser Empfinden gezielt beeinflussen?
Ohne die Fähigkeit, unsere Gefühle kontrollieren zu können, würden wir viele Anforderungen des Lebens nicht bewältigen können. Prinzipiell gibt es viele Strategien, wie wir unser Empfinden beeinflussen können. Diese reichen von der gezielten Auswahl bzw. Vermeidung von Situationen bis hin zur Umdeutung der emotionalen Bedeutung solcher Situationen. Natürlich unterscheiden sich Menschen darin, wie gut sie Gefühle kontrollieren können. Ob sich diese Fähigkeit mit dem Alter verändert, ist eine der offenen Fragen, mit der wir uns beschäftigen.

Zur Ausgabe 2012 der SoVD-Zeitung




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